Streit um van der Vaart Pokerspiel mit lauter Verlierern

Um diese Entscheidung ist der HSV nicht zu beneiden: Lässt der Club den wechselwilligen Rafael van der Vaart zum FC Valencia ziehen und setzt damit womöglich die Saison in den Sand - oder baut man weiter auf einen unwilligen Spielmacher? Die Fans sind so oder so sauer.

Von Markus Tischler


Felix Schoenfeldt, elf Jahre alt, hat dem "Hamburger Abendblatt" einen Leserbrief geschrieben. Der Schüler ist sauer, dass Rafael van der Vaart den Hamburger SV verlassen will, und das lieber heute als morgen. Felix hat sich nämlich von seinem ersparten Taschengeld ein HSV-Trikot gekauft, auf dem der Schriftzug "Van der Vaart" und die Rückennummer 23 prangt. 62 Euro habe er dafür bezahlt, berichtet Felix, doch in ein paar Tagen könnte sich das als Fehlinvestion erweisen. Dann, so der junge HSV-Fan, wäre des Hemd genauso viel Wert wie eines mit dem Namen des in der vergangenen Saison zu Bayern München gewechselten Daniel van Buyten: "nämlich nix".

HSV-Profi van der Vaart: Trikot nix mehr wert
AP

HSV-Profi van der Vaart: Trikot nix mehr wert

Der HSV wäre indes 14 Millionen Euro reicher, würde der Club van der Vaart heute noch zum FC Valencia ziehen lassen. Das aber will der HSV nicht tun, wie Vereinsboss Bernd Hoffmann sagte. Aus gutem Grund. Schließlich ist der Niederländer für die Hamburger der wichtigste Mann im Team. Ohne den Spielmacher könnten die selbstgesteckten Ziele - in dieser Saison im oberen Drittel der Bundesliga-Tabelle vertreten zu sein und im DFB-Pokal weit zu kommen - schnell Makulatur werden.

Als wäre der Fall nicht schon verfahren genug, kann man heute die Stunden und Minuten wie zu Silvester bis zum großen Knall herunterzählen. Denn die Frage ist: Spielt van der Vaart - oder spielt er nicht beim Auftritt des HSV im Uefa-Cup-Qualifikationspiel bei Honved Budapest (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE)? Steht der 24-Jährige auf dem Platz, wird sich Valencia woanders nach einer Verstärkung für die eigene Mannschaft umschauen. Warum nach der Partie noch einmal fünf Millionen drauflegen für einen, der dann aufgrund der Uefa-Regularien bis Februar nicht mehr in der Champions League oder im Uefa-Cup für einen anderen Verein spielen darf? Ein Problem freilich, das auch der HSV hat. In welchen Profi soll man das Geld investieren? Gleichwertiger Ersatz lässt sich bis zum Ende der Transferperiode am 31. August wohl nicht mehr finden.

Dass van der Vaart sich nun vorgestern beim Hochheben seines Sohnes am Rücken verletzt haben will, könnte da allen Beteiligten recht sein. So gewinnt man nämlich Zeit. Der HSV spielt in Budapest auf Risiko und schont den angeschlagenen van der Vaart, setzt damit aber die Uefa-Cup-Teilnahme aufs Spiel. Geht es schief, könnte der Leidtragende am Ende Huub Stevens heißen, obwohl der Trainer für das Hin und Her gar nichts kann.

Beim HSV wäre van der Vaart zwar nach dieser "Zwangspause" weiter "unverkäuflich", wie es Sportchef Dietmar Beiersdorfer Anfang der Woche formulierte, aber das gilt wohl nur bis zum Abpfiff der Partie. Denn den bis vor kurzem noch beliebten Kicker am Sonntag im Bundesligaspiel gegen Bayer Leverkusen (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf den Platz zu schicken, scheint angesichts der verärgerten Reaktionen vieler HSV-Anhänger, die ihren Unmut im Forum auf der Internetseite des Vereins äußerten, keine gute Idee zu sein. Van der Vaart könnte dann nämlich neben den derzeitigen Rückenschmerzen und den angekündigten "Schmerzen im Herzen" bei einem Verbleib in Hamburg auch noch Ohrenschmerzen von den Pfiffen und Buhrufen der Fans bekommen.

Das klingt alles nicht gesund, sondern eher nach Ruhepause. Oder auch Denkpause: auf der Bank, auf der Tribüne - oder zu Hause. Das Dilemma für van der Vaart indes ist: Er kann sich für die niederländische Nationalmannschaft nur empfehlen und an der Europameisterschaft im kommenden Jahr in Österreich und der Schweiz teilnehmen, wenn er spielt und Tore schießt. Und so gibt es in dieser Pokerpartie im Moment eigentlich nur Verlierer: den Niederländer, den HSV, Valencia - und Fans wie Felix Schoenfeldt.



insgesamt 98 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Andreas Hoberg, 16.08.2007
1.
Am Besten man macht einen Kompromiß: - lässt ihn Ende der Hinrunde ziehen - setzt ihn bei UEFFA Cup Spielen nicht ein. - Van der Vaart reisst den HSV bis zum Ende der Hinrunde weiter voll mit Letztlich kann man niemanden hindern, seinen Arbeitgeber vorzeitig zu wechseln.
pauliborn, 16.08.2007
2. ay ay ay
schwierig... soll man das Herz seiner Mannschaft einfach ziehen lassen? In allererster Linie zeigt die Situation ja mal wieder das zu junge Menschen zuviel Geld im Fußball verdienen. Ich kann den Herrn v.d.V ja verstehen, aber mal ehrlich: Hätte er seine Geschichte mit den Großeltern ausgepackt und sich mit Valencia darauf geeinigt zur nächsten Saison dort anzufangen, mit dem Verweis darauf seinen aktuellen Brotgeber nicht im Stich sitzten lassen zu wollen, hätte man ihm hier in Hamburg ein Denkmal gebaut und in Spanien mit großem Respekt empfangen. Die jetzige Situation kann nur noch Verlierer hervorbringen... schade. Aber das hätte man voraussehen können bevor man Interviews in Spanien gibt... Aber wenn er gleich spielt hat sich das Thema eh ersteinmal erledigt ;-)
Nudas veritas, 16.08.2007
3.
Ich finde der HSV sollte VdV nicht ziehen lassen. Der wird sich, genauso wie das Publikum, schon wieder beruhigen. Außerdem kann er sich in Hinblick auf die EM, wie SPON auch schreibt, eine schlechte Saison, in der er sich zur "Strafe" hängen lässt, nicht leisten.
Reziprozität 16.08.2007
4.
Pacta sunt servanda. Da gibt es Fussballprofis, denen 5 Minuten nach Vertragsunterzeichnung einfaellt, dass sie eigentlich schon immer zu einem anderen Verein wollten... (s. D. Hamann)
Marathomas, 16.08.2007
5. Tschüss
Ein gefrusteter Spielmacher, der nur gezwungenermaßen spielt hilft keiner Mannschaft weiter. Letztlich kann man niemanden hindern, seinen Arbeitgeber vorzeitig zu wechseln. Da stellt sich natürlich die Frage, wieviel Veträge überhaupt wert sind. Letztendlich zählt nur das Geld und ab einer gewissen Summe ist fast jeder käuflich; da ist der Fußball nur ein Spiegelbild der westlichen Gesellschaft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.