Studenten-Scouts Datensammler für Klinsmann

Bei seinem Unternehmen WM-Titel überlässt der DFB nichts dem Zufall. In Köln analysieren Studenten Spiele der möglichen Gegner. Mittlerweile kann Chefscout Urs Siegenthaler auf riesige Datenmengen zurückgreifen. Ergebnis: Auch die Brasilianer haben Schwächen.
Von Jürgen Bröker

Köln - Urs Siegenthaler ist ein gewissenhafter Mann. Diese Eigenschaft ist wichtig, schließlich soll der Schweizer als Chefscout von Bundestrainer Jürgen Klinsmann alle Daten über Deutschlands mögliche WM-Gegner sammeln. Wie schießt Frankreich die Ecken? Wer ist in der Mannschaft Costa Ricas der gefährlichste Stürmer? Wie verhalten sich Spaniens Abwehrspieler bei Angriffen über außen? Auf dem Weg ins Finale nach Berlin könnten diese Informationen wichtig werden. Deshalb soll keine Information verloren gehen.

Etwa 250 Gigabyte Daten je Mannschaft werden Klinsmann bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels am 9. Juni in München zur Verfügung stehen, schätzt Siegenthaler. Eine ungeheure Datenmenge. Als Spielszenen, gebrannt auf DVDs. Abrufbar mit wenigen Klicks am Computer. Unzählige Stunden Arbeit stecken in dem Mammut-Projekt. "Mir war schnell klar, dass ich die riesigen Datenmengen nicht allein bewältigen kann", sagt Siegenthaler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Bereits im vergangenen Jahr hat der DFB deshalb den Kontakt zur Deutschen Sporthochschule in Köln gesucht. Dort wurde ein für den deutschen Fußball bisher einzigartiges Projekt aus der Taufe gehoben. 16 Studenten haben in den vergangenen Monaten akribisch Spielszenen der 31 WM-Gegner der DFB-Auswahl untersucht und kategorisiert. Wie sollte man gegen sie spielen? Wer sind die Schlüsselspieler?

Einer der Studenten ist Stephan Nopp. Der 26-Jährige analysiert Spanien und die Ukraine. Diese beiden Mannschaften hat er seit Beginn des Projekts mehr als 900 Minuten lang Fußball spielen sehen. Untersuchungsgegenstand waren die letzten fünf Spiele der Qualifikation und die Begegnungen 2006. Jeder der 16 Studenten kümmert sich um zwei Mannschaften und hat ähnlich lange vor dem Rechner gesessen. Mehrere Stunden dauert die Analyse eines Spiels. Dabei filtern die Studenten das Material nach verschiedenen Kriterien. "Das sind mannschaftstaktische Auffälligkeiten, aber auch Stärken und Schwächen einzelner Spieler", erklärt Nopp.

Daten schießen keine Tore

So weiß er mittlerweile, dass Spaniens Superstar Raul sich gerne zurückfallen lässt. Er kennt die Stärken eines Andrij Schewtschenko (Ukraine). Und er hat beobachtet, dass die Spanier gerne ihre Angriffe über einen Pass in die Spitze einleiten.

Zweimal im Monat stattet Siegenthaler der Sporthochschule einen Besuch ab und stimmt sich mit den Studenten ab. "Zeig mir noch mal den Raul", sagt er. Dabei blickt er über Nopps Schulter auf dessen Bildschirm. Dort hat sich Raul gerade den Ball im Mittelfeld erkämpft und spielt ihn nach vorn. Nur wenige Sekunden ist diese Szene lang, "aber sie ist typisch für Rauls Spielweise", sagt Nopp. Mit wenigen Klicks belegt er seine Aussage. Gleich vier ähnliche Situationen Rauls ruft er so nach und nach auf. Siegenthaler ist zufrieden.

"Die Studenten liefern uns ein Gesamtbild der Mannschaften. Unsere Aufgabe ist es, die Informationen für den Bundestrainer zu filtern", erklärt er. Klinsmann und sein Trainerteam müssten diese Informationen dann richtig interpretieren und ihre Mannschaft entsprechend auf- und einstellen. Auch den Spielern hilft das DVD-Material. "Gesprochene Informationen blieben zu 20 Prozent im Gedächtnis hängen, notierte bereits zu 40", sagt er. "Wenn ich aber über bewegte Bilder informiert werde, merke ich mir das zu 80 Prozent." Dennoch weiß auch Siegenthaler, dass Daten allein keine Tore schießen und schon gar keinen Weltmeister machen. Aber möglicherweise geben sie den entscheidenden Hinweis, wie ein Gegner zu knacken ist.

Lob von Klinsmann

In anderen Ländern gehören solche Scoutsysteme längst zum Alltag. "In der US-Basketballliga wird bereits seit vielen Jahren mit entsprechenden Daten und Videoanalysen gearbeitet", sagt Siegenthaler SPIEGEL ONLINE. Auch im Fußball könnten Nationen wie England und Frankreich in der Spielvorbereitung auf umfangreiches Datenmaterial zurückgreifen. Daher sei es höchste Zeit, dass auch in Deutschland systematisch solche Daten gesammelt würden.

Die Studenten leisten ihre Arbeit ohne finanzielle Gegenleistung, bekommen aber jede Menge Stoff für ihre Diplomarbeit. Der DFB revanchiert sich auf seine Weise. Alle am Projekt Beteiligten wurden im März zum Freundschaftsspiel gegen die USA (4:1) nach Dortmund eingeladen. Einen Tag später besuchte Klinsmann die Studenten in Köln und lobte die gute Zusammenarbeit. "Ihre Arbeit ist sehr wichtig. Womöglich sind wir danach ein paar Prozent besser informiert als unsere Gegner, und diese Chance muss natürlich genutzt werden", sagte Klinsmann.

Student Nopp macht sich über seinen Anteil an einem möglichen Erfolg des deutschen Teams indes keine Illusionen. "Unsere Leistung ist nicht messbar. Aber ich hoffe, wir können ein wenig zum Erfolg beitragen", sagt er. Er zählt Italien, Argentinien und Brasilien zu den Favoriten. Natürlich Brasilien. Wen sonst? Und dafür die ganze Analysearbeit? So einfach sei das auch nicht, sagt Nopp. "Wir haben hier auch Spielszenen der Brasilianer, in denen sie ganz schlecht aussehen."

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