Stürmer-Krise Gomez im Abseits

Vor der entscheidenden Partie gegen Österreich fürchtet Mario Gomez um seinen Platz in der deutschen Startelf. Für den Stürmer wird das Duell zur persönlichen Pattsituation: Schlägt ein neues Sturmduo ein, winkt endgültig die Ersatzbank. Patzt es, droht Deutschland das Aus.
Von Cathrin Gilbert

Was muss ich denn noch tun, damit ihr mir glaubt? Diese Frage begleitet Mario Gomez seit Tagen. Er kann den Diskussionen über seine Motivation bei dieser Europameisterschaft nicht folgen. "Ich verstehe das alles nicht", sagt er; und meint das ehrlich. Er sei doch hier, um mit der Mannschaft den Titel zu holen. Nicht als Showpony für internationale Spitzenclubs. "Manche vermuten, dass ich mich vor allem für andere Vereine bewerben möchte. Doch das stimmt nicht", sagt Gomez - der nur ein Ziel vor Augen hat: Europameister werden.

Der 22-Jährige wird heute Abend gegen Österreich (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wahrscheinlich nicht von Beginn an spielen und kann deshalb, unabhängig vom Ergebnis, zum Verlierer des Tages werden. Denn gelingt dem voraussichtlich gesetzten Sturmduo Lukas Podolski und Miroslav Klose eine Torgala in WM-Manier, wird Mario Gomez vom möglichen Favoriten auf die EM-Torjägerkrone im Viertelfinale gegen Portugal zum zweiten DFB-Edel-Joker neben Kevin Kuranyi.

Entwickelt sich das Spiel zu einem weiteren Debakel, fährt Deutschland verdient, und Gomez womöglich ohne einen Turniertreffer, bereits nach der Vorrunde nach Hause. Gomez hat sich diese Pattsituation mit zwei schwachen Leistungen gegen Polen und Kroatien selbst eingebrockt. Bundestrainer Joachim Löw schenkte ihm bei beiden bisherigen Vorrundenpartien sein Vertrauen, Gomez hat die Erwartungen nicht erfüllt. Glaubt man der Berichterstattung der vergangenen Tage, gibt es eine einfache Erklärung für dieses Formtief. Seine Gedanken kreisen schon jetzt ausschließlich um den angeblich bevorstehenden Wechsel vom VfB Stuttgart zu Bayern München. Die Diagnose lautet: Psychische Blockade. Das leuchtet ein, auf den ersten Blick.

Aber nicht nur Gomez wehrt sich gegen diesen Vorwurf. Für seinen Vereinstrainer Armin Veh ist das "einfach nur Unsinn".

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE sagt Veh: "Mario spielt auch nächste Saison beim VfB Stuttgart. Von nichts anderem gehe ich aus und darauf freue ich mich. Die Wechselgerüchte sind ja nichts Neues für ihn. Egal, wie die EM für Mario ausgeht, selbst wenn er ohne einen einzigen Treffer ausscheiden sollte, hat er die Stärke, positiv aus dem Turnier rauszugehen."

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff begründet Gomez' Durchhänger damit, dass der Angreifer "sich zu viel vornimmt". Gomez sei ein wahnsinnig ehrgeiziger Spieler, sagt Bierhoff. "Er ähnelt mir in meinen ersten Profi-Jahren. Vielleicht will er zu viel, zu schnell, auf einmal." Vielleicht wollen auch einfach nur andere von ihm zu viel, zu schnell, auf einmal.

Es ist das erste Turnier im Nationalmannschaftstrikot für Mario Gomez. Das darf keine Entschuldigung für seine Leistung sein, aber eine Erklärung. Für den weltweit anerkannten US-Sportpsychologen James E. Loehr ist die größte Herausforderung für einen jungen Sportler die "Fähigkeit, sich ungeachtet der Wettkampfbedingungen an seiner oberen Leistungsgrenze zu bewegen". Diese Fähigkeit müsse man erlernen. "Ein einziger negativer Gedanke kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden", sagt Loehr.

Im EM-Quartier in Ascona ist Gomez seit der 1:2-Niederlage gegen Kroatien vergangenen Donnerstag damit beschäftigt, seine Gedanken zu ordnen. Er versucht alles, um seine Leistungsgrenze zu erreichen und negative Gedanken zu verbannen. Gomez besucht die freiwilligen Joga-Kurse und führt Einzelgespräche. Seine Freundin empfing er am Tag nach der Niederlage gegen Kroatien nicht im Mannschaftshotel. Ihm sei in dem Moment wichtiger gewesen, abzuschalten und zu entspannen.

Entspannen von dem Druck, der sich in den vergangenen Wochen um ihn aufgebaut hat. Beim VfB Stuttgart ist er längst zum Leader herangewachsen und bekommt dort von Trainer Armin Veh auch psychologisch die Pflege, die er braucht. In der Nationalmannschaft ist Gomez, trotz seiner großartigen Trefferquote vor der EM (19 Tore in 25 Bundesliga-Spielen), noch einer unter vielen. Einen Fürsprecher im Kreis der Führungsspieler hat er noch nicht.

Seinen Charakter ändert Gomez deshalb nicht. Er bleibt trotz seines schnellen Aufstiegs immer noch sympathisch authentisch, übt weiterhin Selbstkritik. Gefährlich wird es nur, wenn Gomez zu sehr ins Grübeln gerät. Dann fängt er an zu stolpern, wie gegen Kroatien.

Anschließend war er schonungslos zu sich selbst: "Gegen Polen war ich schon nicht zufrieden mit meiner Leistung. Gegen Kroatien war es sicher nicht besser." Gomez ist ehrlich. Das, was er nach dem Spiel der Öffentlichkeit mitteilt, entspricht seinen wahren Gedanken - im Gegensatz zu den Aussagen vieler Kollegen. "Sportler müssen aber eine Rolle spielen, um die Kontrolle über ihren mentalen Zustand zu bekommen und die größtmögliche Leistung abzurufen. Wenn Sie in einem Fachgebiet professionell arbeiten möchten, müssen Sie sich selbst für diesen Bereich erfinden", lehrt Loehr.

Vielleicht hat sich Mario Gomez nicht von den Spekulationen ablenken lassen, vielleicht fehlt ihm einfach noch ein Stück Professionalität. Er hat sich für seine Rolle als Deutschlands Vorzeigestürmer noch nicht selbst erfunden. Bleibt zu hoffen, dass seine Mannschaftskollegen gegen Österreich gewinnen und Gomez sich doch noch mal in die Mannschaft zurückspielen darf, um sich den letzten Tick an Professionalität zu erarbeiten. Denn Theo Zwanziger war schon vor dem Turnier überzeugt: "Dieser Junge ist ein Traum."

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