Stuttgart - Hertha 1-0 Wirbel um Pablo Thiam

Der VfB Stuttgart hat die sportliche Talfahrt in der Rückrunde vorerst gestoppt und mit einem 1:0-Heimerfolg gegen Hertha BSC Berlin wieder Kontakt zu den Europacup-Rängen aufgenommen.


Stuttgart - Als Krassimir Balakow nach 82 Minuten das Spielfeld verließ, schien die Welt beim VfB Stuttgart wieder in Ordnung zu sein. Donnernder Applaus von den Rängen verabschiedete den überzeugenden Spielmacher, und Trainer Ralf Rangnick bedankte sich per Handschlag beim Bulgaren, den er nach wiederholtem Zoff in der vergangenen Woche als Kapitän abgesetzt hatte. Das 1:0 (0:0) über Hertha BSC nach zuvor zwei Niederlagen wirkte wie Balsam auf die Wunden der krisengeschüttelten Schwaben.

"Das war die erste positive Nachricht in dieser Woche", meinte Sportdirektor Karlheinz Förster strahlend. Der glückliche Erfolg durch ein Tor von Sean Dundee (61.) übertünchte die Probleme in der Mannschaft und in der Vorstandsetage beim wirtschaftlich klammen Traditionsklub. "Es war sicher auch eine Trotzreaktion des Teams, denn es war keine einfache Situation. Es war ein Sieg der Moral und der Kampfbereitschaft, aber deshalb ist nicht alles Gold, was glänzt", sagte Rangnick unter anderem mit Blick auf die turbulente Nachspielzeit mit der Roten Karte gegen Viorel Ganea wegen eines Schubsers gegen Andreas Neuendorf (90.).

Doch der nach jahrelanger Alleinherrschaft ebenfalls in die Kritik geratene VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder kommentierte die Situation weit weniger zurückhaltend. Keine Rede mehr von den schwachen Vorstellungen bei den sechs Niederlagen des selbsternannten Europacup-Aspiranten in den acht Spielen nach der Winterpause. Keine Rede mehr davon, dass dem Verein in der kommenden Saison nur drei Millionen Mark für Neuzugänge zur Verfügung stehen.

Vielmehr sprach Mayer-Vorfelder von "Kampagnen der Stuttgarter Zeitungen" gegen Verein sowie gegen Balakow und befand: "Die Mannschaft hat eine exzellente Leistung gezeigt. Man muss eine gesunde Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern haben, und die haben wir. Schauen Sie sich die Tabelle an, wir stehen vor Hertha!"

Dafür konnten sich die auf Platz acht vorgerückten Stuttgarter aber auch beim schwachen Schiedsrichter Dr. Helmut Fleischer und beim Gegner bedanken. "Unterm Strich haben wir uns selber geschlagen", sagte Berlins Coach Jürgen Röber nach dem sechsten erfolglosen Pflichtspiel in Folge. Das ursprünglich anvisierte Saisonziel Champions League gerät für die auf Rang neun abgerutschten Berliner immer weiter aus dem Blickfeld.

Dabei gehörte die wohl spielentscheidende Szene in der 52. Minute ins Kuriositätenkabinett der Bundesliga: Obwohl offenbar weder Fleischer noch dessen Assistent die Rettungstat von Pablo Thiam genau gesehen hatten, der einen Kopfball von Marko Rehmer mit der Hand von der Torlinie schlug, ließ sich der Unparteiische von den Berliner Protesten "überzeugen" und entschied auf Strafstoß. Doch der logische Platzverweis gegen den Übeltäter blieb aus.

"Es war ganz klar Handspiel, doch wir waren nicht sicher, wer es begangen hat", versuchte sich Fleischer wenig überzeugend herauszureden. "Er hat es mit Sicherheit nicht gesehen", meinte hingegen Thiam und fügte grinsend hinzu: "Glück gehabt." Und das gleich mehrfach. Denn zunächst scheiterte Michael Preetz mit seinem schwach geschossenen Elfmeter an VfB-Torhüter Franz Wohlfahrt. Es war bereits der zweite Fehlschuss von Berlins Kapitän und der dritte bei drei Hertha-Versuchen in dieser Saison insgesamt. Und neun Minuten später leitete ausgerechnet Thiam den Siegtreffer durch Dundee ein, der sein Saisontor Nummer sieben markierte.

"Wir haben bei dem Elfmeter sicher ein bißchen Glück gehabt, aber den Sieg haben wir heute verdientermaßen erzwungen. Es war ein Erfolg der Mannschaft. Jeder war bereit, für den anderen zu laufen", erklärte Rangnick, gestand aber gleichwohl Verbesserungsbedarf ein: "Wir müssen versuchen, erstmal Konstanz in unser Spiel zu bringen und 40 Punkte zu erreichen. Dann können wir weiter sehen."



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