Stuttgarter Vereinsführung Wir können alles - außer Fußball

Pleite in Leverkusen, Platz 17 in der Liga: Stuttgart taumelt im Tabellenkeller umher. Doch die Krise des Bundesligisten hat einen Grund: Der Vereinsführung um Dieter Hundt und Erwin Staudt mangelt es an Fußballkompetenz. Ihre möglichen Nachfolger bringen sich bereits in Stellung.
VfB-Führung Staudt und Hundt: Ganzheitliche Perspektive fehlt

VfB-Führung Staudt und Hundt: Ganzheitliche Perspektive fehlt

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VfB Stuttgart

Beim ist es im Moment schon eine gute Nachricht, wenn das kommende Heimspiel stattfinden kann. Am Samstagmorgen ist ein Kran am Stadion umgefallen, ein Teil des Daches wurde zerstört, der Kranführer ist 20 Meter in die Tiefe gestürzt und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Ersten Gerüchten zu Folge drohte die Dachkonstruktion komplett einzustürzen, das hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Das Heimspiel in der Europa League am Donnerstag gegen Benfica Lissabon sei nicht in Gefahr, hieß es am Sonntag. Immerhin. Der Verbleib in der Liga hingegen ist nach dem 2:4 in Leverkusen ungewisser denn je.

Fredi Bobic

Bruno Labbadia

Die Stuttgarter taumeln im Tabellenkeller umher, verfolgt vom Pech. "Wir hätten hier nicht nur einen Punkt, wir hätten hier drei Punkte verdient gehabt", sagte Sportdirektor nach der unglücklichen Niederlage am Rhein. "Irgendwann müssen solche Leistungen belohnt werden, das kann nicht anders sein", klagte Trainer , aber vielleicht ist das Gesamtkonstrukt in Stuttgart einfach zu schadhaft. Inzwischen ist eine Dynamik entstanden, in der so ziemlich jeder Brandherd in Flammen aufging, der in einem Fußballverein entzündlich ist.

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Im Sommer wurde nicht erkannt, was für große Löcher die Abgänge von Sami Khedira und Jens Lehmann im Gefüge hinterlassen würden, die Transferpolitik blieb wirr und deutet auf einen mangelhaften Einblick in die soziale Struktur des Kaders hin. Es folgten zwei wirkungslose Trainerwechsel, die Spieler waren körperlich bis zum Beginn der Rückrunde in einem erbärmlichen Zustand. Zudem hielt die sportliche Leitung verbissen an Torhüter Sven Ulreich fest, obwohl Christian Gross, der erste Trainer der Saison, und Labbadia im Winter einen neuen Mann für diese Position gefordert haben sollen. Und die Spieler werden immer dünnhäutiger.

Zuletzt hat Ciprian Marica, der mit acht Millionen Euro teuerste Transfer der Stuttgarter Clubgeschichte, einer rumänischen Zeitung gesagt: "Ich bereue es, dass ich die Dummheit gemacht habe, einen Fünfjahresvertrag zu unterschreiben. Ich fahre jeden Tag ohne Leidenschaft zum Training." Der Stürmer wurde suspendiert und wird wohl nie wieder für den VfB spielen. Ulreich kam ohne Strafe davon, nachdem er den Mannschaftskollegen Philipp Degen als "Scheiß Schweizer" beschimpft hatte. Der Erklärungsversuch von Trainer Bruno Labbadia: "Für die Spieler und das Umfeld ist es nicht einfach, gegen den Abstieg zu spielen. Sie sind das nicht gewohnt." Die Ursachen für den sagenhaften Absturz des deutschen Meisters von 2007 liegen aber tiefer.

Ein halbes Dutzend Trainer verschlissen

Die "Berliner Zeitung" hat im Zusammenhang mit dem VfB festgestellt "dass auch fernab der Küste die Fische vom Kopf her stinken". Im Zentrum der Kritik: Aufsichtsratschef Dieter Hundt und Präsident Erwin Staudt. Es gab einmal eine Epoche Anfang des Jahrtausends, da galt es als modern, als innovativ, als zukunftsweisend, die Organigramme von Bundesligavereinen mit Erfolgsmanagern aus großen Wirtschaftsunternehmen zu schmücken. Vielen Clubs hat dieser Professionalisierungsprozess sehr gut getan, doch inzwischen sind die Wirtschaftsleute fast überall ins zweite Glied zurückgetreten. Längst gibt es gut ausgebildete Leute mit Fußballsozialisation.

Hundt und Staudt fehlt diese ganzheitliche Perspektive, sie haben in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend Trainer verschlissen, alle paar Monate wurde ein neuer Mann verpflichtet, nicht selten Leute mit großen Namen und konträrem Spielverständnis zum jeweiligen Vorgänger. 70 Millionen Euro hat der Club in den vergangenen vier Jahren durch Transfers erwirtschaftet, jeder neue Trainer durfte das Team für ein paar Millionen umbauen, der VfB wurde zum Club im permanenten Wandel. Nun scheint der nächste Umbruch in die Hose zu gehen. "Wir hatten Erfolge - aber eben nie auf Dauer, dieses Phänomen kann ich nicht erklären", sagt Staudt, der offenbar langsam einsieht, dass es möglicherweise Leute gibt, die sich besser eignen, einen Fußballclub zu führen.

Die "Stuttgarter Zeitung" berichtet jedenfalls, dass der 62-Jährige amtsmüde sei, VfB-Legende Hansi Müller wird als Nachfolger gehandelt, streitet derzeit allerdings jegliches Interesse am Präsidentenposten ab. Aber vielleicht ist das nur taktisches Kalkül. Sicher ist, dass sich hinter den Kulissen längst die Kritiker in Stellung bringen, es gibt eine "Aktion VfB 2011", die Staudt und Hundt absetzen will. Neben Müller tummeln sich Alt-Internationale wie Karl Allgöwer und Thomas Berthold im Schatten der Krise. "Der Verein wird jetzt von der Vergangenheit eingeholt. Es fehlt im Vorstand an Fußballkompetenz. Die Zeit ist reif für eine komplette Neuaufstellung", sagt Berthold. Der ehemalige Nationalspieler hat noch nicht viel bewegt als Funktionär, aber mit dieser Analyse könnte er richtig liegen.

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