Stuttgarts Meistertitel Verdient - aber nicht gerecht

Der VfB Stuttgart steht kurz vor dem großen Ziel: Noch 90 Minuten trennen die Elf von Trainer Armin Veh von der Meisterschale. Der Triumph wäre verdient, der VfB stellt ein perfekt eingespieltes Team. Doch für Veh und Manager Heldt gibt es noch viel Arbeit.

Von Peter Unfried


Falls jemand noch letzte Zweifel haben sollte, ob der VfB Stuttgart tatsächlich deutscher Fußballmeister 2007 wird, so hat Guido Buchwald Fakten geschaffen. Auch wenn Verantwortliche und Spieler verständlicherweise bremsen: Der ehemalige VfB-Kapitän wird sich nicht davon abhalten lassen, die Meisterschale am kommenden Samstag dem VfB zu überreichen. "Das wars", sagte Buchwald gestern Abend im ZDF-Sportstudio mit seinem berühmten Mona-Lisa-Lächeln: "Daheim gegen Cottbus, da kann nichts mehr passieren." Buchwald ist als Schütze des meisterbringenden VfB-Tores von 1992 und Weltmeister von 1990 eine Instanz. Gehen Sie also mal davon aus, dass der VfB tatsächlich zum fünften Mal nach 1950, 52, 84 und 92 Meister wird.

Handelt es sich um eine verdiente Meisterschaft? Selbstverständlich. Das heißt nicht, dass es "gerecht" ist, wenn der VfB den Titel holt. Im engeren Sinn schon, denn diese Gerechtigkeit definiert die Tabelle. In einem größeren Zusammenhang hat sich durch die Entwicklung der letzten Wochen bei neutralen Beobachtern der Eindruck verfestigt, der VfB sei ein angemessener und schönerer Meister als Schalke oder Werder.

Warum? Weil Werder seit nunmehr vier Jahren auf höchstem Liga-Niveau agiert und die Schalker seit vergangenen Herbst souverän auf Titelkurs waren. Der VfB dagegen kam aus dem Nichts, startete schwach (sieben Punkte nach fünf Spieltagen) und lief dann lange nur so mit. Erst mit zuletzt sieben Siegen in Folge und der besten Rückrunde (35 Punkte) hat man Schalke (29) und Werder (27) abgehängt. Das hat einen hohen Unterhaltungswert, um den es sicher auch geht beim Fußball.

Doch ist dieser erstaunlich schnelle Fortschritt fachlich oder gar moralisch höher zu bewerten als die konzeptionelle Arbeit, die Allofs und Schaaf seit vielen Jahren machen oder die konzeptionelle Arbeit, die Ralf Rangnick im Herbst 2004 in Schalke begonnen hat und die Mirko Slomka weiterentwickelt? Ein kurzfristiger Ausschlag nach oben ist spektakulär und schön, aber die wahre Qualität im Fußball ist nach meiner festen Überzeugung die Nachhaltigkeit, die sich auch über die Tabelle, aber nicht auschließlich über die Tabelle definiert.

Damit will ich nichts gegen den Trainer Armin Veh und den Manager Horst Heldt sagen – nur darauf hinweisen, dass sie auf einem fantastischen Höhepunkt sind, da die Arbeit ja erst begonnen hat. Die Cinderella-Geschichte ist bekannt: Veh wurde vor anderthalb Jahren vom Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Hundt als "Übergangscoach" installiert. In Wahrheit kam er aber als Erfolgscoach zum VfB, einer der praktisch überall (und letztlich auch in Rostock) Erfolg hatte. Nur wurde das in der Erstliga- und titelfixierten Sphäre nicht wahrgenommen.

Der VfB hatte zu dem Zeitpunkt Achterbahnjahre hinter sich: Den Erfolgen der Löw-Jahre (97 und 98) folgte ein steiler Abstieg, die Mayer-Vorfelder-Gedächtnisrekordschulden drückten, Rangnick begann die Konsolidierung, Magath übernahm, eigene Talente mussten ran, in der Folge gab es ein wunderbares Jahr 2003 mit Platz zwei und Champions-League. Dieser Neuaufbau war aber eben nicht nachhaltig, verläpperte durch Spielerverluste (Hleb, Kuranyi, Lahm) und Sammer und war kaputt nach Trapattonis Interregnum. Übrigens auch, weil der VfB eine Tradition hat, entscheidende Spiele (etwa für eine Champions-League-Qualifikation) zu verlieren.

Und nun? Gewinnt man 3:2 in Bochum und Jungnationalspieler Mario Gomez ist die größte Fußballpointe vergönnt: Einwechslung nach langer Verletzung bei 1:2-Rückstand, eine damit verbundene Umwandlung des 4-3-3 in die klassische Veh-Raute, erste Ballberührung, 2:2. "Der Ball fällt mir praktisch auf den Kopf", sagte Gomez. So ist das, wenn es läuft. Die anderen Treffer erzielten Hitzlsperger und Cacau. Den ganz großen Save kurz vor Spielende machte Keeper Hildebrand. Auch das kann man, wenn man will, einer saisonale Logik zuordnen: Alle drei haben mit einer individuell starken Rückrunde die Möglichkeiten des Teams wachsen lassen.

Vehs neuen VfB zeichnet eine Verbindung von Organisiertheit, Selbstbewusstsein, Handlungschnelligkeit, Effizienz, Aufwand und dabei doch auch dem aus, was man ambitionierten Fußball nennt: Tempo- und One-Touch-Spiel mit Spektakel-, aber eben auch Risikofaktor. Beweis: Der VfB hat nach Werder die meisten Chancen rausgespielt. Spieler, die zu Saisonbeginn in einer breiteren Öffentlichkeit keiner kannte, veränderten das Teamgerüst: Zuvorderst der überragende Spielentwickler Pavel Pardo (als Nachfolger von Zvonimier Soldo), dann Gomez, der vor der Saison nur als Ergänzungsspieler galt, aber auch der aus der Zweiten Liga und raketenartig über rechts kommende Roberto Hilberto.

Entscheidend war: Die Verbindung von individuellen Fähigkeiten und Teamarbeit. Der VfB ist derzeit und offenbar auch atmosphärisch ein hundertprozent funktionierendes Team. "Da stimmt's einfach", sagt Guido Buchwald. Das sieht man. Man sieht auch, wie erstaunlich schnell man Spielern etwas beibringen kann. Wenn es im Team stimmt.

Wenn Buchwald die Schale tatsächlich überreicht hat, beginnt eine riesige Aufgabe für Armin Veh: Spieler halten, Stimmung halten, Neid vermeiden, Champions League verkraften, Erfolg bestätigen. Das Schlimmste: Es wird sich kaum verhindern lassen, dass er selbst eines nicht allzu fernen Tages den FC Bayern München trainieren muss.

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