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Uruguays Stürmer Suárez Die Rückkehr des Vampirs

Er hat wieder zugeschlagen: Uruguays Angreifer Luis Suárez biss seinem Gegenspieler in die Schulter - das legen Fotos und TV-Aufnahmen nahe. Der Stürmerstar ist Wiederholungstäter, ihm droht nun nachträgliche eine Sperre fürs Achtelfinale.

Hamburg - Luis Suárez saß auf dem Boden, mit beiden Händen hielt sich der Starangreifer der Nationalmannschaft Uruguays seine obere Zahnreihe. Ein paar Meter weiter: Italiens Verteidiger Giorgio Chiellini, auch er saß auf dem Rasen. Der Abwehrspieler guckte völlig verdutzt seine Mitspieler an und zeigte immer wieder auf seine Schulter.

TV-Kameras und Fotografen hatten die Skandalszene im entscheidenden Spiel der Gruppe D eingefangen, allerdings nur von hinten: Man sieht, wie beide Spieler um ihre Position im Strafraum kämpfen, in dem Gerangel schiebt Suárez plötzlich seinen Kopf vor und führt seinen Mund in Richtung Chiellinis Schulter. Es spricht sehr viel dafür, dass dann ein Biss folgte.

"Er hat mich gebissen, das ist klar. Ich habe immer noch den Abdruck des Bisses", sagte Chiellini im italienischen Fernsehen Rai. Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli sagte: "Ich habe die Szene nicht gesehen, aber ich habe die Bissspuren an Chiellini gesehen. Es ist eine Schande." Und tatsächlich: Als der Italiener das Trikot herunterzog, waren auf seiner Schulter rote Abdrücke zu erkennen. Doch Schiedsrichter Marco Rodríguez hatte die Szene offenbar nicht gesehen - er ließ Suárez ohne Verwarnung weiterspielen.

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Suárez gegen Chiellini: Die Beißattacke in Bildern

Foto: Matthias Hangst/ Getty Images

Auch Chiellini sah keine Karte, er hatte kurz nach dem mutmaßlichen Biss mit seinem Arm durch Suárez' Gesicht gewischt. Die Schuld für die Szene sah der 29-Jährige klar bei dem Angreifer aus Uruguay: "Der Schiedsrichter hätte pfeifen und ihm die Rote Karte zeigen müssen, zumal er auch noch simuliert hat." Uruguays Coach Oscar Tabárez behauptete hingegen, nichts gesehen zu haben: "Es geht um die WM, nicht um die Moral", sagte er lapidar.

Suárez bereits zweimal wegen Beißattacken gesperrt

Suárez selbst hat sich noch nicht zu dem Vorfall geäußert. Der Fußball-Weltverband Fifa teilte auf Nachfrage des Sportinformationsdienstes mit, erst den offiziellen Spielbericht abwarten zu wollen. Danach werde der Fall entsprechend untersucht und behandelt. Dann könnte die Disziplinarkommission der Fifa einschreiten.

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Italien in der Einzelkritik: Unsicherer Buffon, unauffälliger Balotelli

Foto: Paolo Aguilar/ dpa

Es kommt auf den Schiedsrichter an: Erwähnt der Referee aus Mexiko den Vorfall nicht, können die Fifa-Ermittler nachträglich aktiv werden. Gibt Rodríguez an, die Situation gesehen und bewertet zu haben, ist ein nachträgliches Einschreiten nicht mehr möglich, da dann die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters gilt.

Suárez könnte also noch für das Achtelfinale gesperrt werden - es wäre nicht das erste Mal, dass er wegen einer Beißattacke fehlen würde: Im vergangenen Jahr war der Liverpool-Angreifer bereits zehn Spiele vom Spielbetrieb ausgeschlossen worden, nachdem er Chelseas Branislav Ivanovic in einem Premier-League-Spiel gebissen hatte.

2010 musste er eine Sieben-Spiele-Sperre absitzen, weil er - damals noch im Trikot von Ajax Amsterdam - Eindhovens Otman Bakkal biss. "Kannibale von Ajax" wurde er seitdem genannt. Auch als Vampir wird Suárez seitdem gelegentlich bezeichnet. Durch diese Vorgeschichte würde ihm eine deutlich längere Sperre als zwei Spiele drohen, die als Minimalstrafe für ein solches Vergehen vorgesehen ist. Theoretisch sind bis zu zwei Jahre oder 24 Spiele möglich.

Schon bei der WM 2010 hatte Suárez für einen Aufreger gesorgt: Damals verhinderte er in der 120. Minute des Viertelfinals mit einem Handspiel auf der Linie den Siegtreffer der Afrikaner. Suárez sah die Rote Karte, den fälligen Elfmeter vergab Asamoah Gyan, Ghana verlor im Elfmeterschießen. "Das war die beste Parade des Turniers", sagte Suárez anschließend wenig einfühlsam.

Eine Sperre von Suárez im Achtelfinale würde Uruguay enorm schwächen. Beim 2:1-Sieg gegen England hatte er beide Treffer erzielt, er gilt als großer Hoffnungsträger des Landes. "Luis hat sich verändert, er hat sich entwickelt", hatte Nationaltrainer Tabárez nach seinem Doppelpack gesagt.

Nun sieht alles nach einem Rückfall in alte Zeiten aus.

Italien - Uruguay 0:1 (0:0)
0:1 Godin (81.)
Italien: Buffon - Barzagli, Bonucci, Chiellini - de Sciglio, Darmian- Verratti (75. Minute Motta) Pirlo, Marchisio - Balotelli (46. Minute Parolo), Immobile (71. Minute Cassano)
Uruguay: Muslera - Álvaro Pereira (63. Minute Stuani), Godin, Gimenez, Caceres - Lodeiro (46. Minute MaxiPereira) Arevalo Rios, Gonzalez, Rodríguez (78. Minute Ramirez) - Cavani, Suarez
Schiedsrichter: Rodriguez (Mexiko)
Zuschauer: 39.706
Gelbe Karte: Balotelli, De Sciglio - Arevalo Rios, Muslera
Rote Karte: Marchisio

Mit Material von dpa, sid und AP
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