Südamerika-Stars Ein Land, ein Schrei - Paraguay!

Roque Santa Cruz kennt in Paraguay jedes Kind. Doch der Stürmer des FC Bayern ist nicht der einzige Star, den die südamerikanische Nation hervorgebracht hat. Bereits in früheren Jahrzehnten waren Spieler des Landes gefragt. Die Nationalelf feierte Triumphe und schlug sogar Brasilien. Ein Rückblick.

Von André Dahlmeyer


Es war ein Zugereister, der den ersten Fußballclub Paraguays gründete. Der niederländische Lehrer Don William Paats hob 1902 "Olimpia" aus der Taufe, ein Jahr später folgte "Guaraní". Am 18. Juni 1906 lud der Direktor der Zeitung "El Diario", Don Adolfo Riquelme, die Repräsentanten der Clubs Olimpia, Guaraní, Libertad, General Díaz und Nacional zu einem Treffen ein. Das Ergebnis der Sitzung war die Gründung der "Liga Paraguaya de Fútbol".

Stürmer Santa Cruz: Paraguays Stolz
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Stürmer Santa Cruz: Paraguays Stolz

1910 war die Geburtsstunde der paraguayischen Nationalelf - aus Anlass einer Einladung des argentinischen Vereins "Hércules de Corrientes" zu einem Freundschaftsspiel (0:0). Elf Jahre später trat der Fußballverband Paraguays der Fifa bei. Schon bei ihrer zweiten Teilnahme an der Südamerika-Meisterschaft "Copa América" 1922 wurde die "Albirroja", unter diesem Namen firmiert Paraguays Auswahl, Zweiter.

Einer der frühesten legendären Spieler war Arsenio Erico. Mit 16 Jahren debütierte er in der ersten Mannschaft von Nacional. Als Erico 1932 einige Freundschaftsspiele in Argentinien bestritt, wurde Atlético Independiente aus Avellaneda (Großraum Buenos Aires) auf ihn aufmerksam. Zwischen 1934 und 1947 schoss Erico in 327 Spielen 293 Tore für die "Roten Teufel"; er holte zwei Meistertitel und wurde dreimal nacheinander Torschützenkönig (1938 bis 1940). Bis heute ist Erico der "máximo goleador" (Toptorschütze) im argentinischen Profifußball. Kurioserweise spielte der Paraguayer nicht einmal für die Auswahl seines Heimatlandes.

Ein anderer Unvergessener dieser Epoche ist Delfín Benítez "El Machetero" Cáceres. "Ich bin praktisch in einem Stadion geboren, am 24. September 1910 im Barrio Mariscal López von Asunción. Mein Zuhause war gegenüber dem Stadion von Libertad. Das war wie mein Hof, da habe ich Laufen und Fußball spielen gelernt, dort habe ich gelebt", sagte Cáceres einmal. Von Libertad wechselte Cáceres 1932 zu den Boca Juniors nach Argentinien. Als er, noch als unbekannter Spieler, in einem Match der Reserve eine "triplete" (Hattrick) gegen den Erzrivalen River Plate erzielte, staunten die Experten. Cáceres spielte fortan im ersten Team des Clubs. Am 31. Oktober 1932 schlug Boca im "superclásico" genannten Lokalderby River 2:1 - beide Treffer erzielte Cáceres. Mit "Cañoncito" Varallo und "Toto" Cherro bildete er ein legendäres Trio. 1934 und 1935 wurde Cáceres mit Boca Meister.

Historischer Erfolg gegen Brasilien

Nachdem Paraguay 1947 und 1949 Zweiter der "Copa América" geworden war, gelang 1953 endlich der große Coup: Im Finale wurde der haushohe Favorit Brasilien 3:2 bezwungen. Es sollte 26 Jahre dauern, bis Paraguays Nationalteam wieder etwas zu feiern hatte. Bei der Copa 1979 traf Paraguay im Halbfinale auf Brasilien. Es war der legendäre Julio César "Romerito" Romero Insfrán, der Paraguay vor 80.000 Zuschauern in Rio de Janeiros Maracaná-Stadion mit seinem Treffer zum 2:2 die Endspielteilnahme sicherte; in Asunción hatte Paraguay 2:1 gewonnen. Finalgegner Chile stellte kein größeres Problem dar. Paraguay war zum zweiten Mal Südamerikameister.

Den Triumph des Sechs-Millionen-Einwohner-Landes vollendete 1979 Olimpia. Paraguays Meister gewann zunächst gegen die Boca Juniors die "Copa Libertadores" (das südamerikanische Pendant zur Champions League) und anschließend mit zwei Siegen gegen Malmö FF auch noch den Weltpokal: ein Volk, ein Schrei - Paraguay! "Romerito" Insfrán wechselte Ende 1979 mit 19 Jahren von Sportivo Luqueño zu Cosmos New York und kickte dort unter anderem mit Pelé und Franz Beckenbauer. Später spielte Südamerikas Fußballer des Jahres 1985 bei Fluminense in Rio. Ende Juli 2004 verewigte sich Insfrán mit seinen Fußabdrücken in der "Hall of Fame" des Maracaná-Stadions - er war nach dem portugiesischen Stürmer Eusebio erst der zweite Nicht-Brasilianer.

Neben Insfrán war mit Roberto Cabañas, damals 18, ein zweiter Paraguayer zu Cosmos gewechselt. 1983 wurde er Torschützenkönig der "North American Soccer League" (NASL). In 28 Spielen brachte es Cabañas auf 25 Treffer und 16 Assists, außerdem wurde er mit Beckenbauer in das All-Star-Team gewählt. Cabañas gelangte über Stationen in Kolumbien und Frankreich zu den Boca Juniors. In Buenos Aires machte er auch mit dicken Sprüchen gegen den verhassten Erzrivalen River Plate von sich reden - weshalb man ihn bei Boca noch heute vergöttert.

1986 scheitert Paraguay im WM-Achtelfinale

Die WM 1986 in Mexiko hätte das Turnier Enzo Francescolis werden müssen. Der Uruguayer war zu diesem Zeitpunkt zweifellos der beste Fußballer der Welt, ein Platini de luxe und bei River Plate unter Vertrag. Paraguay indes qualifizierte sich über die "repechajes" (Entscheidungsspiele) für die Endrunde. Das Team spielte eine tolle WM (es überstand die Vorrunde ohne Niederlage), das Aus kam am 18. Juni 1986 im Achtelfinale gegen England. Tausende mitgereister Fans aus Paraguay trauerten.

Auch bei den beiden vergangenen Turnieren war jeweils in der Runde der letzten 16 Endstation. 1998, gegen den späteren Weltmeister Frankreich, fehlten Paraguay nur sieben Minuten zum Elfmeterschießen. Laurent Blanc zerstörte den Traum mit seinem "Golden Goal". 2002, bei der WM in Südkorea und Japan, war es DFB-Stürmer Oliver Neuville, der Paraguay eliminierte. Kleiner Trost: Vor zwei Jahren gewann Paraguays Fußballteam in Athen Olympisches Silber, Argentinien holte den Sieg.

Für die WM in Deutschland gilt das Viertelfinale als Mindestziel der Mannschaft von Nationaltrainer Anibal Ruiz. Drei Bundesliga-Profis sollen dabei helfen: Julio Dos Santos und Roque Santa Cruz von Meister Bayern München sowie der Bremer Nelson Valdez. Die paraguayischen Fans sehnen die WM auch deshalb so sehr herbei, da der Liga-Alltag eher trist ist. Zu den meisten Spielen kommen kaum Zuschauer, die besten Profis sind im Ausland aktiv.



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