Drei Punkte Abzug für Waldhof Mannheim Der Tabubruch

Erstmals in der deutschen Fußballgeschichte werden einem Klub wegen Fanvergehen drei Punkte abgezogen. Das Urteil soll Ultras als abschreckendes Beispiel dienen - könnte den Konflikt mit ihnen aber noch verschärfen.
Von Michael Wilkening
Schwarzer Rauch im Mannheimer Fanblock

Schwarzer Rauch im Mannheimer Fanblock

Foto: Simon Hofmann/ Bongarts/Getty Images

"Natürlich!", sagte Achim Späth. Natürlich sei ihm bewusst gewesen, welche Tragweite das Urteil haben wird, das der Vorsitzende Richter des Bundesgerichtes des Deutschen-Fußball-Bundes (DFB) am Dienstag in zweiter Instanz bestätigte. Mehr wollte der erfahrene Jurist nach der Urteilsverkündigung nicht sagen und verwies auf die schriftliche Begründung, die er in den kommenden Tagen verfassen werde.

In der Konfrontation mit der aktiven Fanszene beschreitet der weltweit größte Fußballverband einen neuen Weg: Mit einem Punktabzug als Folge von Zuschauer-Ausschreitungen greift er erstmals in den sportlichen Wettbewerb ein.

Späth und seine beiden Beisitzer bestätigten den Abzug von drei Punkten gegen den Regionalligisten SV Waldhof Mannheim für die laufende Saison, weil das Aufstiegsspiel in der zurückliegenden Spielzeit am 27. Mai gegen den KFC Uerdingen nach einem massiven Einsatz von Pyrotechnik und Leuchtraketen durch die Waldhof-Fans beim Stand von 1:2 in der 81. Minute abgebrochen werden musste.

Bislang war diese Folge der Sanktionierung von Fehlverhalten der Anhänger ein Tabu, wurden bei ähnlichen Vergehen Geldstrafen und Zuschauer-(Teil)Ausschlüsse ausgesprochen. Bei Krawallen nach den Abstiegen des Hamburger SV in diesem Jahr oder dem TSV 1860 München in der vorvergangenen Saison sah der Verband noch von einer Bestrafung durch Punktabzüge ab, jetzt folgte die nächste Stufe der (Straf)-Eskalation.

Urteil von Mannheim dient jetzt als Präzedenzfall

"Wir befinden uns auf neuen Wegen, aber das wollen wir so und gehen diesen Weg jetzt", sagte Späth während der Urteilsverkündung. "Wir haben drei unterschiedliche Gruppierungen von Fans", sagte er: "Fans, Ultras und Verbrecher." Es sei wichtig, diese Gruppen auseinanderzubekommen, um eine Übernahme derer zu verhindern, die sich "nicht auf die Grundlage des Rechts stellen". Das Urteil nach dem Spielabbruch von Mannheim dient jetzt als Präzedenzfall und soll offenbar eine abschreckende Wirkung haben.

Die Mannheimer, die aktuell trotz des Drei-Punkte-Abzuges die Tabelle der Regionalliga Südwest anführen, wähnen sich zum Prellbock gemacht. "Ein bisschen fühlt es sich so an", sagte Geschäftsführer Markus Kompp. Der SV Waldhof hat nach Fanverfehlungen in der Vergangenheit einen schlechten Stand beim Verband und sorgte darüber hinaus für Unmut beim DFB, weil er sich im vergangenen Jahr als erster und prominenter Klub gegen die Maßnahme zur Wehr setzte, die chinesische U20-Nationalmannschaft außer Konkurrenz in der Regionalliga Südwest mitspielen zu lassen.

"Es wird erwartet, dass wir als kleiner SV Waldhof Mannheim diesen Weg zum ersten Mal gehen. Ich weiß nicht, ob das die richtige Wahl war", zeigte Kompp kein Verständnis für das Urteil. Es sei schwierig, ein Problem beim SV Waldhof lösen zu wollen, welches es in ganz Deutschland gäbe.

Dazu passt, dass der von DFB-Präsident Reinhard Grindel gestartete Dialog mit Vertretern der Ultra-Szene erst vor wenigen Wochen von Fanseite aus aufgekündigt wurde. Gleichzeitig wurden verschärfte Proteste angekündigt. "Wir sind weiterhin bis in die Haarspitzen motiviert, für die Grundwerte des Fußballs und gegen eine weitere Entfremdung des Fußballs durch Korruption, Gutsherrenmachenschaften und Kommerzialisierung einzutreten", heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme diverser Fanszenen von Profiklubs. Ob eine Verschärfung der Sanktionen, wie jetzt im Fall des SV Waldhof erstmalig geschehen, Fans von weiteren Aktionen abhält, ist zumindest fraglich.

Für den ehemaligen Bundesligisten SV Waldhof, der inzwischen seit 15 Jahren in der vierten Liga festhängt und sich laut Anwalt Dr. Johannes Zindel ausdrücklich die Möglichkeit offenhielt, vor einem zivilen Gericht gegen das Urteil des DFB-Bundesgerichtes vorzugehen, bleibt die Hoffnung, dass sich der jetzt ausgesprochene Punktabzug nicht sportlich negativ auswirkt. "Es wäre wohl für alle am besten, wenn wir im Mai zwölf Punkte Vorsprung haben und aufsteigen", erklärte Zindel: "Dann könnten wir die Klage zurücknehmen."

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