Streit mit DFB und Fifa Das bedeutet der Gerichtserfolg des SV Wilhelmshaven

Der SV Wilhelmshaven hat sich nach langem Rechtsstreit gegen Fifa und DFB durchgesetzt. Das Urteil dürfte auch andere Klubs ermutigen, den Konflikt mit den Verbänden zu suchen. Fragen und Antworten zum Fall SVW.

Fußballplatz des SV Wilhelmshaven
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Fußballplatz des SV Wilhelmshaven

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Worum geht es in dem Streitfall überhaupt?

Der Streit zwischen Fifa und dem SV Wilhelmshaven geht bis in das Jahr 2007 zurück. Der Verein hatte sich geweigert, für seinen argentinischen Spieler Sergio Sagarzazu eine Ausbildungsentschädigung an dessen Heimatvereine zu zahlen. Dabei ging es um die Summe von 157.500 Euro. Nach den Regularien der Fifa ist so eine Zahlung üblich, wenn Spieler, die jünger als 22 Jahre sind, den Verein wechseln. Damit soll honoriert werden, dass kleinere Vereine Talente ausbilden, die dann woanders Karriere machen. Wilhelmshaven sah allerdings nicht ein, diese Summe zu bezahlen.

Der Weltverband ordnete als Reaktion auf die Weigerung des damaligen Drittligisten zunächst Punktabzüge an, später verlangte die Disziplinarkommission der Fifa dann sogar den Zwangsabstieg aus der Regionalliga. Dieser erfolgte 2014 auf Fifa-Weisung. Der Weltverband drohte in seinem Omnipotenz-Gefühl damals sogar dem DFB: Wenn der Verband den Zwangsabstieg nicht anordne, werde der Deutsche Fußball-Bund aus der WM-Qualifikation ausgeschlossen.

Wieso fällt erst jetzt eine Entscheidung?

Der SVW ist mit seinem Einspruch durch alle bisher möglichen Instanzen gegangen - entsprechend hat sich die Entscheidungsfindung hingezogen. Die Wilhelmshavener waren deswegen in den Medien schon als "gallisches Dorf" bezeichnet worden, die sich wie Asterix gegen die Übermacht der Römer zur Wehr setzen.

Zunächst war der Verein vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas gescheitert, danach vor dem Landgericht Bremen. Erst das Oberlandesgericht Bremen hatte 2014 den Zwangsabstieg für nichtig erklärt. Dagegen wiederum hatte der Norddeutsche Fußballverband NFV Protest eingelegt - so landete der Fall vor dem Bundesgerichtshof. Und der hielt die Argumentation des Vereins für stichhaltig.

Wie lauten die Argumente des Vereins?

Der SV Wilhelmshaven hat sich gegen jede Bestrafung durch die Fifa vor allem mit dem Argument gewehrt, dass er kein Mitglied des DFB und daher auch nicht den Regularien der Fifa unterworfen sei. Der Verein ist anders als die große Mehrheit der anderen Klubs in Deutschland lediglich Mitglied in einem Landesverband, dem Norddeutschen Fußball-Verband NFV. Dagegen hatten die Verbände die Auffassung vertreten, dass mit der Teilnahme am Spielbetrieb automatisch Fifa-Recht anerkannt werde. Dies hat der BGH mit seinem Urteil nun gekippt. Richtlinien seien nur für die Mitglieder eines Verbands bindend, befanden die Richter: "Ob sich aus den Satzungen des DFB oder der Fifa entsprechende Bestimmungen ergeben, ist ohne Belang. Regeln eines übergeordneten Verbands - wie hier der Fifa - gelten grundsätzlich nur für dessen Mitglieder", heißt es in dem Urteilsspruch.

Was bedeutet das Urteil für den Verein?

Die Verantwortlichen des Klubs haben stets deutlich gemacht, dass sie auf die Wiedereingliederung in die Regionalliga, aus der der SVW damals zwangsabsteigen musste, drängen. "Es hat einen Zwangsabstieg gegeben. Dann kann es auch einen Zwangsaufstieg geben", formulierte Vereinspräsident Hans Hermberger. Der Verein ist mittlerweile in der Bezirksliga gelandet, das ist die siebte deutsche Spielklasse. Wenn der Forderung entsprochen würde, würde der Verein also gleich drei Spielklassen nach oben überspringen. Zudem pocht der Klub jetzt auf eine finanzielle Entschädigung.

Welche Auswirkungen hat das Urteil auf Fifa und DFB?

Der Bundesgerichtshof hat mit seinem Urteil nicht die gesamte Rechtsprechung der Fußballverbände infrage gestellt. Fifa und DFB werden auch weiterhin die Hoheit über eine eigene Sportgerichtsbarkeit behalten. Allerdings werden einige Verbände wohl ihre Satzungen deutlich überarbeiten müssen - mit künftig klaren Regeln, welche Bestimmungen der Fifa für die Vereine exakt bindend sind. Zudem dürfte das System der Ausbildungsentschädigung für Spieler noch einmal auf den Prüfstand kommen. Der Bundesgerichtshof äußert sich in dieser Frage nicht eindeutig. Das Oberlandesgericht Bremen hatte zuvor jedoch massive Zweifel geäußert, ob solche Zahlungen mit der Freizügigkeit innerhalb der EU vereinbar seien.

Zudem macht das Urteil denen im Fußballbetrieb Mut, die nicht alles hinnehmen, was ihnen von Fifa und DFB vorgesetzt wird. Bislang galt es als weitgehend aussichtslos, es juristisch gegen die mächtigen Verbände aufzunehmen. Das Beispiel Wilhelmshaven dürfte jetzt auch andere ermutigen, im Konflikt mit den Fußballverbänden auch den Rechtsweg zu bestreiten.



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Nonvaio01 20.09.2016
1. da ich aus WHV komme
freut mich das, und ja nun muss der verein wieder in die regional liga.
HannesFaber 20.09.2016
2. Das gallische Dorf ...
Als (sport-)juristischer Laie war ich bisher davon ausgegangen, dass ein Mitwirken eines Vereins in einem "geordneten" Fußball-Spielbetrieb automatisch eine Mitgliedschaft im DFB und somit eine Anerkennung der dort festgelegten Regularien voraussetzt. Egal, ob Bundesliga oder Kreisliga C. Offenbar ist dem nicht so. Ich hab den "Fall SV Wilhelmshaven" in den letzten Jahren anhand der Presseveröffentlichungen sporadisch mit verfolgt und weiß darüber hinaus keine Details, was den SVW damals bewogen hatte, diese Summe nicht zu bezahlen. Womit ich mir ein wenig schwer tu, ist diese Asterix-Romantik, die das Urteil nun umweht. So begrüßenswert es ist, dass ein kleiner Club den langen Atem hat, sich gegen mächtige Organisationen wie die FIFA oder den DFB zu behaupten – in diesem speziellen Fall geht es doch um eine Regelung, die eigentlich die Kleinen unterstützen soll, indem sie von dem internationalen Transfersummen-Wahnsinn zumindest ein wenig mit profitieren. Wenn nun ein Spieler, der 10 Jahre bei Wilhelmshaven in der Jugend ausgebildet wurde, irgendwann für 30 Millionen Euro zu Chelsea wechselt, dann hätte der Verein wohl eine andere Sicht der Dinge. Man berichtige mich bitte, wenn ich das falsch sehe.
politik-nein-danke 20.09.2016
3. Herzlichen Glückwunsch SVW.....
...endlich mal einer der den selbstgefälligen arroganten Verbandsmeiern die Stirn bietet....
TS_Alien 20.09.2016
4.
Der DFB agiert genauso unseriös wie die UEFA oder die FIFA. Ausbildungsvergütungen sind lächerlich. In anderen Bereichen gibt es diese auch nicht. Genauso lächerlich sind die Regeln, unfähige Schieds- oder Linienrichter nicht als unfähig bezeichnen zu dürfen. Wenn dieses Werturteil durch Fakten gestützt ist, darf es keine Geldstrafen für diese Bezeichnung geben. Jeder weiß, wie dubios viele Funktionäre sind. Man weiß doch, wer Funktionär wird. Je mehr Macht Funktionäre haben, desto unseriöser läuft es in Verbänden ab.
WolfgangCzolbe 20.09.2016
5. Mitglied in welchem Verband?
Wie kann es sein, das der Wilhjelmshavener Fußballverein zwar im Norddeutschen Fussballverband Mitglied ist, nicht aber im DFB?
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