Sylvan Richardson Früher bei Simply Red, heute Masseur bei den "Reds"

Statt Millionen mit Popmusik zu verdienen, knetet Sylvan Richardson heute lieber Fußballer-Beine. Der frühere Gitarrist von Simply Red stieg aus, bereitete Englands Rad-Elite auf die Olympischen Spiele vor - und landete dann beim FC Liverpool. Das Magazin "11Freunde" zeichnet seinen Lebensweg nach.

Sylvan Richardson ist viel Geld durch die Lappen gegangen. Millionen. Er hätte genug für ein Leben verdienen können, nicht mehr einem regulären Job nachgehen müssen, sich nicht mehr um die monatliche Miete sorgen müssen. Wenn, ja wenn er vor 26 Jahren nicht ausgestiegen wäre. Aus Simply Red, einer Band kurz vor dem weltweiten Durchbruch. Und aus der großen, pulsierenden Maschine des Musikgeschäfts.

Richardson streicht über sein Trainingsshirt, er lächelt. "Wenn ich damals dabeigeblieben wäre, dann würde mir heute vielleicht der Liverpool FC gehören." Richardson tourte als Gitarrist um die Welt, holte den schwarzen Gürtel in Martial Arts, bereitete die britischen Radfahrer auf ihren Olympiasieg vor, hat einen Abschluss in Medizin. Und jetzt gehört ihm der FC Liverpool zwar nicht, aber ist er immerhin der Masseur des Clubs.

"Weißt du", sagt er und spricht in bedächtigem Tonfall weiter: "Ich verschwende keine Zeit. Wenn ich etwas mache, dann lebe ich dafür." Als Kind interessierte er sich für klassische Musik. Antonio Vivaldi, Johann Sebastian Bach, Maurice Ravel und Gustav Mahler. Er sagt sie auf wie andere Menschen Fußballaufstellungen. Seine Klassenkameraden in der Grundschule verstanden ihn nicht.

"Willst du Gitarrist von Simply Red werden?"

Von der Klassik wechselte er zum Jazz. Doch obwohl er in vielen Clubs auftrat, war er sich noch nicht sicher, was aus ihm werden sollte. Er mochte außer der Musik noch den Martial-Arts-Kampfsport und die Malerei. Mit Musik, so sagten seine Eltern, könne man sowieso kein Geld verdienen. Richardson war gerade 20, da rief ihn Fritz McIntyre an, ein Keyboarder, mit dem er im Jahr zuvor musiziert hatte. "Willst du Gitarrist von Simply Red werden?", fragte der ihn.

In der Woche seines Beitritts kam die erste Single der Band heraus: "Money's Too Tight to Mention". Sie schoss direkt in die Charts, das war 1985. "Von da an war es wie ein außer Kontrolle geratener Zug. Es ging alles ganz schnell. Vielleicht zu schnell - für mich." Die ersten beiden Alben erreichten im selben Jahr Platz zwei der UK-Charts, die Single "Holding Back the Years" wurde Nummer eins in den Vereinigten Staaten. Simply Red tourten um die Welt, Interviews und TV-Shows reihten sich aneinander. Es war eine wilde Achtziger-Party.

Doch Richardson gefiel das Leben als Popstar nicht. All die PR-Termine, die Interviews, das Showgeschäft - es schnürte ihm die Kehle zu. "Es ging nicht mehr um Musik, sondern um Verkäufe. PR, Kommerz. Unaufhörlich das Gleiche, die gleichen Interviews, die gleichen Lieder. "Ich fühlte mich schlecht, wie gefangen." 1987 in Rotterdam, am Ende einer Europatournee, fasste er den Entschluss, die Band zu verlassen. Kurz bevor Simply Red richtig durch die Decke ging und ihr Album "Stars" 1991 das bestverkaufte in Europa und Großbritannien wurde.

Anatomie-Bücher statt Instrumente

Richardson besuchte stattdessen Kurse über ganzheitliche Medizin und wurde wenig später zum Masseur eines Squash-Clubs ernannt, bei dem er selbst spielte. Der Verein in Manchester war renommiert, nicht zuletzt weil er viele Nationalspieler in seinen Reihen hat. Immer wenn diese zum "National Institute of Sports" fuhren, einer Art Rehazentrum für die britische Sportelite, erzählten sie von Richardsons heilenden Händen. Der Chef-Physiotherapeut war bald überzeugt, also sagte er: "Okay, holen wir ihn hierher."

Wieder ging alles sehr schnell. "Das war alles nicht so geplant. Medizin wurde einfach wichtiger als Musik", sagt Richardson. Statt der Instrumente nahm er nun immer öfter seine Anatomie-Bücher in die Hand, schloss ein Grundstudium der Medizin ab.

Am Institut traf er in den Nullerjahren auf den Bahnradfahrer Sir Chris Hoy, seines Zeichens Olympiasieger, Großbritanniens Sportler des Jahres 2008 und bereits von der Queen zum Ritter geschlagen. Hoy und Richardson verstanden sich gut, also vermittelte Hoy ihn an die anderen britischen Radfahrer wie Jason Kenny, Bradley Wiggins, Philip Hindes. Richardson bereitete sie alle auf die Olympischen Spiele 2012 in London vor, wo sie insgesamt acht Goldmedaillen holten, Rekorde brachen und das ganze Königreich mitrissen.

Der FC Liverpool war bereits 2009 wurde auf ihn aufmerksam geworden. Die Verantwortlichen hatten seine Arbeit mit den Radfahrern genau verfolgt. "Ich wurde damals mehr oder weniger abgeworben. Als ich den Anruf bekam, habe ich natürlich sofort zugesagt." Als Kind hatte er die Spiele von Manchester City besucht, die großen Francis Lee oder Mike Summerbee spielen gesehen.

"In der Musik habe ich schon alles erlebt"

Doch seitdem war viel Zeit vergangen. Am ersten Tag in der Kabine kannte er nur Steven Gerrard, sonst keinen anderen Spieler. Die Situation eines Fußballprofis bei den "Reds" allerdings konnte er durch sein Leben mit Simply Red nachempfinden. "Fußballer sind da nicht anders als Popstars. Die Welt dreht sich nur um sie, alles wird arrangiert, vom Essen bis zur Unterkunft. Ich glaube, dass das einen Menschen verändert. Ob er will oder nicht."

Richardson kümmert sich um die Gelenke und Muskeln der Stars. Dann schaut er aus den Katakomben zu, wie ihnen Tausende Fans zujubeln. Er macht seinen Job, im Hintergrund.

In seinem Massageraum räumt Richardson feinsäuberlich alle Salben in die entsprechend gekennzeichneten Regale. Er rückt das Kopfkissen auf der Massagebank zurecht. Statt eines Proberaums oder einer Bühne ist dieser Massageraum sein Kosmos. Seine eigene Gitarre hat er seit zwei Jahren nicht mehr angefasst. Aus einem einfachen Grund: "In der Musik habe ich alles schon erlebt."

Bleibt die Frage, ob er seinen Ausstieg je bereut hat. "Nein", sagt er und schaut zum Fenster. "Nein, warte, das wäre gelogen. Einzig und allein", er hebt den Zeigefinger und wiederholt es zweimal. "Einzig und allein, einzig und allein vom finanziellen Gesichtspunkt her. Ich hätte Millionen gemacht, klar. Aber vom künstlerischen, emotionalen und seelischen Gesichtspunkt bereue ich den Schritt kein Stück. Nicht ein bisschen."

Lesen Sie die ausführliche Version dieser Reportage im "11Freunde"-Spezial "Fußball+Pop".

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Foto: SPIEGEL ONLINE