Tabellenkeller Wie die Bochumer Fans ihren Trainer erledigten

Sie wollten seinen Kopf, und sie bekamen ihn. In Bochum wurde Trainer Marcel Koller nach der Pleite gegen Mainz gefeuert. Beim Tabellenletzten in Berlin stehen die Hertha-Anhänger trotz eines 0:4-Debakels hinter Coach Lucien Favre. Warum eigentlich?
Von Christoph Biermann
Bochumer Fans: Die meisten wollten gar keine Besserung

Bochumer Fans: Die meisten wollten gar keine Besserung

Foto: A2824 Franz-Peter Tschauner/ dpa

Herthas Mannschaftskapitän Arne Friedrich war fassungslos über das für ihn schlimmste Spiel seiner Karriere. 0:4 hatte sein Team am Sonntagabend im Olympiastadion gegen den Aufsteiger Freiburg verloren, rettungslos desolat gespielt, und trotzdem wurden die Berliner von ihren Fans mit aufmunterndem Beifall verabschiedet. Friedrich konnte es nicht glauben. Schließlich hatte Hertha auf eine Weise verloren, nach der Fan-Aufstände, Sitzblockaden vor der Kabine oder Forderungen nach dem Rauswurf des Trainers die selbstverständlichste Reaktion gewesen wären. Doch das Berliner Publikum zeigte erstaunlich viel Geduld und Verständnis für die schwierige Lage des Clubs, der in der vergangenen Saison noch Platz vier erreichte.

Tags zuvor hatte man in Bochum das genaue Gegenteil davon erleben können. Als der VfL gegen Aufsteiger Mainz nach wenigen Minuten in Führung ging, jubelte die Ostkurve nur kurz und stimmte dann gleich die Forderung des Tages an: "Koller raus!" Bochum spielte anschließend zwar nicht gut, aber keinesfalls so schlecht wie Hertha gegen Freiburg. Trotzdem wurden Transparente entrollt, auf denen der Rauswurf des Trainers gefordert wurde. Nach dem 2:3-Rückstand schließlich spielte das Team in der letzten Viertelstunde des Spiels komplett gegen seine Zuschauer. Die meisten Fans wollten gar keine Wende mehr, sie wollten den Kopf des Trainers. Und sie bekamen ihn.

Dass Koller Krisen erfolgreich überstand, legte man gegen ihn aus

Für Außenstehende ist schwer zu verstehen, warum Koller, der den VfL Bochum in die Bundesliga führte und drei Jahre dort hielt, derartigen Hass des Publikums auf sich gezogen hat. Schon früher wurde in Krisen lautstark seine Ablösung gefordert, weil er vielen Zuschauern nicht emotional und hemdsärmelig genug war. Besonnene Fachleute auf der Trainerbank kommen bei den Fans im Ruhrgebiet nicht an, außer sie sind, wie Ottmar Hitzfeld es in Dortmund war, unablässig erfolgreich. Lieber hat man Grantler wie Huub Stevens, volksnahe Schwadroneure wie Peter Neururer oder knallharte Machtmenschen wie Felix Magath. Dass Koller durch seine Politik der ruhigen Hand etliche Krisen erfolgreich überstand, legte man bizarrer Weise sogar gegen ihn aus.

Darüber hinaus wurde bei ihm ein Frust abgeladen, für dessen Ursache er nicht verantwortlich ist. Aufgrund der gewaltigen wirtschaftlichen Unterschiede in der Bundesliga, gibt es für Clubs wie den VfL Bochum kaum noch ein Potential zum Träumen. Rund eine Dreiviertelmillion Euro verdient der bestbezahlte Profi in Bochum, der ehemalige Nationalspieler Paul Freier, bei Schalke 04 dürfte es nicht viele Spieler geben, die weniger verdienen. Jedes Jahr in der Bundesliga zu spielen, wäre für Bochum unter diesen Bedingungen ein Triumph, und dass der VfL mehr Erstliga-Spielzeiten als Hertha BSC, Hannover 96, Wolfsburg oder der 1. FC Nürnberg hat, ist ein Wunder.

In Berlin scheinen die Zuschauer die Lage ihres Clubs besser zu verstehen

Doch viele Fans hat das Leben im Grenzgebiet zwischen Erster und Zweiter Liga tief verbittert. Die Führung des VfL Bochum hingegen hat nicht oft und klar genug darauf hingewiesen, dass der Club eine trutzige Alternative zum Gigantismus in Dortmund und Gelsenkirchen ist und zu den finanziellen Eskapaden, die dort zu sehen waren oder auf Schalke gerade sind. Das Lokalderby am Dienstag im DFB-Pokal (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen die Gelsenkirchener ist für die Bochumer eine gute Gelegenheit, das Bewusstsein dafür zu schärfen.

In Berlin scheinen die Zuschauer die Lage ihres Clubs besser zu verstehen. Dort wurde jahrelang mit viel Geld meistens nicht viel erreicht und deshalb musste Hertha gerade in dem Moment drastisch sparen, als sich endlich Erfolg einstellt hatte. Vor Saisonbeginn wurde Manager Dieter Hoeneß als Symbolfigur dieser, aus Sicht vieler Hertha-Fans, falschen Vereinspolitik entlassen. Und nun klammern sie sich daran, dass der letzte Schweizer Trainer in der Bundesliga sein völlig verunsichertes Team zurück in die Spur bringen kann. Außerdem kommt Favre in Berlin auch durch seinen Eigensinn gut an. Noch ist daher der Pakt zwischen Mannschaft und Publikum nicht aufgekündigt. Das ist eine Sensation, aber es ist auch nur ein Kredit. Die Spieler müssen bald mit der Rückzahlung beginnen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.