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Juve wirft Real raus: Ein Tor drin, alles hin

Foto: GERARD JULIEN/ AFP

Juve-Star Vidal Wie ein wilder Stier

Er hat sich jedem in den Weg gestellt, fast jeden Zentimeter des Spielfelds bearbeitet: Arturo Vidal war für Juventus Turin ein Schlüssel zum Erfolg gegen Real. Der Chilene paart seine beeindruckende Einstellung mit taktischem Geschick.

Wer Arturo Vidal gegen Real Madrid beobachten wollte, hatte ein Problem. Der Mittelfeldspieler von Juventus Turin stand beim 1:1 (0:1), das den Italienern den Einzug ins Champions-League-Finale bescherte, zwar während des gesamten Spiels auf dem Platz. Nur war er fast nie dort, wo man ihn erwartete. Mit seinen unkonventionellen Routen sorgte Vidal für Verwirrung, bei den Zuschauern und beim Gegner.

Juventus begann in einem 4-4-2 mit einer Mittelfeldraute, Real in einem 4-3-3. Turins Nachteil in diesem Kampf der Formationen waren die Flügel, auf denen die Italiener numerisch unterlegen waren. Deshalb hatte Trainer Massimiliano Allegri Vidal einen Sonderauftrag erteilt.

Der 27-Jährige startete als offensiver Mittelfeldspieler, doch sobald die Madrilenen in Ballbesitz waren, wich Vidal zurück an die Seite von Sechser Andrea Pirlo, um das Zentrum zusätzlich abzusichern. Real griff meist über die linke Seite an und sah sich dort nicht nur Außenverteidiger Stephan Lichtsteiner und Mittelfeldspieler Claudio Marchisio gegenüber; nun war da auch noch Vidal. Pirlo beschützte die Zone vor dem Strafraum, Paul Pogba stand bereit, falls Madrid das Spiel verlagerte.

Der Aktionsradius von Real (weiße Symbole) und Juventus (schwarz). Vidal (23) war der Kopf einer flachen Raute, die Marchisio (8), Pirlo (21) und Pogba (6) komplettierten.

Der Aktionsradius von Real (weiße Symbole) und Juventus (schwarz). Vidal (23) war der Kopf einer flachen Raute, die Marchisio (8), Pirlo (21) und Pogba (6) komplettierten.

Foto: Opta

Auch bei eigenem Ballbesitz kam Vidal eine unkonventionelle Rolle zu. Dann spielte er als ein Zehner, der doch keiner war. Denn im offensiven Mittelfeld herrscht bei den Turinern ein anderer: Carlos Tévez, nominell zweiter Stürmer neben Álvaro Morata, lässt sich, wann immer ihm danach ist, ins Mittelfeld fallen. Dort wuselt er umher, sucht sich Freiräume zwischen den gegnerischen Ketten und fordert Bälle. Bliebe Vidal auf seiner eigentlichen Position, nähmen sich beide gegenseitig den Platz.

Weil Vidal aber so flexibel ist, verschwindet er rechtzeitig aus den Zonen, die Tévez für sich beansprucht. Es ist eine der großen Stärken des Chilenen, dass er sich überall auf dem Feld zu Hause fühlt. Gegen Real tauchte er regelmäßig in beiden Strafräumen auf, pendelte zwischen Angriff und Abwehr, zwischen rechter und linker Außenbahn. Vor dem Freistoß, der zum Turiner Tor führte, war Vidal als rechter Flügelspieler unterwegs. Wenig später beendete er vor dem eigenen linken Strafraumeck einen Madrider Angriff.

Es schien fast, als gäbe es zwei Vidals auf dem Feld.

Die Grafik zeigt sämtliche Ballaktionen von Vidal gegen Real. Die einzigen Bereiche, in denen er nicht aktiv war, waren die neben dem eigenen Strafraum.

Die Grafik zeigt sämtliche Ballaktionen von Vidal gegen Real. Die einzigen Bereiche, in denen er nicht aktiv war, waren die neben dem eigenen Strafraum.

Foto: Opta

Der ehemalige Leverkusener steht sinnbildlich für Qualitäten, die Juventus bereits die gesamte Saison über auszeichnen: Anpassungsfähigkeit und Abstimmung. Die Mannschaft von Trainer Allegri beherrscht mehrere Formationen, kann sie von einem Moment auf den nächsten ändern, und sobald das geschieht, weiß jeder Profi, was zu tun ist. Das macht Juve so schwer berechenbar.

Als Juventus in der zweiten Halbzeit tiefer verteidigte und kaum Entlastung fand, übernahm Vidal Verantwortung. Zwischen der 60. und der 70. Minute geschah es gleich zweimal, dass er nach Balleroberungen eines Kollegen vom eigenen Strafraum aus lossprintete. Er marschierte über das Feld, und wäre der entsprechende Pass gekommen, wäre er damit alleine auf das Madrider Tor zugelaufen. Doch der Pass blieb jeweils aus, Vidal wurde übersehen.

Das Besondere an den Szenen war seine Reaktion. Wo andere zu hadern begonnen hätten, lief Vidal einfach weiter, raus aus dem Abseits auf den Flügel, wo er den Ball schließlich doch erhielt. So hält er sich selbst im Spiel und leistet den Kollegen permanent Hilfe.

Vidal besetzte alleine in der Offensive vier verschiedene Positionen.

Vidal besetzte alleine in der Offensive vier verschiedene Positionen.

Foto: Opta

Gegen Real offenbarte Vidal aber auch Defizite. Wenn er seine Dynamik nicht ausspielen kann, sondern strategische Entscheidungen treffen muss, entscheidet er sich oft falsch. Er bringt Mitspieler mit seinen Pässen mitunter in Bedrängnis, selten gelingt es ihm, enge Situationen durch Verlagerungen aufzulösen. In Madrid kannte er meist nur einen Rhythmus: mit Vollgas nach vorn.

Gegen Real war das kein Problem und auch im Endspiel gegen den FC Barcelona wird das keines sein. Dafür hat Juve Strategen wie Pirlo und Pogba im Team.

Eine andere Schwäche könnte gegen Barça schon eher ins Gewicht fallen: Vidal lässt sich manches Mal zu tief in die Defensive drängen, wenn der Gegner den Ball hat. Auch dadurch konnte Madrid insgesamt 23 Schüsse abgeben.

Doch wird Vidal im Zweikampf unter Druck gesetzt, begegnet er dem Gegner mit Härte, bearbeitet ihn unermüdlich. Am 6. Juni, wenn das Finale gegen Barcelona in Berlin stattfindet, dürften das Lionel Messi und dessen Kollegen am eigenen Leib erfahren.

Real Madrid - Juventus Turin 1:1 (1:0)
1:0 Ronaldo (23., Foulelfmeter)
1:1 Morata (57.)
Madrid: Casillas - Carvajal, Ramos, Varane, Marcelo - Kroos - Rodriguez, Isco - Bale, Benzema (67. Chicharito), Ronaldo
Turin: Buffon - Lichtsteiner, Bonucci, Chiellini, Evra - Pirlo (79. Barzagli) - Pogba (89. Pereyra), Marchisio - Vidal - Tevez, Morata (84. Llorente)
Schiedsrichter: Jonas Eriksson (Schweden)
Zuschauer: 79.000
Gelbe Karten: Isco, Rodriguez (3) - Tevez (4), Lichtsteiner (3)

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