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Taktik bei der EM Sieg des Tiki-Takanaccio

Was ist bloß aus dem Tiki-Taka geworden? Bis zur EM galt das kunstvolle Kurzpassspiel der Spanier als Fußball-Ästhetik in höchster Form, nun muss man nach der Viertelfinal-Runde feststellen: Die Taktik wird immer defensiver interpretiert, das Ergebnis ist Stillstand auf dem Rasen.

Hamburg/Warschau - "Creating History Together", gemeinsam Geschichte schreiben - so lautet der Slogan der EM 2012. Wie viel tatsächlich von dem Turnier in den Geschichtsbüchern verewigt wird, kann noch nicht gesagt werden, fest steht nach den Viertelfinalspielen aber: Neue taktische Trends, bahnbrechende Ideen, gar strategische Geniestreiche werden es nicht sein.

Dafür eine Erkenntnis anderer Art: Langeweile dank Tiki-Taka.

Als Künstler waren die Spanier nach ihrem EM-Triumph vor vier Jahren noch bezeichnet worden, als Zauberer. Als das Team zwei Jahre später auch noch den WM-Titel gewann, verneigte sich die Fußball-Welt vor der weiter verbesserten Präzision des spanischen Kurzpassspiels.

Nun, wieder zwei Jahre später, hat das Team von Trainer Vicente del Bosque sein Spiel perfektioniert. Die Reaktion diesmal: Pfiffe. "Die Spanier wollten mit ihrer Spielweise die Franzosen und die Zuschauer einschläfern, das ist ihnen leider gelungen. Das war ein Unspiel mit viel Ballbesitz", kritisierte nach dem Viertelfinale zwischen Spanien und Frankreich (2:0) Arsène Wenger, Teammanager des FC Arsenal.

Das Aufregende, das Neue, ist zum Standard geworden

Es ist bezeichnend, wenn ein Verfechter und Entwickler des schnellen Passspiels, des "One-Touch-Football", die Spanier kritisiert, statt Lobeshymnen ob der Brillanz und Perfektion anzustimmen. Perfektion ist Lähmung, soll Winston Churchill mal gesagt haben. Im Fußball kommt dann so etwas heraus, wie man es bei den Partien der Spanier bei der EM gesehen hat: "Nicht-Spiele", wie Wenger sie nennt, bei denen der Ball in schier endlosen Passfolgen durch die eigenen Reihen getragen wird.

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Taktik bei der EM: Kombinationen kontra individuelle Klasse

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Das Aufregende, das Neue, ist mittlerweile zum Standard geworden, ist Leitkultur. Spaniens Erfolgsrezept wird, so gut es geht, kopiert, doch heraus kommt meist eine auf die Defensive reduzierte Variante, nennen wir sie "Tiki-Takanaccio", in Anlehnung an die berühmt-berüchtigte Defensivstrategie des Catenaccio.

Welt- und Europameister Spanien hat einen Trend gesetzt, dem sich keine Mannschaft mehr entziehen kann. Das 4-2-3-1 hat sich durchgesetzt, andere Systeme gelten als veraltet und unterlegen. Das Problem: Nicht alle Mannschaften sind taktisch und technisch in der Lage, den Ballbesitz zu ihren Gunsten zu nutzen. Die Folge ist oft ein Verwalten. Teams wie Griechenland, Frankreich, Tschechien und auch die Engländer schienen sich nach der Balleroberung zu fragen: und nun?

"Mannschaften tun sich sehr schwer damit, Torchancen zu erarbeiten"

Dass man an der Taktik langfristig nicht vorbeikommt, haben die meisten Trainer und Verbände erkannt. Wie man sie an die eigenen Fähigkeiten angepasst anwenden muss, offenbar noch nicht.

Spaniens Gegner hätten "nun zwar eine Ahnung, wie sie gegen Spanien nicht verlieren. Das heißt aber noch nicht, dass sie auch gewinnen können", so der Spanier und ehemalige Liverpool-Trainer Rafael Benitez im "Tagesspiegel". "Alle Teams haben mittlerweile gelernt, gut zu verteidigen. Man sieht aber, dass sich die Mannschaften sehr schwer damit tun, überhaupt Torchancen zu erarbeiten", sagt auch DFB-Kapitän Philipp Lahm.

Wie beispielsweise Frankreich. Mit Spannung und Vorfreude war das Viertelfinale des Titelverteidigers gegen Frankreich von vielen erwartet worden. Endlich Spitzenfußball, endlich keine langweiligen Kicks mehr zwischen schwachen Teams wie in der Gruppenphase. Es kam anders.

Doch auch viele andere der acht vermeintlich stärksten Mannschaften Europas enttäuschten zu Beginn der K.o.-Runde. Portugals Lebensversicherung Cristiano Ronaldo wuchtete zwar gegen chancenlose Tschechen einen Kopfball ins Tor. Doch das heißt nur: Der Superstar ersetzt bei den Südeuropäern Kreativität und Risikobereitschaft.

"Wir wollten mit einem 0:0 in die Pause gehen"

Griechenland hatte ebenfalls weder das eine noch das andere zu bieten. Und auch keinen Ronaldo, das Erreichen der K.o.-Runde war bereits ein großer Triumph. "Kurios" bezeichnete denn auch Bundestrainer Joachim Löw die Weigerung der Griechen, am Spiel teilzunehmen.

Griechenland mag nicht mehr gekonnt haben, andere Teams hingegen wollen einfach nicht Fußballspielen bei dieser EM. Frankreich, schon in der Gruppenphase gegen England zurückhaltend, ging extrem defensiv in die Begegnung mit den Spaniern.

"Wir wollten mit einem 0:0 in die Pause gehen, das war der Plan", sagte Trainer Laurent Blanc nach der Partie. Das frühe Gegentor durch Xabi Alonso (19. Minute) machte diesen Plan zunichte. Und einen anderen schienen die Franzosen nicht zu haben.

Auch in Rückstand war von Offensivspiel wenig zu sehen, Franck Ribéry und Karim Benzema versuchten sich in Alleingängen und sahen sich dabei meist drei Gegenspielern ausgeliefert. "Ich weiß nicht, ob Frankreich gegen Spanien überhaupt eine Tormöglichkeit hatte", sagte der Deutsche Lahm.

Tatsächlich scheint niemand den Schlüssel gefunden zu haben. Das 2:0 gegen Frankreich war das 18. Pflichtspiel der Spanier ohne Niederlage nacheinander. In den vergangenen 14 Welt- oder Europameisterschaftspartien kassierte die Elf nur drei Gegentore, spielte elfmal zu null.

Die Unterschiede der vier Halbfinalisten

Schaut man sich die verbliebenen Halbfinalisten an, fällt auf, dass sie eine Gemeinsamkeit haben: Spanien, Portugal, Italien und Deutschland halten nicht am starren 4-2-3-1-Gerüst fest, sondern füllen es mit Leben, jeder auf seine Art.

Bei Portugal ist die Besonderheit schnell erklärt - sie heißt Cristiano Ronaldo. Während er bei Real Madrid auf seiner angestammten linken Außenbahn spielt, muss er in der Nationalmannschaft zugleich die Angriffszentrale besetzen. Gegen schwache Tschechen funktionierte diese Ein-Mann-Taktik, gegen Spanien wird das wohl nicht reichen.

Der Titelverteidiger ist der Konkurrenz noch immer einen Schritt voraus. Wie schon beim 1:1-Auftakt gegen Italien verzichtete Vicente del Bosque auch gegen Frankreich auf einen klassischen Mittelstürmer. Mit Cesc Fàbregas als "falschem Neuner" stärkte er das Mittelfeld zusätzlich und engte damit die ohnehin geringen Entfaltungsmöglichkeiten des Kontrahenten weiter ein. "Mit Cesc haben wir noch mehr Dominanz gewonnen. Frankreich hatte kaum klare Torchancen", konstatierte del Bosque später zufrieden.

20 der bis dato 69 Tore sind mit dem Kopf erzielt worden

Deutschland ist von allen Mannschaften den Spaniern am dichtesten auf der Spur, legt den Schwerpunkt aber mehr auf die Außenpositionen, denn auf die Mitte. Haben Xavi und Andres Iniesta die Fähigkeiten am Ball, sich auch gegen eine Überzahl in der Spielmitte durchzusetzen, setzt Bundestrainer Joachim Löw eher auf die Kombinationsstärke seiner Außenspieler.

Ähnlich wie bei Portugal ist auch das Spiel der Italiener extrem von einem Akteur geprägt: Andrea Pirlo. Der 33-Jährige ist erste Anspielstation der "Squadra Azzurra", gegen England spielte er sagenhafte 146 Pässe. Pirlo ist nicht der Schnellste, bewegt sich wenig aus der Mitte heraus, sondern deckt zentral den Raum zwischen beiden Strafräumen ab, über die Außen geht daher wenig bei den Italienern. Stattdessen setzt Trainer Cesare Prandelli als einziger auf zwei Angreifer, die von Quarterback Pirlo angespielt werden.

Auch ein neuer Rekord ist dem 4-2-3-1 zu verdanken: 20 der bis dato 69 Tore bei der Euro 2012 sind mit dem Kopf erzielt worden, mehr als bei jeder EM zuvor. Da die Mitte meist zugestellt ist, wird das Spiel auf die Außen verlagert. Gegen sicher stehende Abwehrreihen sind Pässe in die Tiefe, wie sie für Deutschland zweimal gegen die Niederlande zur Toren führten, eine Seltenheit geworden. Stattdessen wird versucht, bis an die Grundlinie durchzubrechen und zu flanken.

Klarer Klassenunterschied

Auch hier gibt es deutliche Unterschiede, ist ein klares Gefälle festzustellen. Jüngste Beispiele sind Spanien und England. Dem Team von Trainer Roy Hodgson fehlten im Viertelfinale gegen Italien schlicht die Mittel, hinter die Abwehr der Italiener zu kommen. Stattdessen versuchte es Kapitän Steven Gerrard immer wieder mit Flanken aus dem Halbfeld, diese waren aber kein Problem für die Verteidiger, die frontal zum Flankengeber stehen und sich gut positionieren können.

Dem 1:0 der Spanier gegen Frankreich hingegen ging eine entscheidende Situation auf dem linken Flügel voraus. Jordi Alba brach bis zur Grundlinie durch, die Flanke auf Xabi Alonso kam in den Rücken der Abwehr.

Schon jetzt gibt es also einen klaren Klassenunterschied mit den noch immer überlegenen Spaniern, Deutschland, dahinter Italien, dann Portugal und England.

Tschechien und Griechenland fielen dagegen klar ab. Die Lücke zur Spitze ist groß für diese Teams, das Niveau in der Gruppenphase war niedrig. Und Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Beim Turnier 2016 in Frankreich gehen 24 statt wie in diesem Jahr 16 Mannschaften an den Start. EURO-2012-Direktor Martin Kallen verteidigt den Schritt. Er nannte als Beispiele die Schweiz, Rumänien, Bulgarien, Litauen, Slowenien, Norwegen und die Schotten, "die viele Emotionen und viel Atmosphäre" mitbringen würden.

Von besserem Fußball sagte er nichts.

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