Taktiktrend der Saison 2014/2015 Liga der langen Bälle

Hauptsache weg vom eigenen Tor: Im Schnitt 152 lange Bälle haben die Bundesligisten in dieser Saison pro Partie gespielt - ein Extremwert im europäischen Vergleich. Die Taktikanalyse zeigt den Grund dafür und das Risiko dieser Spielweise.
Duell Dortmund gegen Leverkusen: Die Pressing-Liga Europas

Duell Dortmund gegen Leverkusen: Die Pressing-Liga Europas

Foto: Marius Becker/ dpa

Peter Stöger brachte es kürzlich auf den Punkt. Im "Kicker" zeigte sich Kölns Trainer "ein wenig überrascht davon, dass zumindest in diesem Jahr viel Aufwand, gute Organisation und Abstimmung reichen, um als Aufsteiger 13-mal zu Null spielen zu können." In seinen Worten schwingt Kritik an den Offensivabteilungen der etablierten Bundesligaklubs mit, die oft nicht in der Lage waren, eine gut verschiebende Defensive zu knacken.

Stöger beschreibt mit der Aussage das Wesen der ersten Liga. Für viele Teams ging es in der abgelaufenen Saison in erster Linie nicht darum, spielerische Lösungen gegen formierte Abwehrreihen zu finden. Sie nahmen eine Abkürzung.

Die 18 Top-Vereine haben in der Spielzeit 2014/2015 durchschnittlich 75,89-mal pro Partie auf den langen Ball gesetzt.* Im Schnitt erlebten Zuschauer bei einem Spiel also etwa 152 lange Bälle. Eine bemerkenswert hohe Zahl, die ihresgleichen sucht in Europas fünf großen Ligen.

In den vergangenen sechs Jahren kamen die Mannschaften aus Spanien, England, Italien, Frankreich oder Deutschland nie auf eine derart hohe Quote. Der Trend, der wegführt vom Kurzpass, kulminierte in den vergangenen Monaten in der Bundesliga.

Die Zahlen sagen viel aus über den deutschen Fußball im Jahr 2015. Zum einen, dass die Bundesliga die Pressing-Liga Europas ist. Es gibt wenige Klubs, die nicht imstande sind, den Gegner geplant im Mannschaftsverbund unter Druck zu setzen.

Wer sich in den Kopf eines Abwehrspielers hineindenkt, der im Vollsprint von einem Stürmer angelaufen wird, kann sich eine entsprechend hohe Anzahl von Befreiungsschlägen erklären. Die vielen langen Bälle sind also das Verdienst guter Defensivarbeit. Das ist die eine, die positivere Lesart der Statistik. Eine andere ist die, dass viele Teams den effizientesten, man könnte auch sagen: leichtesten Weg suchen, um erfolgreich zu sein, und dabei jegliches Risiko vermeiden.

Längst herrscht die Erkenntnis, dass jener Moment, in dem das gegnerische Team den Ball verliert, der ist, in dem die eigene Elf am leichtesten zur Torchance kommt. Dann nämlich ist die Defensive des Kontrahenten unorganisiert. Die Folge ist, dass viele Bundesligisten jenen Moment erzwingen wollen, statt sich daran abzuarbeiten, eine geordnete Abwehr zu überwinden. Es geht immer weniger darum, einen Spielzug durchzubringen, als vielmehr darum, den Ball in Nähe des gegnerischen Tors zu erobern.

Fehlpässe als taktisches Mittel

Beispiel Berlin: Hertha-Coach Pál Dárdai ließ seine Innenverteidiger, wenn sie unter Druck gerieten, Bälle in den Rücken der gegnerischen Abwehr schlagen. Diese Aktionen waren nicht als Befreiungsschläge oder Steilpässe gedacht; sie dienten dazu, möglichst in Nähe des gegnerischen Tores ins Gegenpressing zu gelangen.

Diese Spielweise kommt auch dadurch zustande, dass viele Mannschaften bei dem Gedanken, den Ball in der eigenen Hälfte zu verlieren, in Panik geraten. Die Furcht davor, selbst Opfer dieses Prinzips zu werden, macht die Bundesliga zur Liga der Ungeduldigen. Ballgewinn samt anschließender Konteraktion sind zum Markenzeichen geworden, Dynamik, Energie, Kraft - das sind die entscheidenden Faktoren bei vielen Teams.

Dabei droht etwas anderes verloren zu gehen, nämlich die Kunst, eine gegnerische Defensive zu zerspielen. Es gibt zwar Ausnahmen: Bayern München natürlich, auch Mönchengladbach. Das Gros der Bundesligisten tut sich aber schwer damit, ganze Mannschaftsteile in einen Offensivspielzug einzubinden. Gegen den Ball brilliert die Liga, mit ihm hat sie aus taktischer Sicht Nachholbedarf.

Tore wie beim 3:2-Sieg des BVB gegen Bremen vom vergangenen Samstag waren die Ausnahme. Dortmund baute das Spiel von hinten heraus über 20 Stationen und 61 Sekunden auf, ehe Pierre-Emerick Aubameyang (Nummer 17) zum 2:0 traf.

Tore wie beim 3:2-Sieg des BVB gegen Bremen vom vergangenen Samstag waren die Ausnahme. Dortmund baute das Spiel von hinten heraus über 20 Stationen und 61 Sekunden auf, ehe Pierre-Emerick Aubameyang (Nummer 17) zum 2:0 traf.

Foto: Opta

Das ist nicht zwingend schlecht. Und im Profifußball geht es schließlich nur für Idealisten um Ästhetik. Für die Vereine zählt der Erfolg, und der lässt sich im Zweifelsfall schneller durch Stabilität erzielen als durch das Vermitteln komplizierter Angriffsmechanismen. Hertha, der Bundesligist mit den anteilig meisten langen Bällen, hat unter Dárdai im Schnitt mehr als ein Tor pro Partie weniger kassiert als unter Vorgänger Jos Luhukay.

Auch der Umstand, dass viele Klubs nur durch wenige Punkte getrennt werden, ist eine Folge jener Spielweise. Sie erhöht den Zufallsfaktor. Denn jede Mannschaft, die den Ball so schnell wie möglich nach vorn zu bringen versucht, riskiert damit einen Kontrollverlust.

Das mag für den neutralen Zuschauer positiv sein, und tatsächlich fallen in der Bundesliga (2,75) im Vergleich mit England (2,57), Spanien (2,66), Italien (2,64) und Frankreich (2,49) deutlich mehr Tore pro Spiel. Für manche Klubs könnte sich aber bald ein Problem ergeben. Dann nämlich, wenn zunehmend mehr Mannschaften selbst im Moment des Ballgewinns Risiken scheuen sollten, um sich dadurch auch gegen das letzte bisschen Verwundbarkeit zu rüsten.

Angreifende Teams werden sich dann nicht mehr allein auf ihre Stärken in der Balleroberung verlassen können. Sie müssen sich etwas anderes einfallen lassen. Lange Bälle werden da kaum helfen.

* Zugrunde liegt die Definition von Sportdatenanbieter Opta, der alle Pässe, die über eine größere Distanz als 25 Yards (=22,86 Meter) gespielt werden, als langen Ball erfasst.

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