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Sommermärchen 2006: Zwanziger will WM-Vergabe überprüfen

Foto: Ralph Orlowski/ Getty Images

Sommermärchen 2006 Zwanziger fordert Untersuchung der WM-Vergabe

Bei der Aufklärung von dubiosen Vorgängen im Fußball-Weltverband Fifa gibt es für Theo Zwanziger keine Tabus: Sollten sich Verdachtsmomente ergeben, müssten nicht nur die WM-Vergaben an Russland und Katar, sondern auch die an Deutschland untersucht werden.

Theo Zwanziger, langjähriger Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), schreckt vor einer Untersuchung der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland nicht zurück. Zwanziger gehört seit Juni 2011 dem Exekutivkomitee des Weltverbands Fifa an und gilt in diesem Gremium als einer der wenigen Reformer. Er hat sich kritisch zur höchst umstrittenen Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar geäußert - und mehrfach eine Überprüfung der Entscheidung des Exekutivkomitees für Katar gefordert. Nun sagt Zwanziger: "Die WM-Vergabe 2006 muss auch überprüft werden, wenn es Verdachtsmomente gibt, die ich nicht kenne."

Um die WM 2006 hatte es zuletzt Mitte Juli Schlagzeilen gegeben, nachdem sich Fifa-Präsident Joseph Blatter in einem Interview mit der Schweizer Boulevardzeitung "Blick" über Unregelmäßigkeiten geäußert hatte. Seine Anschuldigungen nahm er kurz darauf in einem Brief in der "Bild"-Zeitung zurück. Dennoch: Schon im Frühjahr 2003 hatten das "Manager Magazin" und die "Süddeutsche Zeitung" enthüllt, wie während der WM-Bewerbung mit dem Geld des Medienunternehmers Leo Kirch Fifa-Exekutivmitglieder und Personen im Umfeld der Fifa-Regierung bedient worden waren. Damals soll Blatter von engen Mitarbeitern gedrängt worden sein, die Vorfälle zu untersuchen. Er hat es nicht getan. Er wollte die WM in Deutschland nicht gefährden.

Fragwürdige Transaktionen rund um die WM-Vergabe

Theo Zwanziger sagt, es dürfe bei der Aufklärung der Vergangenheit keine Tabus geben. "Die Aufgabe, diese Verdachtsmomente zu untersuchen, hat jetzt die Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission." Der US-Amerikaner Michael Garcia ist im Juli vom Fifa-Exekutivkomitee zu einem der beiden Chefs des Gremiums berufen worden. Er leitet die Ermittlungskammer, der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert die Gerichtskammer.

Zwanziger erinnert auch an die Einstellungsverfügung zum ISL-Korruptionssystem, die im Juli 2012 veröffentlicht werden musste. Die ISL-Gruppe, einst Weltmarktführer in der Sportvermarktung, hatte höchste Funktionäre des olympischen Sports, vor allem in der Fifa und im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), mit mehr als 142 Millionen Schweizer Franken geschmiert. In der Verfügung der Staatsanwaltschaft Zug finden sich in den Monaten rund um die WM-Vergabe an Deutschland, die am 6. Juli 2000 unter turbulenten Umständen in Zürich vonstatten ging, einige fragwürdige Transaktionen. "Ich habe die Einstellungsverfügung gelesen", sagt Zwanziger. Und er habe in jenen Wochen in der ISL-Korruptionsliste "viele Geldflüsse" bemerkt. Er sagt aber auch: "Ich kann mir dabei nichts denken, weil das alles anonym ist. Das muss man aufklären."

Die ISL-Gruppe war damals wie der Medienunternehmer Kirch wegen guter Vermarktungsmöglichkeiten an einer WM in Deutschland interessiert. In dem ISL-Dokument findet sich zum Beispiel für den 5. Juli 2000 eine Notiz, wonach das anonymisierte Kürzel "E 16" 250.000 Dollar erhalten habe. Einen Tag vor der WM-Vergabe an Deutschland. Ein paar Tage später wurden weitere 270.000 Dollar transferiert.

Zwanziger nimmt Beckenbauer in Schutz

Alles müsse untersucht werden, sagt Zwanziger. Es zählten allein Fakten und Dokumente. "Zuständig für die Bearbeitung dieser Fakten ist künftig die Anklagebehörde der Fifa, das heißt, das Büro von Herrn Garcia." Franz Beckenbauer, Chef der WM-Bewerbung und des Organisationskomitees 2006, nimmt Zwanziger aber ausdrücklich in Schutz: "Franz Beckenbauer hat für die WM 2006 ehrenamtlich gearbeitet und kein großes Gehalt bekommen." Er habe aber "natürlich auf der Werbeschiene profitiert". Dass Beckenbauer nun als Botschafter des russischen Sports und der russischen Gaswirtschaft tätig sei, ist für Zwanziger ebenfalls kein Problem. Beckenbauer habe seinen Abschied aus dem Exekutivkomitee bereits vor der WM-Vergabe an Russland und Katar verkündet.

"Ich glaube nicht, dass Franz Beckenbauer wegen seiner Tätigkeit im Exekutivkomitee der Fifa in Russland auf der Liste für eine solche Aufgabe ganz oben steht, sondern weil er Franz Beckenbauer ist." Für sich selbst schließt er eine derartige Beschäftigung in Zukunft jedoch aus. "Sie werden mich auf der Beraterliste von keinem Konzern finden. Das brauche ich nicht, das will ich nicht."

Das vollständige Interview mit Theo Zwanziger finden Sie hier .