Theo Zwanziger zum Blatter-Rücktritt "Ein guter Tag für den Fußball"

Theo Zwanziger war Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, als langjähriges Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees kennt er Joseph Blatter gut. Den Rücktritt des Präsidenten begrüßt er, fordert aber Veränderungen in allen Verbänden.

Theo Zwanziger: Von 2011 bis 2015 im Exekutivkomitee der Fifa
DPA

Theo Zwanziger: Von 2011 bis 2015 im Exekutivkomitee der Fifa

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Zwanziger, Joseph Blatter hat überraschend seinen Rücktritt erklärt. Wie beurteilen Sie seine Entscheidung?

Zwanziger: Er erweist dem Fußball damit einen großen Dienst. Es ist ein guter Tag für den Fußball.

SPIEGEL ONLINE: Am Freitag hat er sich noch für weitere vier Jahre wählen lassen und wurde gefeiert. Was glauben Sie - woher kam dieser Sinneswandel?

Zwanziger: Da kann ich natürlich auch nur spekulieren. Aber Blatter wird gespürt haben, auf welch massive Proteste seine Wahl gestoßen ist. Das hat ihn kaum kaltgelassen. Außerdem werden sie bei der Fifa genau geprüft haben, welche Konsequenzen dem Verband noch drohen könnten. Und da wird Blatter erkannt haben, dass die Fifa die notwendigen Reformen besser ohne ihn umsetzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie denn wirklich, dass sich nun ohne Blatter etwas ändern wird?

Zwanziger: Ich hoffe es. Domenico Scala (der Finanzchef der Fifa übernimmt interimistisch die Geschäfte von Blatter; die Red.) ist jedenfalls eine hervorragende Lösung. Er könnte einen echten Wandel erreichen, wenn es ihm gelingt, das System der Abhängigkeiten zu durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle kommt dabei der Blatter-kritischen Uefa zu?

Zwanziger: Auch die Uefa muss sich verändern - so wie alle Kontinentalverbände. Das Problem sind nicht einzelne Personen wie Blatter. Es ist das ganze System der Abhängigkeiten und Machtspiele, das grundlegend verändert werden muss.

Video: Blatters Statement zu seinem Rücktritt

Die Protagonisten der Fifa-Krise
Jeffrey Webb
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Jeffrey Webb von den Cayman Islands gilt als Vertrauter von Fifa-Boss Joseph Blatter. Jetzt wird sich der Schweizer wohl von ihm lossagen müssen. Webb, auch Fifa-Vizepräsident, ist ins Visier der Behörden geraten. Er gehört zu denen, die am Morgen in Zürich abgeführt wurden.
Eugenio Figueredo
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Auch gegen Eugenio Figueredo gehen die Ermittler vor. Er gehört ebenfalls zu den Festgenommenen. Der 83-jährige Funktionär aus Uruguay ist einer der einflussreichsten Strippenzieher in Südamerika.
José Maria Marin
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José Maria Marin, ebenfalls 83, konnte sich im Vorjahr noch im Glanz der Fußball-WM in Brasilien sonnen. Jetzt musste auch er der Polizei ins Präsidium folgen. Der Brasilianer ist im Dunstkreis von Ex-Fifa-Chef João Havelange groß geworden. Havelange ist wegen Korruption längst aus dem IOC ausgeschlossen worden.
Rafael Esquivel
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Rafael Esquivel aus Venezuela ist der dritte Südamerikaner, der von den Festnahmen betroffen ist. Seine Konten wurden von Schweizer Behörden derweil eingefroren.
Eduardo Li
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Auch Eduardo Li wurde in der Früh in Zürich im Hotel Baur Au Lac festgenommen. Li ist Chef des Fußballverbands von Costa Rica.
Jack Warner
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Wenn von Korruption und Fifa die Rede ist, fällt eigentlich immer schnell der Name von Jack Warner (Foto). Der ehemalige Vizepräsident des Weltverbands gilt als Pate der Bestechung im Weltfußball. Ob er im Rahmen der Festnahmen auch betroffen war, ist offen. Dafür wurde sein Attaché, Costas Takkas, festgenommen.
Julio Rocha
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Bekannt ist dagegen, dass Julio Rocha (l.), der ehemalige Präsident des Verbands von Nicaragua, am Morgen abgeführt wurde. Nur an einem prallt wieder alles ab.
 
 
Joseph Blatter ist laut seinem Sprecher "nicht involviert". Wie gehabt.



insgesamt 26 Beiträge
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joergalexander 02.06.2015
1. WM 2006 in Deutschland gekauft - Unrechtsbewusstsein Fehlanzeige!
Ach, der obersaubere Herr Zwanziger, der unwürdige Nachfolger von Egidius Braun (den ich super fand), gibt Wertungen ab...!? Nachdem die Vorwürfe gegen die FIFA so vehehement sind, darf man getrost davon ausgehen, dass die lautesten Schreier den meisten Dreck am Stecken haben und die WM 2006 in/von Deutschland ebenfalls gekauft war. Aber schuld sind immer die anderen... Unrechtsbewusstsein volle Fehleanzeige, aber so ist halt unsere Wertegemeinschaft!
westerwäller 02.06.2015
2. Theo Zwanziger oder Sepp Blatter?
Hätten Sie lieber Pest oder Cholera?
Skakesbier 02.06.2015
3. Zwanziger
labern Sie nicht! Sie wissen genau, daß der Steuerflüchtling Platini mit exakt denselben Methoden an die Macht gekommen ist - und bleiben will - wie Josef Blatter! Übrigens: Haben Platini, Beckenbauer und Konsorten nicht alle für die Vergabe der nächsten WM's an Putin bzw. die IS-Finanzierer aus Katar gestimmt?
raber 02.06.2015
4. Jetzt haben sie plötzlich alle eine Meinung
Jetzt machen diese DFB-Leute ihren Mund auf. Auf solche Leute ist kein Verlass. Niersbach, Rummenigge, Beckenbauer und wie sie alle heissen. Ihr Schweigen krönte die Deutschland-Position gegenüber Fifa. Und nun sind sie wieder da. Domenico Scala ist keine gute Lösung, auch nicht vorübergehend, weil er als Compliance-Chef tatenlos diesem ganzen Treiben zugeschaut hat. Platini sowieso nicht und Niersbach eine echte Pleite. Wann geht FBI und US-DOJ an Europäer ran? Dort ist die allergrösste Korruption vesteckt.
theodor11 02.06.2015
5. Blatter 0: Fussball 1
Die größte Rolle in einer neuen FIFA müssen die Sponsoren leisten. Coca Cola, Nike, Adidas und Co. können als Geldgeber endlich für Transparenz sorgen, oder andernfalls ihr Image zerstören. Ich befürchte, dass jetzt die Feiglinge der letzten Woche, insbesondere die der UEFA, aus ihrer Defensive herauskommen und an die Tröge wollen, ohne dass die Korruption bekämft wird.
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