Karriereende von Thierry Henry Danke, Titi!

Champions-League-Sieger, Welt- und Europameister, der beste Stürmer seiner Zeit: Das war Thierry Henry. Jetzt hat er seine Karriere beendet - Zeit, danke zu sagen, findet Lukas Rilke.

AFP

Als Werder-Fan ist es nicht ganz einfach, das zuzugeben: Aber ich bin dem Hamburger SV dankbar. Denn mithilfe des Nord-Rivalen entdeckte ich einst einen Fußballer, der sofort mein Lieblingsspieler war: Thierry Henry.

Das war 1996, der HSV (im Tor Golz, im Sturm Bäron) spielte im Uefa-Cup gegen den AS Monaco (im Tor Barthez, im Sturm Ikpeba). Henry, Spitzname "Titi", damals 19 Jahre alt, mit Dreadlocks, langen Koteletten und Schnauzbart, wurde in Hin- und Rückspiel jeweils in der zweiten Hälfte eingewechselt. Er schoss keine Tore, aber die Hamburger Verteidiger guckten nach seinen Sprints und Dribblings ähnlich erstaunt wie ich zu Hause vor dem Fernseher, 16 Jahre alt.

So elegant konnte also ein Stürmer spielen und damit ganz anders als Werders Bernd Hobsch, Havard Flo, Arie van Lent und Bruno Labbadia!

Hätte es damals schon YouTube gegeben, ich hätte wohl die meiste Zeit damit verbracht, dort nach Schnipseln von Henry und seinen Sturmläufen zu suchen, die fast immer gleich endeten: Ein Antritt vorbei am Verteidiger, gekrönt mit dem Schlenzer ins lange Eck. Stattdessen musste ich auf Eurosport hoffen, um zumindest einmal in der Woche Zusammenfassungen vom AS Monaco zu sehen. Es wäre wohl einfacher geworden, wäre damals nicht sein Wechsel zu Real Madrid geplatzt, weil die Spanier einen nicht zugelassenen Berater eingesetzt hatten.

Henrys Titelsammlung
  • Getty Images
    Nationalmannschaft
    Weltmeister 1998
    Europameister 2000
  • AS Monaco
    Meister 1997
    Supercup 1997
  • FC Arsenal
    Meister 2002, 2004
    Pokalsieger 2002, 2003, 2005
    Superpokalsieger 2002, 2004
  • FC Barcelona
    Meister 2009, 2010
    Pokalsieger 2009
    Supercupsieger 2009
    Champions-League-Sieger 2009
    Uefa-Supercup 2009
    Fifa-Klub-WM 2009
Persönliche Auszeichnungen
Frankreichs Fußballer des Jahres 2000, 2003, 2004, 2005, 2006
Englands Fußballer des Jahres 2003, 2004, 2006
Torschützenkönig Premier League 2002, 2004, 2005, 2006
Welttorjäger: 2003
Zum Glück kam relativ bald die WM 1998, wo Henry - obwohl wieder nur Einwechselspieler - sechs Spiele für den späteren Weltmeister Frankreich machte und drei Tore schoss. Auch wenn er ausgerechnet im Finale auf der Bank blieb - bei dem Turnier in seiner Heimat wurde Henry zum Star.

Im Januar 1999 wechselte Henry zu Juventus Turin. Die Serie A wurde damals häufiger im TV gezeigt, aber von meinem Lieblingsspieler sah ich trotzdem wenig. Henry musste unter den Trainern Marcello Lippi und später Carlo Ancelotti vor allem für Alessandro Del Piero und Filippo Inzaghi arbeiten und spielte manchmal sogar linker Verteidiger.

Die defensive Spielweise, der brummige Trainer, der Nebel, der von den Alpen ins zugige, alte Stadion kroch: Henry wollte weg aus Turin, nach dem letzten Saisonspiel stieg er ins nächste Flugzeug nach Paris - und traf Arsène Wenger. Der hatte Henry in Monaco einst in die Profimannschaft geholt, nun sollte er ihn - bitte, bitte - aus Turin weg- und zu sich nach London zum FC Arsenal holen. Wenger hatte Henry seit seinem Weggang aus Monaco nie aus den Augen gelassen, er brauchte ohnehin einen Ersatz für den zu Real Madrid gewechselten Nicolas Anelka. Henry wurde ein "Gunner", und ich bekam einen Zweit-Lieblingsverein neben Werder.

"Als ich jung war, habe ich immer probiert, das zu tun, was ich wollte, und nicht das, was das Spiel von mir gefordert hat", sagte Henry mal zu seinen Anfängen. Unter Wenger musste er das Spiel neu lernen, plötzlich war er Mittelstürmer.

"Henry kann man nur mit einer Schrotflinte stoppen"

In London war Wenger der Lehrer neben dem Platz, Dennis Bergkamp gab den Ausbilder auf dem Rasen. Die beiden formten Henry zum komplettesten Angreifer seiner Zeit, noch schneller als Ronaldo, technisch besser als Andrij Schewtschenko, robuster als Raúl. Bergkamp sagte: "Einen Spieler wie Henry, der alles hat, gibt es nur einmal auf der Welt. Mit seinem Antritt kommt er an jedem Verteider der Welt vorbei."

Aus dem schmächtigen Jungen, der in Monaco gemeinsam mit seinem Kumpel David Trézéguet auf dem Moped zum Training fuhr, war ein Stürmer geworden, den man nur "mit einer Schrotflinte stoppen kann", wie es mal der ehemalige italienische Nationalspieler Gianluca Vialli ausdrückte. Selbst Ruud van Nistelroory, Henrys Gegenpart bei Arsenals Erzrivalen Manchester United, sagte voller Anerkennung: "Er ist der beste Spieler der Welt."

2000 wurde Henry Europameister; 2002 Meister, Pokalsieger, Torschützenkönig in der Premier League (24 Tore) und Spieler des Jahres, genau wie 2004, als er mit 30 Toren der Wichtigste der "Invincibles" war, der Unbesiegbaren von Arsenal, die eine komplette Spielzeit (und insgesamt 49 Spiele in Serie) ungeschlagen blieben.

Bitterer Moment im Playoff-Spiel gegen Irland

Die 180er VHS-Kassette, auf der ich Henry-Highlights von Eurosport und DSF aufnahm, war längst voll. Ein Glück, dass mir mein Freund Arndt die "Centurions"-Videokassette aus dem Arsenal-Fanshop mitbrachte: 100 Arsenal-Tore von Henry, 100 von Bergkamp. Leider ist das Band vom häufigen Angucken kaputtgegangen.

2007 wurde Henry ein Barcelona-Spieler, ich aber konnte meinen Verein nicht schon wieder wechseln. Was die drei Genies Henry, Messi und Ibrahimovic da gemeinsam veranstalteten, verfolgte ich interessiert, aber nicht mehr begeistert.

Als Henry in den Playoffs der WM-Qualifikation gegen Irland den Ball mit der Hand spielte und so das entscheidende Tor vorbereitete, ärgerte ich mich, wie jeder andere Fußball-Fan auch, Franzosen in dem Fall ausgenommen. Der Wechsel in die USA, die Kurzrückkehr (inklusive Tor) 2012 zu Arsenal, der Rücktritt aus der Nationalmannschaft: Habe ich wahrgenommen, aber ich hatte andere Sorgen (Werder!).

Jetzt, wo Thierry Henry seine Karriere beendet hat, werde ich doch ein bisschen traurig bei dem Gedanken, nie mehr neue Traumtore meines Lieblingsspielers sehen zu können. Aber alte kann ich ja noch gucken, dank YouTube, und die Videokassette habe ich auch noch irgendwo. Kann mir jemand einen VHS-Spieler leihen?



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
pallmall78 16.12.2014
1. Schöne Hommage
Eine schöne Hommage an einen überragenden Fussballer. Au revoir, Titi:-)!
Hornblower, 16.12.2014
2. Ein schöner Artikel
zum Abschied eines tollen Fussballers.
gästeblock 16.12.2014
3.
Solche Berichte würde ich hier gerne öfter lesen. Toll geschrieben.
tijo 16.12.2014
4. Mehr davon!
Mal was anderes als steife, den Ruhm bewundernde Berichterstattung. Dieser Artikel hat ein Herz unter der Weste und nicht nur ne Kameralinse im Kopf. :-)
thierryhenry 17.12.2014
5.
Ich bin seit 1999 der größte Fan und habe ihm und seinem Stil seit dem nachgeeifert. Ein einmaliger Stürmer, der regelmäßig gegen alle großen Mannschaften traf. Danke für die tolle Zeit und die tollen Tore, besonders bei Arsenal.
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