Debatte über Hummels, Boateng und Müller beim DFB Rettungsaktion oder Zukunftsvision

Nach dem 0:6 gegen Spanien sind die Rufe nach den drei Aussortierten Hummels, Boateng und Müller lauter als je zuvor. Aber was spräche für und was gegen eine Rückkehr?
Aus der guten alten Zeit: Mats Hummels und Thomas Müller hören zu, was Joachim Löw erzählt

Aus der guten alten Zeit: Mats Hummels und Thomas Müller hören zu, was Joachim Löw erzählt

Foto: Federico Gambarini / dpa

Sechs Gegentore, vorgeführt von den Spaniern – und doch spricht man danach weniger von den Nationalspielern, die am Dienstag in Sevilla auf dem Platz standen, als von drei Akteuren, die gar nicht dabei waren. Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller sind so etwas wie die heimlichen Gewinner des Debakels in der Nations League.

TV-Experten wie Lothar Matthäus oder Dietmar Hamann fordern nun vehement eine Rückholaktion für die drei vom Bundestrainer im Vorjahr aussortierten Weltmeister. Was im März 2019 von weiten Teilen der Öffentlichkeit noch als Befreiungsschlag Löws angesehen wurde, gilt mittlerweile bei vielen als Fehler des Trainers, den es im Hinblick auf die Europameisterschaft im kommenden Sommer zu korrigieren gelte. Damals wendete Löw nach langem Zögern das Leistungsprinzip an, als er die im Klub und der Nationalelf schwächelnden drei aussortierte. Nun, so die Forderung, müsse er es erneut tun.

ARD-Experte Bastian Schweinsteiger, unter anderem 2014 Teamkollege des Trios beim WM-Triumph in Rio, sagte schon am Abend des Spiels: »Ich weiß, dass solche Spieler wie Boateng oder Müller das Triple gewonnen haben mit dem FC Bayern München. Sie sind die beste Mannschaft Europas. Die spielen in der ersten Elf, die haben Qualität. Warum nicht für die Nationalmannschaft?« Matthäus sekundiert: »Vielleicht hat man sich zu früh von den erfahrenen Spielern getrennt.«

Aber was spräche überhaupt für eine Rückkehr der beiden Bayern-Spieler Müller und Boateng sowie des Dortmunders Hummels? Und was dagegen? Die Antwort darauf zeigt, dass der DFB vor einer Grundsatzentscheidung über die Zukunft steht.

Müller als Tonangeber

Ein Comeback Müllers wäre am populärsten. Der Bayern-Profi erlebt seit dem Vorjahr einen neuen Frühling, er gilt unter Trainer Hans-Dieter Flick als gesetzt und ist beim Champions-League-Sieger wieder Leistungsträger. Was er zuvor unter Niko Kovač nicht war.

Seine Fähigkeiten, sportliche Qualität mit Energie und Motivation sowie Kommunikation auf dem Feld zu verbinden, haben ihn aus diesem Leistungstief herausgeholfen (dazu kommt, dass das hohe Pressing unter Flick seine Stärken betont). Es sind genau die Fähigkeiten, die man beim Nationalteam in Sevilla sehr schmerzlich vermisste. Zumal mit Joshua Kimmich ein weiterer Bayern-Spieler mit Bestnoten in den Fächern Motivation und Kommunikation verletzt fehlte.

Führungsspieler-Debatten hat die Nationalelf unter Löw mehrfach durch- und überstehen müssen, mit Müller würden solche Diskussionen in jedem Fall leiser werden.

Und dennoch wäre eine Rückkehr Müllers problematisch – problematischer gar als die der beiden Defensivspieler Hummels und Boateng. In der Offensive hat Löw jetzt bereits ein Angebot an der Grenze zum Überangebot, das so groß ist, dass es schon schwerfällt, für Spieler wie Marco Reus und Kai Havertz Plätze in der Elf zu finden. Toni Kroos, Ilkay Gündogan, Kimmich, Leon Goretzka, Havertz, Reus, dazu vorne Timo Werner, Serge Gnabry und Leroy Sané. Müller noch dazuzuholen, ergäbe nur Sinn, wenn man ihm dann auch eine stützende Rolle in der Mannschaft verleiht. Er braucht ein auf ihn zugeschnittenes System mit einer echten Zehn, also ein System, das Löw seit 2019 selten spielen ließ.

Die Debatte belastet die Mannschaft

Dazu kommt ein anderer Punkt: Die neue Hierarchie, die Löw mit dem bewussten Verzicht auf Müller aufzubauen gewillt war, würde teilweise wieder eingerissen werden. Müller wäre sofort wieder der Tonangeber. Andere Spieler, die gerade begonnen hatten, mehr Verantwortung zu übernehmen, könnten sich womöglich wieder stärker zurücknehmen. Gündoğan oder Goretzka zum Beispiel.

Hört man sich im Umfeld der Mannschaft um, dann erfährt man, dass die Debatte um Müller, Hummels und Boateng auch die Spieler selbst belastet. Dass diese Diskussion anderthalb Jahre nach der Abkehr von den drei Weltmeistern immer noch existiert, zeige, dass es ein Unbehagen mit der aktuellen Mannschaft gebe. Daraus entsteht eine diffuse Angst, Fehler zu machen. Für einen Fußballspieler ist das Gift.

Sportlich würde eine Wiedereingliederung von Hummels oder Boateng leichter fallen als die von Müller. In der Defensive ist seit Löws Aussortieren eine Leerstelle geblieben, die der Bundestrainer wohl selbst unterschätzt hat. Auch Hummels und Boateng haben sich im Vergleich zu 2019 noch einmal auf fast altes Niveau verbessert, wobei der Dortmunder noch etwas stärker einzuschätzen ist. Gleichzeitig haben der lange verletzte Niklas Süle und Antonio Rüdiger noch nicht die Fortschritte gemacht, die sich Löw erhofft hat. Beiden täte ein erfahrener Nebenmann gut.

Mit Hummels wäre wieder mehr Ballbesitzfußball denkbar, er hat große Qualitäten im Spielaufbau. Zudem bringt er eine Kopfballstärke ein, die bei Standards vorn und hinten zuletzt vermisst wurde. Gegen Spanien fielen das 1:0 und das 3:0 nach Eckbällen. Mit Boateng wäre Ballbesitz-, aber aufgrund seines Tempos auch ein hohes Pressing möglich, sofern er fit ist.

Es steckt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet ein Geniestreich von Löws ehemaligem Co-Trainer die Probleme erst wirklich groß für den Bundestrainer gemacht hat: Flick, mit dem Löw weiterhin eng verbunden ist, war es gelungen, Müller und Boateng zu einer sportlichen Renaissance zu führen, ohne die nun keiner nach den beiden rufen würde.

Fluchtpunkt EM 2024

Löw und der DFB stehen vor einem Dilemma: Dass Hummels, Müller und Boateng der Mannschaft mit ihrer Routine und ihrer Qualität bei der EM weiterhelfen könnten, scheint in der aktuellen Lage unbestritten zu sein. Das geschähe allerdings auf Kosten der Nachhaltigkeit. Die drei sind keine Spieler, die eine Perspektive für 2024 eröffnen, das Jahr, mit dem für den DFB so eminent wichtigen Turnier im eigenen Land. Boateng und Hummels wären dann fast 36, Müller an die 35. Für den Aufbau einer neuen Mannschaft, die auf dieses Datum hin zugeschnitten wird, wäre die Rückholaktion ein Rückschlag. Für die nahe EM dagegen ein Fortschritt.

Viel Zeit bleibt Löw nicht. Der Terminkalender sieht vor der EM-Nominierung nur noch eine Länderspielpause im März vor. Groß einspielen könnte sich sein Team nach einer Rückholaktion nicht mehr. Löw muss sich also in den nächsten Wochen entscheiden, ob er auf einen kurzfristigen Erfolg, eine Rettungsaktion für die EM setzen will oder auf ein langfristiges Aufbauen einer neuen Mannschaft – für die Turniere nach 2021. Selbst wenn das bedeutet, dass er diese Zukunft dann nicht mehr im Amt miterlebt.

DFB-Präsident Fritz Keller hat sich vorerst entschieden, den von Löw eingeschlagenen Weg mitzugehen. Löw aus der Kritik nahm er mit seinem am Mittwoch veröffentlichten Statement aber nicht. Er erwähnte den Bundestrainer nicht.

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