Bayern-Star Müller deutet wieder Räume

Schwache WM, Ausbootung aus der Nationalelf, Bankplatz bei den Bayern: Thomas Müller hat ein schwaches Jahr hinter sich. Nun läuft es wieder - weil Niko Kovac etwas verändert hat.

Thomas Müller
Lackovic/ imago images

Thomas Müller

Von Tobias Escher


Nur einmal, ganz kurz, leistete sich der FC Bayern München einen Ausrutscher im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf: In der zwölften Minute rutschte Rechtsverteidiger Joshua Kimmich beim Stande von 0:0 im Mittelfeld weg. Für Fortunas Aymen Barkok eröffnete sich aus dem Nichts die Möglichkeit für einen Pass in die Spitze, vor ihm sprinteten drei Fortunen hinter die dezimierte Bayern-Abwehr.

Doch noch während Barkok zum langen Pass ansetzt, rauscht Thomas Müller von hinten heran. Im Vollsprint zieht er links an Barkok vorbei und grätscht ihm mit rechts den Ball vom Fuß. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Am Ende gewannen die Bayern ungefährdet 4:1.

Müller war mit seiner Leistung maßgeblich an diesem Sieg beteiligt. Nicht nur in der Defensive opferte Müller sich auf. Er ackerte, sprintete, öffnete Räume für seine Kollegen. Es wirkt fast so, als wolle Müller, 29, seinen Kritikern nach einem schwachen Jahr 2018 beweisen, dass mit ihm noch immer zu rechnen sei. Der Grund für seinen zweiten Frühling dürfte wesentlich banaler sein: Müller darf erstmals seit Jahren wieder auf seiner liebsten Position spielen.

Müller ist nicht auszurechnen

"Müller spielt immer!", erklärte Louis van Gaal einst. Als Bayern-Trainer (2009-2011) verhalf der Niederländer dem jungen Talent zum Sprung in die Profimannschaft. Van Gaal erkannte Müllers einzigartige Fähigkeiten, die sonst wohl kein Spieler der Welt hat. Müller wirkt klobig in seinen Aktionen, kann aber auf seine Art Gegner aussteigen lassen. Seine Pässe sind selten sauber, finden aber überraschend häufig einen Mitspieler. Und wie Müller seine Tore schießt, kann er wohl nicht einmal selbst erklären.

Van Gaal fand die ideale Position für den kaum auszurechnenden Spieler. Als Zehner in einem 4-2-3-1-System genoss Müller viele Freiheiten. Er nutzte diese Freiheiten selten egoistisch für sich. Stattdessen half er seinen Mitspielern: Er wich auf die Flügel aus und schuf Überzahlen, er sprintete in die Spitze und bot sich für Pässe an, er ließ sich fallen und zog damit Verteidiger aus der Ordnung.

Müller nannte seine Rolle die eines "Raumdeuters". Wie so vieles in Müllers Wirken lässt sich dieser Begriff weder richtig greifen noch erklären. Doch er machte Schule. Der Football Manager, eine Simulation, in der Computerspieler selbst zum Trainer werden, benannte eine taktische Rolle nach ihm "Raumdeuter". Wählt man diese Rolle für offensive Mittelfeldspieler, spielen sie besonders mannschaftsdienlich.

Der Mythos bröckelt

In den vergangenen Jahren bröckelte der Mythos Müller. Schon unter Pep Guardiola, Bayern-Trainer 2013-2016, war er in den wichtigsten Spielen nicht mehr gesetzt. 2018 war das wohl schlechteste Jahr in Müllers Karriere. Wie die gesamte Nationalmannschaft schwächelte er bei der Weltmeisterschaft, später sortierte ihn Joachim Löw zusammen mit Mats Hummels und Jérôme Boateng aus. Auch bei den Bayern saß er immer öfter auf der Bank. "Müller spielt immer!", dieses Motto schien der Vergangenheit anzugehören.

Manchmal wirkte es in dieser Zeit fast, als wäre der mannschaftsdienliche Zehner einem egoistischeren Müller gewichen. Er nahm plötzlich Schüsse, bei denen er früher das Abspiel gesucht hätte. Seine Interviews nach dem Spiel wirkten nicht mehr locker, sondern patzig. So recht passte das nicht zum Image des Raumdeuters, der sich für seine Mitspieler aufopfert.

Spätestens mit seiner Leistung beim 5:0-Sieg über Borussia Dortmund meldete sich der 29-Jährige zurück. Da war er wieder, der alte Müller: Unermüdlich trieb er seine Mannschaft im Pressing an, schloss Lücken, wo er nur konnte. Nicht immer profitierte Müller selbst von den Läufen, meist zog er nur einen Gegenspieler aus der Verteidigung. Das öffnete wiederum Räume für die Außenstürmer und Torjäger Robert Lewandowski. Gerade der Pole blüht mit Müller hinter sich auf.

Müllers Leistungen lassen sich einfach erklären: Erstmals seit langer Zeit darf er wieder auf seiner liebsten Position auflaufen. Unter Löw und Kovac musste er meist auf den rechten Flügel ausweichen, manchmal begann er auch als einziger Stürmer. Diese Rollen schränken Müller jedoch in seinen Bewegungen ein, er kann seine Lauffreudigkeit nicht so gewinnend einsetzen wie auf der Zehn.

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Der SPIX unterstreicht seine taktische Präferenz. Wenn die Bayern in einem 4-2-3-1 spielen, weist Müller bessere Werte auf als in einem 4-3-3. Besonders wenn er als Zehner eines 4-2-3-1 agieren darf, stechen seine Werte hervor, gerade im Bereich der Chancenkreation. Nicht nur die Macher des Football Manager wissen: Ein Raumdeuter gehört auf die Zehn.

Nun ist Niko Kovac zu jenem 4-2-3-1-System zurückgekehrt, das schon van Gaal spielen ließ. Die Spieler würden sich wohlfühlen darin, so Kovac gegenüber "SportBild", "von daher besteht nicht die Notwendigkeit, großartig etwas Neues zu kreieren." Müller ist dafür der Beweis. Zuletzt stach er aus einer ohnehin starken Bayern-Mannschaft noch einmal hervor.

In den beiden Spielen gegen Werder Bremen (Samstag, 15.30 Uhr, in der Bundesliga und Mittwoch, 20.45 Uhr, im DFB-Pokal-Halbfinale) dürfte wieder das alte Motto gelten: "Müller spielt immer." Wie er gegen den in 2019 noch ungeschlagenen Nordklub spielen wird? Nicht vorherzusagen. Er lebt also wieder, der Mythos Müller.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
mullertomas989 20.04.2019
1. Klingt plausibel...
Aber warum ist Müller bei der WM 2010 als Rechtssaussen so aufgedreht? Vielleicht liegen ihm doch beide Positionen....
allesamt 20.04.2019
2.
Hat ja nun auch lange genug gedauert; wurde auch Zeit für die Lobhudelei der Bayernstars, speziell des Thomas Müller. Immer wieder werden einzelne deutsche Bayernspieler hervorgehoben, zu Stars gemacht. Natürlich, der Thomas ist eloquent, bringt viel für die Medien. Aber die Leistungen eines Spielers darf man nicht an einer Szene in einem Spiel messen, auch nicht das Spiel gegen relativ schwache Gegner. Gegen starke Gegner, z. B. in der Champions League oder mit der NM, hat gerade ein Thomas Müller seine Probleme.
spon1899 20.04.2019
3.
Heute hauen wir die Bayern nicht weg, aber am Mittwoch. Heute wird es sehr schwer, denn im Kölner Keller sitzt Zwayer, der das Spiel pro Bayern entscheiden wird.
phboerker 20.04.2019
4. andere Theorie
Müller hat zwischen 2016 und heute geglaubt, dass, egal was er tut, einfach weltmeisterlich ist. Sein gut geglauntes Interview bei der WM2018 ließ klar erkennen, dass er seine Kollegen und sich für viel zu gut hielt, als das man sich anstrengen müsste. Der Rauswurf aus der Nationalmannschaft hat nun eine Trotzreaktion hervorgerufen und er läuft nun wieder den einen Meter mehr, den er vorher für unnötig gehalten hatte.
dennis.schroeder1 20.04.2019
5. 2 seiten
Müller kann man zwiegespalten sehen. Einerseits ist er seit 2015 bzw 2016 nicht mehr so gut. Andererseits ist er titelmäßig einer der erfolgreichsten Spieler aller Zeiten.
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