Frankfurts Schaaf-Verpflichtung Kompromiss mit Risiko

Erst wollte er nicht, dann sagte er zu: Die Verpflichtung von Thomas Schaaf als Trainer von Eintracht Frankfurt überrascht. Vor allem aber ist sie ein Triumph für Vorstandschef Heribert Bruchhagen.


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Die erste Idee ist oft die beste. Das wird sich jedenfalls Heribert Bruchhagen denken. Dem Vernehmen nach hat der Vorstandsvorsitzende des Bundesligisten schon vor Wochen bei Fußballlehrer Thomas Schaaf vorgefühlt, ob dieser sich ein Engagement in Frankfurt vorstellen könnte.

Damals mochte Schaaf nicht. Nun sagte Schaaf zu.

Am Mittwoch um 11.40 Uhr verschickte der Klub jene Pressemitteilung, die als kleine Sensation gewertet werden darf. Schaaf, von dem es lange hieß, er würde aufgrund seiner grün-weißen Vita nur Werder Bremen können, übernimmt zur neuen Saison den Cheftrainerposten der Eintracht von Armin Veh.

Schaafs Vertrag läuft so lange wie der des Vorstandsbosses Bruchhagen - bis zum 30. Juni 2016. Eine Entlassung hat der neue Trainer, der nun fast genau ein Jahr beschäftigungslos war, in dieser Zeit vermutlich nicht zu befürchten. Bruchhagen, ein wertkonservativer Ostwestfale, darf für sich in Anspruch nehmen, eine Tabelle mit weitem Abstand anzuführen: Nur einmal in den vergangenen Jahren haben die Frankfurter - je dreimal 75.000 Euro Monatsgehalt - bei der Entlassung von Michael Skibbe gezahlt. Ansonsten nicht mal eine Abfindung, wie Bruchhagen immer gerne vorrechnet.

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Thomas Schaaf: Von Bremen nach Frankfurt
"Am wichtigsten ist der Charakter"

Einmal mehr hat sich bei dem Deal der 65-jährige Eintracht-Chef durchgesetzt. Denn eigentlich hatte Sportdirektor Bruno Hübner Trainer wie Roger Schmidt, André Breitenreiter oder zuletzt Roberto di Matteo präferiert. Doch Bruchhagen wollte einen authentischen Typen, er verabscheut Schaumschläger und Entertainer.

Kürzlich gestand er: "Die Trainer, die ich geholt habe - das waren Hermann Gerland, Benno Möhlmann, Willi Reimann, Friedhelm Funkel - hatten ein ähnliches Charakterbild; alle etwas Stollenschuhhaftes, vielleicht nicht so facettenreich, aber stark am Fußball orientiert." Das stimmt bedingungslos, mit der Ausnahme von Christoph Daum. Und als jetzt beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen tränenreich Veh verabschiedet wurde, rief Bruchhagen übers Stadionmikrofon: "Am Wichtigsten bei einem Trainer ist der Charakter."

Den hat der mittlerweile 53-jährige Schaaf. Im Weserstadion trug er nur zu Champions-League-Partien einen Anzug. Sonst erschien er in Kapuzenpullover oder Trainingsjacke. Schaaf hatte sich nach seinem erzwungenen Abschied, als ihm die Bremer Geschäftsführung einen Spieltag vor Schluss im Mai 2013 die Entlassung mitteilte, nie mehr öffentlich geäußert. Selbst für engste Weggefährten war er nicht zu erreichen, er hielt sich aus allem raus. Nur als jetzt beim letzten Werder-Heimspiel gegen Hertha die Helden des Bremer Doubles zum zehnjährigen Jubiläum des Erfolges geehrt wurden, klatschte auch er am Zaun der Ostkurve ab.

Kritik am Kommunikationsstil

Es ist eine merkwürdige Liaison, die da nun in Frankfurt zustande kommt. Denn Schaaf hat sich in seinen letzten Jahren als Cheftrainer nicht gerade als fortschrittlich erwiesen. Die Vorwürfe: zu wenig Kommunikation, zu wenig Innovation. Gerade die latenten Versäumnisse, der fußballerisch durch die Sparzwänge begrenzt begabten Bremer Truppe ein vernünftiges Defensivkonzept beizubringen, erwiesen sich als fatal.

Schaaf konnte auch deshalb in Bremen seine Vorliebe für die Offensive ausleben, weil ihm Klaus Allofs dafür die passenden Spieler organisierte. Doch diese Methode funktionierte nicht mehr, als andere die Nischen des Transfermarktes entdeckten, in denen zuvor Allofs fündig geworden war.

Und: Aus seinem engsten Umfeld hieß es bis zuletzt, Schaaf hoffe auf ein Engagement bei einem Spitzenverein. Mit dem FC Schalke 04 soll er verhandelt haben, auch bei Bayer Leverkusen war er im Spiel. Doch die Trainerposten der Europapokal-Teilnehmer sind vergeben. Es hat sich in der Branche herumgesprochen, dass ungeachtet der furiosen Erfolge - vor allem zwischen 2003 und 2009 mit einem Meistertitel, zwei Pokalsiegen und insgesamt sechs Champions-League-Teilnahmen - die Verpflichtung dieses Mannes auch ein Risiko ist.

Vielleicht reifte bei Schaaf die Einsicht, sich dann lieber doch der Eintracht zu verschreiben, als weiter zu warten - während die Frankfurter wiederum die Hängepartien mit Kalibern wie di Matteo leid waren. Wie zerrissen teilweise die Führungsetage der Eintracht wirkte, ließ sich am internen Streit um Bernd Schuster ausmachen.

Schaaf ist eine Kompromisslösung, mit der alle ihr Gesicht wahren. Er ist nicht die Wunschlösung des Gesamtvereins Eintracht Frankfurt. Wohl aber die von Heribert Bruchhagen.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
xxxeikexxx 21.05.2014
1. Lehrer bleibt Lehrer.....
.....Herr Bruchhagen bleibt was er ist, wenn man(n) nur den Anspruch hat nicht abzusteigen, wird aus dem Traditionsverein Eintracht Frankfurt nie etwas. Warum ist Veh denn gegangen.....
tigerloods 21.05.2014
2. Bei Bremen
ging es vor allem deswegen bergab, weil Spielverpflichtungen (z.B. Arnautovic) in die Hose gingen und das Vereinsumfeld nicht damit klarkam, dass die goldenen Zeiten (siehe Erzfeind HSV) vorbei sind. Von daher passt Schaaf prima zur Eintracht, wo von vorneherein kleine Brötchen gebacken werden. Und sein Vorgänger war, als er nach Frankfurt kam, praktisch als Trainer nach Fehlschlägen in Wolfsburg und Hamburg verbrannt, hat sich erst durch sein Eintracht-Engagement wieder ins Gespräch gebracht. Schaaf könnte die Eintracht zu einer Überraschungsmannschaft der nächsten Saison machen - so oder so.
aurichter 21.05.2014
3. Genau diese Kombination
Schaaf vs Bruchhagen mit Hübner im Hintergrund wird in der nächsten Saison wird eher positive Schlagzeilen machen. Bedauerlich sind die vermutlichen Abgänge, auch hier wildert Allofs wieder in TS Gewässern ;-)
der_durden 21.05.2014
4.
Zitat von xxxeikexxx.....Herr Bruchhagen bleibt was er ist, wenn man(n) nur den Anspruch hat nicht abzusteigen, wird aus dem Traditionsverein Eintracht Frankfurt nie etwas. Warum ist Veh denn gegangen.....
Tja, Bruchhagen ist ein Verwalter, zu keinem Risiko bereit. Die Finanzen sind bei der Eintracht stets sauber, dafür ist halt auch auf Dauer nur das untere Mittelfeld drin. Nächstes Jahr stehen Schwegler und Jung nicht mehr zur Verfügung, Rode fehlt ebenfalls, obwohl ich ihn auch nicht wirklich vermisst habe, die letzten Wochen. Ich bin gespannt, wie sich die Eintracht für die nächste Saison formiert. Dennoch, angesichts der Lage ist Schaaf ja nun nicht schlechteste Wahl. Ich bin auf die nächste Saison jedenfalls gespannt. An eine Wiederholung des Wunders, EL-Platz glaube ich aber leider nicht...
knoebel77 21.05.2014
5. Schaf
Schaaf ist ein guter Hirte.
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