Tuchel-Aus bei PSG Dieser Job war kein Geschenk

Thomas Tuchel hatte in Paris viel Erfolg, mehr als seine Vorgänger – und trotzdem muss er bei PSG vorzeitig gehen. Das hat nichts mit seinen Qualitäten als Coach zu tun.
Thomas Tuchel ist nach zweieinhalb Jahren in Paris nicht mehr PSG-Coach

Thomas Tuchel ist nach zweieinhalb Jahren in Paris nicht mehr PSG-Coach

Foto: CHARLES PLATIAU / REUTERS

Es ist erst vier Monate her, da stand Paris Saint-Germain im Finale der Champions League. Das Team unterlag zwar Bayern München, aber dieses Endspiel war der bisherige Höhepunkt der Vereinsgeschichte. Die Belohnung für eine millionenschwere Transferoffensive, die der Verein seit der katarischen Übernahme im Jahr 2011 betrieben hat. Dieser Zwischenerfolg war eng verbunden mit den Namen Thomas Tuchel. Der deutsche Coach war es, der ein System fand, in dem Einzelkönner wie Neymar und Kylian Mbappé glänzen konnten, ohne dass die Defensive völlig vernachlässigt wurde.

Ende August also, nach jenem umkämpften Endspiel mit vielen Paraden von Bayerns Manuel Neuer, hätten sie sich in Paris eigentlich glücklich schätzen können, dass sie diesen Trainer haben. Immerhin holte Tuchel in zwei Jahren auch zwei Meisterschaften und 2,35 Punkte im Schnitt in seinen 127 Pflichtspielen mit PSG. Doch statt die Zukunft und den nächsten Angriff auf den Henkelpott zu planen, wollte man sich auf den Trainer nicht ernsthaft einlassen. Das Haus, das sie im August gebaut hatten, entpuppte sich als Kartenhaus.

Es standen sich in den folgenden Monaten zwei Parteien gegenüber, deren Verhältnis bereits vor Lissabon ziemlich angespannt war: Tuchel und die Mannschaft auf der einen und Sportdirektor Leonardo und der Verein auf der anderen Seite. Am Ende langer Querelen steht die vorzeitige Trennung von Tuchel an Heiligabend offenbar fest. Das Vertragsende war für den Sommer festgeschrieben.

Noch wurde die Trennung nicht offiziell verkündet, doch das Aus gilt laut dem Klub nahestehenden Medien wie der »L'Équipe« als sicher.

Tuchel und Neymar verpassen den Sieg der Königsklasse nur knapp

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MIGUEL A. LOPES / AFP

Zurück zum Höhepunkt von Lissabon: Kaum war das Turnier vorbei, gingen neue und alte Probleme wieder los. Zahlreiche Spieler kamen mit Corona aus einem Kurzurlaub zurück, es häuften sich Verletzungen durch Überlastungen, weil die Ligue 1 direkt in die neue Saison startete. Sportdirektor Leonardo und Tuchel zofften sich in der Öffentlichkeit über die Transferpolitik.

Der Trainer klagte, dass der Verein nicht mit Kapitän Thiago Silva verlängert hatte, er war unglücklich, weil das Supertalent Tanguy Nianzou ablösefrei zu Bayern München wechseln konnte, und auch für Edinson Cavani und Thomas Meunier war kein gleichwertiger Ersatz gekommen. Selbst Tuchels Edeljoker und langer Weggefährte Eric-Maxim Choupo-Moting war nun weg, ebenfalls abgewandert nach München.

Übersetzt teilte Tuchel seinem Vorgesetzten Leonardo in der Öffentlichkeit mit, dass er einen schlechten Job gemacht hat.

»Wenn die Mannschaft so bleibt«, sagte Tuchel während der Transferperiode, »können wir nicht mehr über die gleichen Ziele sprechen.« Und Leonardo, der bei den Klubbossen hohes Ansehen genießt, schoss zurück: »Das hat uns nicht gefallen. Falls jemand nicht glücklich ist, wenn er sich entscheidet zu bleiben, muss er sich entweder an die sportliche Politik oder die internen Regeln halten.«

Nicht mal mehr zur einer Zweckgemeinschaft bereit

Man wird in der Vita von Thomas Tuchel lange suchen müssen, um sportliche Misserfolge zu finden. Eigentlich gibt es sie nicht, nicht auf seinen Stationen beim BVB und in Mainz. Und auch in dieser Saison – trotz aller Umstände – ist sein Team auf Kurs: In der Ligue 1 Dritter mit einem Punkt Rückstand auf den Spitzenreiter, qualifiziert für das Achtelfinale der Champions League.

Es gab in dieser Saison bereits Spiele, die grauenvoll anzusehen waren, das vorentscheidende Heimspiel gegen RB Leipzig um den Einzug ins Achtelfinale war so eins. PSG fehlten zahlreiche Spieler verletzungsbedingt und verteidigte 90 Minuten – doch Paris hat das Match gewonnen. Auch wenn es schwierig wurde, fand Tuchel meist Lösungen.

Deswegen kann die Trennung von ihm keine sein, die aus rein sportlichen Gründen gefallen ist. Sie wirkt wie das Resultat einer Entfremdung zwischen Trainer und Verein. Am Ende war man nicht mal mehr bereit für eine Zweckgemeinschaft, denn im Sommer hätte der Klub Tuchel ohne Abfindung aus seinem bis Ende Juni laufenden Vertrag gehen lassen können.

Aber auch der Druck in französischen Medien – die Tuchel zu Beginn seiner Zeit noch dafür feierten, dass er so schnell Französisch gelernt hatte – wurde immer größer: Noch vor dem Champions-League-Turnier wurde im Sommer Tuchels Abfindung bei einer vorzeitigen Trennung veröffentlicht, zehn Millionen Euro sollten er und sein Trainerteam demnach kassieren. Wegen der Millionenverluste während der Corona-Pandemie galt es als ausgeschlossen, dass PSG zu diesem Schritt bereit ist – sofern der sportliche Erfolg da ist. Er war da.

Watzke über Tuchel: »schwieriger Mensch«

Vor wenigen Tagen folgte noch eine weitere Episode. »Wir hatten nie so das Gefühl, dass wir die Leute jetzt auch mal überzeugt haben und sie unsere Leistung anerkennen. Es macht einen auch manchmal ein bisschen traurig oder sauer«, sagte Tuchel bei Sport1, und er verteidigte damit sein Team gegen alle Kritiker. Tuchel wird ein gutes Verhältnis zu seiner Mannschaft bescheinigt. Doch für den Verein scheint das nicht zu gelten.

Mit dem BVB wurde Tuchel 2017 Pokalsieger

Mit dem BVB wurde Tuchel 2017 Pokalsieger

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Kürzlich äußerte sich Tuchels ehemaliger Chef Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund zu Tuchels Situation. Er sagte im Podcast von ARD-Moderatorin Sandra Maischberger: »Thomas ist schon ein schwieriger Mensch, das sieht man jetzt auch in Paris. Aber ein fantastischer Trainer.« Man habe sich damals »getrennt, weil es einfach nicht gepasst hat«. Tuchel ist bis heute der Cheftrainer mit dem besten Punkteschnitt beim BVB.

Laut »L'Équipe « soll Tuchels Interview bei Sport1 sehr schlecht im Klub angekommen sein. Den entscheidenden Ausschlag für die Trennung aber soll es nicht gegeben haben. In dem Bericht heißt es: Es stand schon vorher fest, Tuchel an Heiligabend zu entlassen. Dieser Job war kein Geschenk, aber Tuchel geht aus der Geschichte in Paris auch nicht als Verlierer hervor. Nur wird Tuchel in der Zukunft einen Verein finden müssen, der damit klarkommt, wenn er auch mal aneckt.

Mit Mauricio Pochettino steht offenbar schon der nächste Trainer bereit, der derzeit unbeschäftigt ist, fachlich als herausragend gilt, dem viele Schwärmer unter den europäischen Großklubs zugerechnet werden – es ist nachvollziehbar, hier schnell zuzuschlagen, wenn man mit Tuchel ohnehin nicht weitermachen will. Pochettino ist auch einer, der bereits als aktiver Spieler bei PSG unter Vertrag stand. Vielleicht ist die Nestwärme die bessere Voraussetzung für ein Engagement bei diesem Klub.