Titelanwärter Niederlande Revolution in Orange

Direktes Spiel, ein starkes Kollektiv, schnelle Angriffe über die Flügel: Die Niederlande demonstrieren Europa, wie moderner Fußball funktioniert. Eine Abkehr von der bislang praktizierten Spielphilosophie ist der Schlüssel zum Erfolg. Wer kann diesen Sturmlauf noch stoppen?

Aus Bern berichtet Felix Meininghaus


Der niederländische Nationaltrainer Marco van Basten hatte in seiner bisherigen Amtszeit mit viel Kritik zu kämpfen. Spieler waren gegen ihn, die lebende Legende Johann Cruyff war gegen ihn, und die Medien waren ihm oftmals nicht wohlgesinnt. Nach den beeindruckenden Siegen gegen Italien und Frankreich wird sich die öffentliche Wahrnehmung ihm gegenüber ändern - weil er seinem Land ein neues Fußballverständnis vermittelt.

"Wir sind sehr glücklich", gab van Basten nach dem Spektakel von Bern zu Protokoll, "wenn du erst Italien und dann Frankreich schlägst, und dann noch mit solchen Resultaten, kannst du nur äußerst zufrieden sein."

Der Sieg nach Treffern von Dirk Kuyt, Robin van Persie, Arjen Robben und Wesley Sneijder bei einem Gegentreffer durch Thierry Henry ist auch van Bastens persönlicher Triumph. In der Heimat ist der frühere Ausnahmestürmer permanent angefeindet worden, weil er es gewagt hat, vom holländischen Ur-System mit drei Stürmern abzurücken. Vor allem van Bastens ehemaliger Förderer Johann Cruyff ließ kein gutes Haar am Bondscoach.

Cruyffs Wort gilt in den Niederlanden als Dogma, "König Johann" geißelt es bereits als schweres Vergehen, wenn ein holländischer Trainer den Mut hat, mit zwei Spitzen zu agieren. Van Basten ist sogar so weit gegangen, mit Ruud van Nistelrooy nur einen Stürmer aufzubieten.

Im neuen System ist der Stoßstürmer van Nistelrooy in vorderster Front stets anspielbar, über die Außen rücken Spieler wie van Bronckhorst, Robben oder van Persie mit irrwitzigem Tempo nach und reißen die Flügel mit einer Aktionsgeschwindigkeit auf, die ihresgleichen sucht. Der mit traumwandlerischer Sicherheit vorgetragene Direktabspiel-Fußball, den diese Spielweise zeitigt, ist eine Augenweide. "Dieses System klappt von vorn bis hinten", sagt Nigel de Jong vom Hamburger SV, "wenn du so spielst, macht es einfach Spaß."

Van Basten hat es geschafft, dem niederländischen Fußball ein starkes und diszipliniertes Kollektiv zu verordnen, ohne seine Stärken zu verraten. Im Vergleich zu früheren Zeiten, als die Niederlande ebenfalls begnadete Könner in ihren Reihen hatten, läuft die Generation 2008 bislang nicht Gefahr, sich an sich selbst zu berauschen und darüber hinaus das große Ganze zu vernachlässigen.

Van Basten, der nach der EM als Trainer der Nationalmannschaft aufhört und zu Ajax Amsterdam wechselt, taucht während der Spiele immer wieder an der Linie auf und wacht streng über das Halten der Positionen. Das schöne Spiel ist kein Selbstzweck, es muss zwingend zum Ziel führen. Und wenn das nicht funktioniert, ist es nicht verpönt, sich des schnöden Pragmatismus zu bedienen, um Spiele zu gewinnen. So wie gegen Frankreich, als die Holländer zwischen der 20. und 60. Minute die Kontrolle über das Spiel verloren hatten und dem Gegner eine ganze Reihe guter Chancen ermöglichten. "Da haben wir Glück gehabt", räumte Rafael van der Vaart ein. Dass sein Team diese heikle Phase schadlos überstand, stimmt van Basten noch zuversichtlicher.

"Unser Team kann auch verteidigen, das ist eine gute Erkenntnis", sagt der 43-Jährige. Und: "Wir haben einen sehr guten Torwart, aber das wussten wir schon vorher."

Wo sind denn eigentlich die Schwächen bei dieser Übermannschaft? Schwer zu sagen, gegen Italien und Frankreich waren sie schlicht nicht zu sehen. Denn auch beim Aufbau des Teams haben die Oranjes große Fortschritte gemacht.

Während die Mannschaft früher in verfeindete Cliquen verfiel, präsentieren sie sich jetzt als Einheit, die dem Ziel alles unterordnet. "Wir sind hungrig und wollen etwas gewinnen", sagt de Jong, "und das sieht man auf dem Platz." Auch, weil die "Mischung aus Jung und Alt stimmt", wie de Jong betont. Eine Schlüsselrolle kommt dabei van Nistelrooy zu, an dem sich Spieler wie de Jong, van der Vaart oder Kuyt orientieren. "Die Ruhe, die er ausstrahlt", sagt de Jong, "ist für uns einfach positiv."

Das Ganze hat zu einer luxuriösen Ausgangslage geführt: Vor dem letzten Vorrundenspiel stehen die Niederlande als Gruppensieger fest und können darüber entscheiden, ob Rumänien als lachender Zweiter überlebt, während Italien und Frankreich als weinende Dritte und Vierte nach Hause fahren müssen. Die Aussicht, sich zwei der härtesten Konkurrenten auf einen Schlag zu entledigen, erscheint verlockend.

Frankreichs Coach Raymond Domenech sieht "keinen Grund, zuversichtlich zu sein. Wir müssten schon sehr optimistisch sein, um zu glauben, die Niederlande gewinnen gegen Rumänien." Der notorische Grantler Domenech tat sich sichtlich schwer, den Sieg des Kontrahenten anzuerkennen: "Du brauchst Glück, aber unser Gegner hatte Glück. Wenn du nicht durchschlagkräftig genug bist, wenn der gegnerische Torwart so gut ist, und wenn der Schiedsrichter gegen dich ist, passiert so etwas." Immerhin: Einen lobenden Satz hat sich Domenech dann doch noch abgerungen: "Wer Italien und uns mit drei Toren Unterschied schlägt, hat auch Qualität."

Die Franzosen hatten die Qualität an diesem Abend nur in Ansätzen. Mit Franck Ribéry haben sie einen quirligen Wirbelwind, der herausragt. Doch im Gegensatz zu den Holländern, ist hinter den Aktionen der Franzosen kein Plan zu entdecken. Ein Stratege, der das Spiel lenkt und das Tempo variiert, ist nicht zu sehen. Mit Zidane ist der Spiritus Rector von Bord gegangen, ein Nachfolger muss noch gefunden werden.



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