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Titelkampf in Spanien: Vom Jäger zum Gejagten

Foto: Paul White/ AP

Titelkampf zwischen Real und Barça Immer auf die Kleinen

In der Primera División scheint die Entscheidung gefallen: Meister wird Real Madrid. Konsequenter als Erzfeind Barcelona beherzigt das Team von Trainer Mourinho die große Lehre der Liga: Gewinne gegen die Underdogs, dann gewinnst du auch den Titel.

Die Schadenfreude bei Álvaro Arbeloa war groß. So groß, dass ihr der Verteidiger von Real Madrid irgendwann Luft machen musste. Beim Kurznachrichtendienst Twitter brachte er die Gemütslage beim spanischen Rekordmeister mit wenigen Worten auf den Punkt: "Wie gut hielt Diego López. Sieben Punkte Vorsprung! Hala Madrid." Arbeloa huldigte dem Torhüter von Villarreal, denn der Keeper hatte am 20. Spieltag der Primera División für eine Vorentscheidung im Titelkampf gesorgt.

Madrids großer Konkurrent, der FC Barcelona, hatte in der Provinz gepatzt. Beim FC Villarreal, einem Club aus einer 50.000-Einwohner-Stadt, rannte das Starensemble um Weltfußballer Lionel Messi verzweifelt an, doch immer wieder hielt López im Tor des Tabellen-18. Am Ende kam Barça nicht über ein 0:0 hinaus. Und Tabellenführer Real hat nun plötzlich sieben Punkte Vorsprung auf den Zweiten aus Katalonien. Das ewige Duell der beiden Giganten ist vorentschieden.

"Wir wissen, dass wir uns in der Liga keinen Ausrutscher mehr erlauben können", hatte Barça-Trainer Pep Guardiola bereits im Januar gesagt. Jetzt kann Madrids Mesut Özil im "kicker" ruhigen Gewissens sagen: "Wenn wir so weiter spielen wie zuletzt, sind wir nicht einzuholen. Normalerweise geht da nichts mehr schief." Die Statistik gibt dem deutschen Nationalspieler recht. Sieben oder mehr Punkte Rückstand nach dem 20. Spieltag holte in der spanischen Liga bislang nur eine Mannschaft auf. Und es war nicht der FC Barcelona. In der Saison 2003/2004 war es der FC Valencia, der Meister wurde, obwohl man am 26. Spieltag acht Punkte hinter Tabellenführer Real Madrid zurücklag.

Zu viele Villarreals für Barcelona

Eine solche Aufholjagd traut man Barça, nachdem etwas mehr als die Hälfte der Saison absolviert ist, nicht zu. Die Partie in Villarreal war symptomatisch für die Ballkünstler anno 2012. Zwar kassierte die Elf von Guardiola bisher nur eine Niederlage (0:1 gegen Getafe). Doch die Bilanz hat man sich mit unnötigen Remis versaut. Sechsmal schon, so häufig wie in der kompletten Meistersaison 2010/2011, teilte sich Barcelona die Punkte. Meist mit den Clubs, die dem Spitzenduo in Spanien eigentlich hoffnungslos unterlegen sind.

2:2 bei Real Sociedad (nach 2:0-Führung), 2:2 bei Athletic Bilbao, 1:1 bei Espanyol Barcelona (nach 1:0-Führung), dazu ein 2:2 bei den Spitzenteams FC Valencia und ein 0:0 zu Hause gegen FC Sevilla: Es ist die Schwäche Barças, die Real Madrid den Titel bringen könnte. Denn die "Königlichen" beherzigen in dieser Saison konsequent eine Lehre der spanischen Liga: Schlage die Kleinen und du holst die Meisterschaft. Und von den kleinen Clubs gibt es viele in Spanien.

Die Primera División gilt als Liga der Langeweile. Zu groß ist das Leistungsgefälle. In keiner anderen europäischen Top-Liga ist derzeit der Abstand des Spitzenduos zum Rest so groß wie hier (neun Punkte). Real und Barça schweben in eigenen Sphären. Doch die Meisterschaft entscheidet sich bei insgesamt 38 Liga-Spielen nicht in den beiden Duellen mit dem Erzfeind - sondern bei jenen mit Real Saragossa oder Sporting Gijon. Und während das mit verletzten Spielern (Andres Iniesta, Alexis Sanchez, David Villa) kämpfende Barça dort in dieser Saison wiederholt patzt, ist Real gnadenlos konsequent.

Reals Tormaschine kennt keine Gnade

1:0 bei Real Sociedad, 4:2 gegen Getafe, 4:0 bei Espanyol Barcelona, 3:2 beim FC Valencia, 6:2 beim FC Sevilla: Madrid gewinnt auch gegen jene Teams, die Barcelona Punkte kosten. Und zwar deutlich. Real ist längst die eigentliche Tormaschine der Liga. 70 Treffer haben Cristiano Ronaldo und Co. bisher erzielt (Barcelona: 59 Tore). Das ergibt einen Schnitt von 3,5 Toren pro Spiel. Die Marke von 102 Toren aus den beiden Vorsaisons wackelt. Wenn das in diesem Jahr zum ersten Mal seit 2008 wieder zur Meisterschaft reicht, wird es Real leichtfallen, die Pleiten gegen Barcelona wie die in der Hinrunde (1:3) zu verschmerzen.

Nur ein einziges Mal, im Pokalendspiel 2011, konnte Trainer José Mourinho Barças Passkönige um Xavi und Iniesta während seiner 20-monatigen Amtszeit bisher bezwingen. Egal ob Liga, Pokal oder Champions League: Nahezu immer, wenn es gegen den großen Kontrahenten geht, rufen die Katalanen ihr einzigartiges Potential ab. Allerdings war Real beim 2:2 im Viertelfinal-Rückspiel des Pokal-Wettbewerbs im Camp Nou nach langer Zeit einmal wieder das bessere Team. "Wir sind die Nummer eins in der Liga. Deshalb ist Real auch wieder die Nummer eins in Spanien", sagt Özil.

Barça-Trainer Guardiola gibt sich dennoch nicht geschlagen: "Es sind noch 18 Runden zu spielen, und wir werden um jeden Punkt kämpfen. Wenn wir so weitermachen, werden wir eine gute Saison haben." Doch egal wie sehr sich Barcelona das Gegenteil wünschen mag: Auch in der Rückrunde trifft das Team nur einmal auf Real Madrid, das sich im Kampf um die Meisterschaft nur noch selber schlagen kann. Beispielsweise durch Unruhe von Außen.

So berichtete das englische Boulevardblatt "The Sun" in dieser Woche, Mourinho wolle trotz seines bis 2014 laufenden Vertrags in Madrid zurück zum FC Chelsea wechseln, den er bereits von 2004 bis 2007 trainierte. Damals holte er zwei Meisterschaften und wurde von den Fans gefeiert. Der Meistertitel ist jetzt auch erstmals seit Mourinho in Madrid mit Real realistisch. Und man soll ja bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist.

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