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Italiens Seniorentruppe: Ein Titelverteidiger als Außenseiter

Foto: FILIPPO MONTEFORTE/ AFP

Titelverteidiger Italien Müde Gladiatoren ersehnen ein Wunder

Die Mannschaft ist überaltert, die Testspiele waren eine Katastrophe, der Mittelfeldstar ist verletzt: Dem italienischen Team traut bei dieser WM fast niemand die Titelverteidigung zu. Trainer Lippi aber macht immer noch ungebrochen in Optimismus.

Italien ist zurzeit jedes Mittel recht. Nationaltrainer Marcello Lippi versucht selbst die Tatsache, dass der AC Mailand und Juventus Turin in der Champions League ungewöhnlich früh ausgeschieden sind, ins Positive umzumünzen: "Zum Glück habe ich eine Mannschaft von enttäuschten Spielern. Sie werden umso mehr nach Erfolgen hungern", sagt Lippi. Die Argumente sind knapp geworden, warum der Weltmeister von 2006 es schaffen sollte, den Titel in Südafrika erfolgreich zu verteidigen.

Die Stimmung vor dem WM-Auftakt am Montagabend gegen Paraguay (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) war im italienischen Lager lange nicht so schlecht wie derzeit. Die Erwartungshaltung der Tifosi ist niedrig, die Kritik an Trainer und Kader massiv.

Die Mäkelei lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Das Team ist zu alt.

Die Zahlen sprechen für sich. Abwehrchef Fabio Cannavaro 36 Jahre, Gianluca Zambrotta 33. Mauro Camoranesi 33 Jahre alt, Torwart Gianluca Buffon 32, Gennaro Gattuso 32, Angreifer Antonio di Natale 32 Jahre alt. Lippi hat selbstredend auch dafür seine eigene Interpretation der Dinge. "Alter ist im Fußball keine Schwäche, es bedeutet Erfahrung und Charisma", hat er die Reporter im italienischen Quartier belehrt. In den Testspielen wirkte die alte Garde allerdings eher wie müde Gladiatoren am Ende ihrer Karriere.

Die Selbstzweifel schimmern durch

Der Trainer redet sich und sein Team selbstbewusst, aber darunter schimmern die Selbstzweifel durch. Ausnahme-Torwart Buffon tönte zwar erst in bester Lippi-Manier: "Ich will die Jubelszenen von Berlin 2006 noch einmal erleben", schiebt aber etwas leiser nach: "Mit dem Einzug ins Viertelfinale wäre ich schon zufrieden." Auch Kapitän Fabio Cannavaro verkündigt: "Keiner kann so gut verteidigen wie wir." Dann sagt er: "Ich bin sehr zuversichtlich - ich weiß aber auch nicht warum."

Was den Italienern helfen könnte, ist der Spielplan. Paraguay, Neuseeland und die Slowakei als Gruppengegner - keiner der anderen Großen im Weltfußball hat auf dem Papier so eine leicht zu überstehende Vorrundengruppe erwischt. Im Achtelfinale würde man Teams wie Argentinien, Deutschland, Brasilien oder Spanien erst einmal aus dem Wege gehen und wahrscheinlich auf Dänemark oder Kamerun treffen. Und ab dem Viertelfinale ist einem dann eingespielten italienischen Team immer alles zuzutrauen. Selten ist ein Allgemeinplatz im Weltfußball so zutreffend.

Der Trainer weist gerne darauf hin, dass er auch junge Spieler in sein Team eingebaut hat. Tatsächlich hat er sich von einigen alternden Stars wie den Stürmern Alessandro del Piero und Luca Toni sowie Mittelfeldspieler Francesco Totti verabschiedet. Tatsächlich wird gegen Paraguay der 22-jährige Leonardo Bonucci vom AS Bari verteidigen, im Mittelfeld dürften der 24-jährige Claudio Marchisio von Juventus und der 26-jährige Ricardo Montolivo vom AC Florenz auflaufen. Aber Montolivo gibt lediglich den Platzhalter für den bislang noch angeschlagenen Mittelfeldstar Andrea Pirlo ab. Pirlo passt ins Lippi-Raster. Er ist 30 Jahre alt.

Die letzte große Trainer-Bühne

Für Lippi ist Südafrika möglicherweise der letzte große Auftritt auf der Trainer-Bühne. Der Mann, der das Team 2006 zum WM-Titel führte und sich anschließend auf sein Segelboot am Mittelmeer verabschiedete, war 2008 nach einer misslungenen Europameisterschaft aus dem Ruhestand zurückgeholt worden. Vor vier Jahren galt er als Trainer-Messias - ein Image, das er sich durch seinen Abgang auf dem Höhepunkt des Erfolges selbst gezimmert hatte. Der 62-Jährige ahnt mittlerweile, dass er sich mit seiner Rückkehr keinen großen Gefallen getan hat. Die italienische Presse, der er in herzlicher Abneigung verbunden ist, schrieb seit Wochen bereits mögliche Nachfolger ins Amt - bis kurz vor dem Turnier Cesare Prandelli, noch Vereinstrainer in Florenz, als neuer Nationaltrainer für die Zeit nach der WM verkündet wurde. Dazu kamen die schwachen Testspielergebnisse in der Vorbereitung.

"Vor vier Jahren war es doch genauso", sagt Gianluca Zambrotta, auch einer von Lippis Veteranen: "Da wurde uns noch nicht einmal das Viertelfinale zugetraut." Für viele, sagt Kapitän Cannavaro, sehe es nach Durcheinander aus, wie sich die Italiener im Vorfeld der WM präsentierten, "aber unser Trainer hat die Aufstellung im Kopf".

Niemand hat Italien derzeit auf der Rechnung, wenn es um Titelanwärter geht - genau das macht so manchen Experten nervös: "Unterschätzt mir die Italiener nicht", warnt Franz Beckenbauer, und Englands aus Italien stammender Trainer Fabio Capello merkt lediglich an: "Italien ist sehr gefährlich."

2006 hatten die Azzurri den gewaltigen Manipulationsskandal in der Serie A im Gepäck, als sie zur WM anreisten. Der italienische Fußball schien in seiner schwersten Krise.

Das Team wurde Weltmeister.

2010 hat die Serie A wiederholt durch Fanrandale Schlagzeilen gemacht. Inter Mailand gewann zwar die Champions League, aber ohne einen einzigen Italiener in der Startelf. Der italienische Fußball scheint in seiner schwersten Krise.

Es ist wieder WM. Die müden Gladiatoren sind bereit.

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