Tollhaus Fifa "Wir leben in einer gestörten Welt"

Was für eine Schlammschlacht bei der Fifa! Jetzt zeigt sich sogar ihr selbstgerechter Chef Sepp Blatter verstört. Er eröffnete den Verbandskongress mit den Worten: "Es ist Gefahr im Verzug. Es herrschen kein Respekt und kein Fair Play mehr." Anschließend philosophierte er über Revolten in der Natur.
Fifa-Präsident Blatter: "In ihren Grundfesten erschüttert"

Fifa-Präsident Blatter: "In ihren Grundfesten erschüttert"

Foto: Alessandro Della Bella/ dpa

Hamburg - Blatter äußerte sich bei der Eröffnung des Fifa-Kongresses in Zürich zur Lage des Weltverbandes. Wegen der anhaltenden Korruptionsvorwürfe sei die Fifa "in ihren Grundfesten erschüttert". Am Montag hatte er bei einer Pressekonferenz kritische Fragen noch verärgert beiseite gewischt: "Krise? Was ist eine Krise?"

Auch am Dienstag schien sich Blatter nur vermeintlich einsichtig zu geben. Für das skandalöse Bild, das der Verband derzeit abgibt, sucht er die Schuld weiterhin bei anderen. "Wir leben in einer gestörten Welt. Es herrschen leider kein Respekt und auch kein Fair Play mehr", sagte der 75-Jährige. "Die berühmte Fifa-Pyramide schwankt, sie ist in ihren Grundfesten erschüttert. Es ist Gefahr im Verzug." Es waren Worte, die Blatter getrost auf sich selbst hätte beziehen können. Denn konkrete Aussagen zu den Korruptionsvorwürfen auch aus den eigenen Reihen gab es von ihm nicht.

Blatter aber will das Ruder nicht aus der Hand geben, seine Worte klingen allerdings zunehmend abstrus. "Wenn jetzt sogar schon die Natur eine Revolte anstrengt, dann ist es auch normal, dass die Menschen eine Revolte anstrengen. Die Welt durchlebt unruhige Zeiten. Aber ich bin weiter überzeugt, dass der Fußball eine verbindende Rolle spielen kann", sagte er.

Ein Aufruf zur Revolution, ein undurchsichtiges Kriminalstück und eine spektakuläre Rolle rückwärts hatten Stunden geprägt, die es in der Geschichte des Fußball-Weltverbandes noch nicht gegeben hatte. Vor der Präsidentenwahl am Mittwoch ging es vor und hinter den Kulissen drunter und drüber. Der englische Verband FA ging öffentlich auf Konfrontationskurs zu Blatter und forderte eine Verlegung der Wahl. Eine Pressekonferenz, auf der ein ehemaliger hochrangiger Fifa-Offizieller seine Beweise für eine Bestechung im Zusammenhang mit der Vergabe der WM 2022 an Katar vorlegen wollte, fiel zunächst aus.

Jack Warner setzte dem Ganzen am späten Nachmittag die Krone auf. Der Präsident des Concacaf (Fußball-Verband für Nord- und Mittelamerika/Karibik), der am Montag noch erklärt hatte, Blatter müsse "gestoppt werden", empfahl den Mitgliedern der Karibischen Fußball-Union CFU nun völlig überraschend, für den Schweizer zu stimmen.

Geschasster Vize wirbt für Blatter

"Bei unserem letzten Treffen haben wir vereinbart, als eine Union den Amtsinhaber Blatter bei seiner Mission, Präsident zu bleiben, zu unterstützen. Ich möchte Ihnen versichern, dass sich daran nichts geändert hat. Wir haben uns entschieden und müssen uns daran halten", schrieb Warner den CFU-Delegierten. Am Montag hatte Warner noch erklärt, Blatter müsse "gestoppt werden".

Nun folgt die Kehrtwende. "Ich, Jack Warner, ein treuer Diener, der an die Grundsätze dieses wunderschönen Spiels glaubt, bitte Sie, meine Brüder und Schwestern, demütig, die Einleitung einer Protestaktion beim Fifa-Kongress zu unterlassen", hieß es in dem Brief weiter.

Und Fifa-Vizepräsident Warner, der am Sonntag wegen des Verdachts der Bestechung von der Ethikkommission des Weltverbandes suspendiert worden war, hat bereits neuen Ärger. Am späten Nachmittag wurde gemeldet, dass Warner wegen angeblicher Verstöße gegen seine Suspendierung angezeigt worden ist. "Uns liegen klare Beweise vor, dass die Suspendierung verletzt worden ist, und haben dies bei Generalsekretär Jérôme Valcke angezeigt", sagte Exekutiv-Mitglied Chuck Blazer. Details wurden zunächst nicht bekannt.

Dem Chaos bei der Fifa zum Trotz, soll die Präsidentenwahl, zu der Blatter als einziger Kandidat antreten wird, wie geplant am Mittwoch stattfinden. Für eine Verschiebung müssten sich 75 Prozent der 208 Mitglieder auf dem Kongress für eine Änderung der Tagesordnung aussprechen. Blatters Herausforderer Mohammed Bin Hammam hatte am Wochenende seine Kandidatur zurückgezogen.

Blatter versucht, Dokumente zu unterdrücken

Wie die Schweizer "Handelszeitung" meldet, versucht Blatter vor der Wahl weiteres Ungemach abzuwenden. Angeblich will er mit juristischen Mitteln die Veröffentlichung eines Dokuments über Schmiergeldzahlungen an Fifa-Exponenten verhindern. Wie das Blatt weiter berichtet, handelt es sich um die Einstellungsverfügung, mit der die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen die Fifa und zwei Fifa-Exponenten abgeschlossen hat.

Das Dokument soll mindestens zwei Empfänger von Schmiergeldern innerhalb der Fifa nennen und die Rolle der Fifa-Spitze beschreiben, die von den Zahlungen gewusst, aber nichts dagegen unternommen haben soll. Die Fifa soll bereits zweimal Einspruch gegen eine Veröffentlichung erhoben haben.

chp/dapd/dpa/sid
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