Kinofilm über DFB-Star Wer ist dieser Toni Kroos?

Das Leben des Fußballers Toni Kroos wird zum Kinofilm - aber auf der Leinwand erfährt man als Zuschauer mehr über die Branche als über den Menschen.

Bei Real ein Star, auf der Leinwand weniger: Toni Kroos
Xavier Bonilla DPA

Bei Real ein Star, auf der Leinwand weniger: Toni Kroos

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Toni Kroos plantscht mit seinem kleinen Sohn im Swimmingpool seines Vorort-Eigenheims, ein aufblasbares großes Plastikeinhorn dümpelt auch noch auf dem Wasser, im Garten hoppeln zwei weiße Kaninchen, man hört die Stimme von Ehefrau Jessica Kroos: "Fast vier Jahre wohnen wir jetzt schon hier, ich war, glaube ich, noch nie in der Stadt." Die Stadt, das ist Madrid.

So erscheint Toni Kroos, der aktuell wohl prominenteste deutsche Fußballer: ein treusorgender Vater, ein Familienmensch, einer, der absolut kein Bling-Bling braucht und seiner Frau als Ständchen ein Lied der Gruppe Pur singt. Er putzt sogar seine Fußballschuhe noch selbst.

Mit anderen Worten: Eigentlich keiner, über den man zwingend einen 110-minütigen Film drehen müsste.

Regisseur Manfred Oldenburg hat es dennoch gemacht. Der Film heißt "Kroos", er müsste aber "Der Fußball" heißen. Oldenburg will die Geschichte vom deutschen Fußballstar Toni Kroos erzählen, aber man erfährt mehr über die Branche Spitzenfußball, über ihren Pomp, über ihre Oberhitze, über Männertum auch.

Über die Hauptperson erfährt man eher wenig, auch wenn Kroos fast ständig im Bild ist. Was er über die Welt denkt, über das Geschäft Fußball, über die Dinge des Lebens, das erschließt sich auch nach anderthalb Stunden auf der Kinoleinwand nicht. Der spanische Journalist Santiago Segurola, der Real Madrid seit vielen Jahren beobachtet, sagt im Film: "Die Leute in Spanien können nicht sagen, wer dieser Toni Kroos als Mensch ist." Dem Kinozuschauer geht es anschließend ebenso. Der Journalist Paul Ingendaay sagt: "Deutsches Handwerk, deutsche Ernsthaftigkeit, deutscher Sonnenbrand - das ist Toni Kroos."

Ein Filmemacher für alles

Bruder Felix Kroos, Profi bei Union Berlin und aufgrund einer gewissen Schalkhaftigkeit einer, über den sich ein Film womöglich eher lohnen könnte, sagt ein bisschen fatalistisch: "Toni könnte mal ein-, zweimal mehr über seine Gefühle reden." Aber über Gefühle, so sagt er, sei schon im Elternhaus nicht viel gesprochen worden. Toni Kroos hat dieses Erbe übernommen, er weiß zudem wohl auch, dass es im Fußballgeschäft vielleicht auch ganz hilfreich ist, manche Dinge für sich zu behalten. Für einen Dokumentarfilm ist das allerdings weniger förderlich.

Regisseur Oldenburg ist ein erfahrener Filmemacher, fürs Fernsehen ist er so eine Art Dokumentarfilmer für alles, er hat Filme über Stalingrad, Franz-Josef Strauß, das Wembleytor, die Oetkers und Axel Springer gemacht. Hier zeichnet er Lebens- und Berufsweg von Kroos genau nach, er folgt ihm von Greifswald hinaus in die große Welt, nach München und, nun ja, Leverkusen, Belo Horizonte, Madrid. Der Regisseur und sein Kameramann finden dabei immer wieder schöne, ruhige Bilder, Stillleben fast. Oldenburg lässt zudem zahlreiche Augen- und Kronzeugen der Karriere aufmarschieren, von den Eltern über die Trainer Jupp Heynckes, Pep Guardiola und Zinedine Zidane bis hin zu Journalisten-Altstar Marcel Reif und Fußball-Philosoph Wolfram Eilenberger. Fußballprominenz pur. Aber das Bild des Menschen Toni Kroos sie auch kaum scharfstellen.

Stattdessen reift etwas anderes: Die Erkenntnis, wie sehr im Fußball wichtigtuerisch herumgeschwätzt wird. Kroos ist demnach mal Landvermesser, mal Dirigent, mal Genie, mal Spiritus Rector. Als Kroos im WM-Vorrundenspiel 2018 gegen Schweden früh das Gegentor zum 0:1 verschuldet und dann doch noch das Siegtor in der Nachspielzeit schießt, deutet Marcel Reif es nahezu als modernes Heldenstück, dass Kroos sich nach seinem Fehler weiter in das Spiel hereingehängt hat. Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. "Fußball ist ein blubberndes Nichts", sagt Eilenberger an einer Stelle.

Mit dem Privatjet durch die Nacht

Je tiefer der Film eintaucht, desto unwichtiger erscheint die Person Toni Kroos. Und desto greller tritt das Business Fußball ins Licht. Gleich am Anfang fängt der Regisseur Bilder vom Länderspiel gegen Brasilien aus dem Frühjahr 2018 in Berlin ein: Kroos wird nach der Partie in der Luxuslimousine von einer Polizeieskorte durch die Stadt zum Flughafen chauffiert und wundert sich erst noch: "Ist die Eskorte wegen uns?" Anschließend steigt er in den Privatjet, der ihn durch die Nacht nach Spanien zurückfliegt. Das ist dann für ihn wieder ganz normal.

Die Kamera verfolgt Kroos bei einer Fifa-Gala in London, begleitet ihn durch die Katakomben der Festhalle, es entstehen eindrucksvolle Bilder davon, wie viel Entourage die Fußball-High-Society um sich versammelt, wie viele Glücksjäger um die Helden herumscharwenzeln. Fifa-Boss Gianni Infantino darf nicht fehlen, der sich an die Stars anzuschmiegen versucht, Kroos wird umlagert, angefasst, angehimmelt. Aber als er ins Taxi steigen will, muss er seinen Platz wieder räumen. Lionel Messi mit seinem Anhang hat Vorrang. Die Hierarchie unter Superstars.

Oldenburg setzt Real-Präsident Florentino Perez vor die Kamera, der, mit jeder Faser Patriarch, in bewundernswerter Arroganz feststellt: "Toni Kroos ist einer der Spieler, die geboren wurden, um bei Real Madrid zu spielen." Bei der Vertragsverlängerung kumpeln sich die Berater von Verein und Spieler gegenseitig an, als ginge es auf Kneipentour und nicht um Millionen, ein Festival des offenen Hemdknopfes. Armdrücken als Handschlag.

Robbie Williams bringt Glamour in die Sache

Immer wieder rückt Oldenburg den Sänger Robbie Williams ins Bild, man weiß nicht genau, warum. Als traue der Regisseur seinem Protagonisten in Sachen Glamour nicht genügend über den Weg. Der Journalist Phillip Selldorf von der "Süddeutschen Zeitung" wird gefragt, was man in 20 Jahren über Toni Kroos sagen werde. Selldorf schaut in die Ferne und antwortet: "Gute Frage."

Es gibt wahrscheinlich keinen größeren Kontrast in diesem Film als die Bilder aus dem Bernabeu-Stadion mit der fast religiösen Verzückung der Fans auf der einen Seite und auf der anderen Seite den Aufnahmen von der Terrasse in Greifswald, auf der Kroos' Großeltern beim Kaffee darüber nachdenken, von wem der Junge denn das Temperament geerbt habe. Das erste könnte eine Szene aus "Braveheart" sein, das zweite aus "Der Junge muss an die frische Luft".

In einer Einstellung liegt Kroos auf der Massagebank, spricht mit dem Masseur über dies und das und sagt: "Für mich ist das alles einfach nur Fußball." Der Film erzählt vom Gegenteil.

Kroos, Regie: Manfred Oldenburg. Ab 4. Juli im Kino.



insgesamt 26 Beiträge
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grizzlor 25.06.2019
1. Gute Frage
Wer finanziert eigentlich solche Filme?
seeyouin1982 25.06.2019
2. Viel spannender die
Frage, wie desinteressiert eine Fußballerehefrau sein muss, wenn sie in 4 Jahren nicht ein einziges Mal das Bedürfnis verspürt hat, die Hauptstadt des Landes zu besuchen, in dem sie lebt. Dass es sich dann noch um eine der interessanteren und sehenswerteren Städte der Welt handelt, sei mal hinten angestellt. Und bevor hier die Kroos-Fans gleich völlig an die Decke gehen ob meiner leise geäußerten Kritik: Ja, natürlich kann es sein, dass Frau K. in all den Jahren vor lauter Beschäftigung keine Zeit für eine sightseeing-Tour hatte. Sie muss bestimmt hart arbeiten, um das gemeinsame Leben zu finanzieren.
rudolf_mendt 25.06.2019
3. Clockwork Angels
Merkwürdige Idee, über einen relativ farblosen mittleren Fussballpromi einen fast zweitstündigen Kinofilm zu machen. Klingt wie ein typisches Filmförderungsprojekt. Und das würde wiederum vieles erklären...
noalk 25.06.2019
4. Stattdessen reift etwas anderes
"Die Erkenntnis, wie sehr im Fußball wichtigtuerisch herumgeschwätzt wird." Es spricht nicht für den Film, dass er nur zu dieser banalen "Erkenntnis" führt. Dazu reichen schon die Fußballer-Interviews nach Spielen oder in Sportsendungen.
andreasm.bn 25.06.2019
5. oha, mal wieder ein Film, den die Welt nicht braucht, oder?
Wer schaut sich sowas eigentlich an und vergeudet seine Lebenszeit damit?
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