DFB-Stars Kroos und Özil Wer ist der Boss?

Toni Kroos und Mesut Özil - der Bundestrainer hat zwei überragende Mittelfeldspieler in seinem Kader. Kroos nimmt längst eine Führungsrolle ein. Özil hat bei diesem Turnier die vielleicht letzte Chance dazu.

Özil (l.) und Kroos (bei der WM 2014)
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Özil (l.) und Kroos (bei der WM 2014)

Aus Évian berichtet


Wenn die Zahlenhamster von den Datenportalen den Europameister küren könnten, dann wäre Joachim Löw noch ein bisschen entspannter. Bei Toni Kroos steht da zum Beispiel für die abgelaufenen Champions-League-Saison: 1137 Ballkontakte, 31 Torschussvorlagen, 95 Prozent Passquote. Und bei Mesut Özil in der Premier League: 19 direkte Torvorlagen. Der beste Passgeber der Champions League trifft auf "Europas Vorlagenkönig", wie die "Sportschau" jubelte. Was soll bei diesem Mittelfeld noch schiefgehen?

Aber wer aufgrund dieser Werte glaubt, hier treffen zwei natürliche Chefpersönlichkeiten aufeinander, der lag bisher falsch. Kroos wird überall als der gewachsene, gereifte Mittelfeldboss gehandelt. Derjenige, der aufgrund der geringen Einsatzzeiten von Kapitän Bastian Schweinsteiger die Verantwortung übertragen bekommt. Und der das so akzeptiert.

Özil dagegen ist trotz der starken Saison beim FC Arsenal keiner in der engeren Wahl, wenn es um so etwas wie Führung im Team geht. Als Joachim Löw dieser Tage aufzählen sollte, wer die Mannschaft nach dem Rücktritt von Philipp Lahm anleitet und "in der Hierarchie oben angesiedelt ist", nannte er: Schweinsteiger, Manuel Neuer, Jérome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira, Thomas Müller und Kroos. Also all jene, die schon 2010 bei der WM in Südafrika dabei waren. Es fehlten bei der Aufzählung nur Lukas Podolski und Özil.

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Wie kann das sein? Özil hat 73 Länderspiele absolviert, nur Schweinsteiger und Podolski haben im aktuellen Kader mehr aufzubieten. Er ist bei Arsenal zuständig für die Geistesblitze, selbst die Nationalspieler schwärmen von seinen Fähigkeiten. "Ich bin ein Riesenfan von Özil, ich bin begeistert von seinen technischen Möglichkeiten", sagt Julian Draxler, wie Özil ein Gelsenkirchener Junge.

Bei Trainingseinheiten der Nationalmannschaft zeigt Özil Kunststücke am Ball, die außer ihm niemand im DFB-Aufgebot beherrscht. Als Özil 2013 Real Madrid, den heutigen Kroos-Klub, Richtung London verließ, weinte Weltfußballer Cristiano Ronaldo ihm hinterher. Dieser Mesut Özil müsste der Superstar der deutschen Mannschaft sein. Aber er ist es in all den Jahren nicht geworden.

Stattdessen ist Kroos auf dem Weg in diese Rolle. Wer gesehen hat, wie er in den vergangenen Länderspielen auch Bälle von hinten nach vorn schleppte, der konnte schlecht umhin, ihn als die Schaltzentrale des deutschen Spiels wahrzunehmen.

Kroos beginnt, Defensive zu lernen

Kroos hatte immer schon viele, vielleicht alle Anlagen, dazu ein Selbstbewusstsein, was zuweilen kurz davor war, in Arroganz zu kippen. Aber hatte auch immer seine defensiven Defizite. Bei Real Madrid hat ihm Trainer Zinedine Zidane mit dem Brasilianer Casemiro einen defensiven Staubsauger an die Seite gestellt, der bei schnellen gegnerischen Kontern rechtzeitig zur Stelle ist. So jemanden gibt es im aktuellen DFB-Spiel nicht, Sami Khedira kann seinen Offensivdrang nur schwer zügeln, Schweinsteiger ist noch nicht so weit, es ist die Frage, ob er bei diese EM überhaupt noch einmal sein altes Level erreicht. Kroos muss Defensivaufgaben selbst wahrnehmen, und man hat den Eindruck, er hat das verstanden.

Defensivarbeit - das war noch nie Özils Domäne. Er hat immer gesagt, dass er sich in der offensiven Zehnerposition am wohlsten fühlt. Bei der WM hat Löw diese Position unbesetzt gelassen und Özil auf den linken Flügel beordert. Deutschland wurde mit dieser Taktik Weltmeister, aber Özil gehörte nicht zu denen, die das meiste dazu beigetragen hatten.

Bei dieser EM darf er dagegen wohl auf seiner Lieblingsposition spielen. "Mesut ist in einer sehr guten Verfassung, sodass man ihn auch zentral bringen kann", hat Löws Assistent Thomas Schneider am Freitag betont. Es wird der nächste Anlauf des mittlerweile 27-Jährigen, doch noch eine Führungsrolle im Team einzunehmen.

Özil ist manchmal ein Versteckspieler

Özil ist in der Nationalmannschaft viel kritisiert worden, das mag auch an seiner Körpersprache liegen, die selten absoluten Willen ausdrückt. Das mag auch damit zu tun haben, dass Özil kein Liebling der Medien ist, weil er die Öffentlichkeit eher scheut und nach zehn Profijahren immer noch wirkt, als überforderte ihn die Branche. Aber er hat auch zu oft auf dem Platz enttäuscht.

Kroos ist früher gern der Vorwurf gemacht worden, er tauche ab. Irgendwann war er davon nur noch genervt, und irgendwann war der Vorwurf auch nicht mehr haltbar. Bei Özil passiert es dagegen immer noch. Er ist manchmal ein Versteckspieler.

Beim letzten Testspiel vorm Turnier am vergangenen Samstag gegen Ungarn spielte Özil eine für seine Verhältnisse extrem schwache Partie im offensiven Mittelfeld. Er war wieder einmal wie abwesend. In der zweiten Halbzeit stellte Löw ihn defensiver auf, beorderte ihn auf die Sechserposition. Özil begann, die Bälle an sich zu ziehen, er verteilte Pass nach Pass. Er spielte wie Toni Kroos. Er kann das alles.



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Seite 1
millionwatts 11.06.2016
1.
Ich werde diese anhaltende Kritik an Özil niemals verstehen. Er war nie und wird nie ein Führungsspieler, der Zug ist schon lange abgefahren. Es kann aber ohnehin nicht jeder Häuptling sein, eine gut funktionierende Mannschaft braucht auch Indianer.
Freidenker10 11.06.2016
2.
Özil oder Kroos? Keiner! Özil taucht doch immer ab wenns wichtig wird und Kroos ist mir als Antreiber auch noch nicht aufgefallen, aber seine Körpersprache hat sich zumindest positiv verändert! Bin echt mal gespannt was unsere lieben kleinen so reissen!
turadot 11.06.2016
3.
Özil muss doch nicht unbedingt der Chef sein, in meinen Augen ist er ein Künstler wie wir nur wenige haben. Mir geht seine Körpersprache auch manchmal auf den Keks, auch sein fehlendes Nachsetzen ist kritikwürdig, aber er hat immer seine genialen Momente und kann Pässe spielen, wovon andere nur träumen. Lasst den sensiblen Jungen bitte in Ruhe, er ist so wie er ist, und wir können heilfroh sein, dass wir ihn haben.
stoffi 11.06.2016
4.
Ozil hat in seinen Leistungen nachgelassen und Toni Kroos wird immer besser. Was gibt es da noch zu diskutieren.
gruesenko 11.06.2016
5. Kritik!
In der Tat müssten sich Konzentration und Inspiration vorzüglich ergänzen. Aber - Fritz-Walter-Wetter kann nur der eine, un der Ball ist rund. Abgesehen davon, dass spieltechnisch beste, was La Mannschaft seit 1973 aufzubieten hat. Löw wird sie schon mit den nötigen Freiheiten ausstatten. Das Schlimmste wäre, wenn sich Kroos in der Defensive verbrauchen müsste, dies würde seine Effizienz nach vorne deutlich mindern. Der kleine Weigl aus Dortmund, wäre da vielleicht die richtige Absicherung nach hinten, läuferisch und technisch. Außerdem ist er ein sicherer Elfmeterschütze, was im Halbfinale gegen England nach Verlängerung bedeutsam sein könnte.
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