Fußball-Mythen Gibt es den "psychologisch wichtigen Moment" im Fußball?

Sind Tore in der 45. Spielminute wirklich besonders wertvoll - oder ist das nur Küchenpsychologie?

Danny da Costa jubelt nach einem Tor unmittelbar vor der Halbzeitpause.
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Danny da Costa jubelt nach einem Tor unmittelbar vor der Halbzeitpause.

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Mitte Februar, Eintracht Frankfurt empfängt im Bundesliga-Verfolgerduell Borussia Mönchengladbach. Frankfurt ist in der ersten Hälfte die klar schwächere Mannschaft. Dennoch gelingt Danny Da Costa in der Nachspielzeit der ersten Hälfte das 1:0 für Frankfurt. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt von einem Tor im "psychologisch allerbesten Moment", denn Schiedsrichter Aytekin schickt die Mannschaften, ohne wieder anzupfeifen, direkt in die Halbzeitpause.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel gehen auch die beiden Trainer auf den Führungstreffer ein. "Das 1:0 war zu dem Zeitpunkt sehr, sehr wichtig für uns", sagte Frankfurts Adi Hütter. Dieter Hecking sah dies ähnlich und sagte, das 1:0 hätte den Frankfurtern "zusätzliche Kraft gegeben". Es sind Formulierungen, die wahrscheinlich jeder Fußballfan kennt. Der "psychologisch wichtige Moment" ist eine feststehende Floskel für Tore, die unmittelbar vor der Halbzeit fallen.

Doch gibt es diesen Effekt tatsächlich?

Auswertung mit Hilfe historischer Spielverläufe

Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Spielverläufe von mehr als 45.000 Begegnungen aus den vier größten europäischen Ligen untersucht. Für jede Spielminute lässt sich so berechnen, ob Partien auffallend häufig einen positiven Verlauf nehmen, wenn zu diesem Zeitpunkt ein Tor fällt.

Als positiven Verlauf werten wir dabei Spiele, in denen es dem soeben erfolgreichen Team gelungen ist, das Spiel mindestens mit einem Unentschieden zu beenden sowie die Tordifferenz bis zum Ende des Spiels mindestens zu halten, wenn nicht gar zu verbessern.

Berechnet man für Zeitabschnitte von je drei Minuten den Anteil Spiele, die nach einem Tor im entsprechenden Zeitabschnitt einen positiven Verlauf genommen haben, so ergibt sich folgendes Bild:

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Es zeigt sich: Tore, die unmittelbar vor, oder in der Nachspielzeit der ersten Hälfte fallen, beeinflussen den weiteren Spielverlauf außergewöhnlich positiv. Ein Tor zu diesem Zeitpunkt wirkt sich in etwa so stark auf das Endergebnis aus, wie eines, das in der 60. bis 65. Spielminute fällt. Es gibt sie also, die Tore im psychologisch wichtigen Moment.

Übrigens: Dass späte Tore generell eher zu einem positiven Verlauf führen, liegt dabei an der zunehmend geringeren Spielzeit, die dem gegnerischen Team verbleibt, um auf das Tor zu reagieren.

Der Effekt gilt aber nicht für alle Spielsituationen gleichermaßen. Nur wenn ein Team zum Ausgleich, oder gar zur Führung trifft, ist ein klarer Vorteil zu erkennen. Die Chancen, dass das Spiel nach einem Tor in der 45. Spielminute einen positiven Verlauf nimmt, liegen hier statistisch etwa drei bis sechs Prozentpunkte höher als eigentlich zu erwarten wäre.

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Besteht nach dem Tor immer noch ein Rückstand, so ist das Bild weniger klar. Angesichts der geringeren Fallzahl lässt sich der Wert hier nicht so genau ermitteln. Ob der Effekt in diesen Spielsituationen überhaupt existiert, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht zweifelsfrei bestimmen.

Methodik
Welche Daten liegen der Auswertung zugrunde?
Grundlage der Auswertungen sind die Spielverläufe mit minutengenauen Torfolgen aus folgenden Ligen:
  • 1. Bundesliga (1963/64 - 2017/18),
  • Serie A (1967/68 - 2017/18)
  • Primera División (1995/96 - 2017/18)
  • Premier League (1992/1993 - 2017/18)
Nach Aussortieren von torlosen Begegnungen und einzelnen fehlerhaft erfassten Torfolgen verblieben 136.459 Tore aus 45.823 Begegnungen in der Auswertung. Urspungsquelle der Daten sind Spieltagsübersichten von Transfermarkt.de. (Beispiel)
Wie wurde überprüft ob die 45. Spielminute signifikant abweicht?
Um die Fallzahl pro Beobachtungszeitpunkt zu erhöhen wurden Zeitabschnitte von je drei Minuten gebildet. Für die Nachspielzeit liegt nicht immer genau vor, in welcher Minute das Tor gefallen ist. Die 45. und 90. Minute inklusive der jeweiligen Nachspielzeit bilden deshalb gesonderte Zeitabschnitte.

Für jeden dieser, je rund 4.000 Tore beeinhaltenden, Zeitabschnitte wurde anschließend der Anteil Spiele berechnet, die nach einem Tor im entsprechenden Zeitabschnitt einen positiven Verlauf genommen haben (Säulen im Diagramm). Als positiven Verlauf wurden dabei Spiele gezählt, in denen es dem soeben erfolgreichen Team gelungen ist, die Tordifferenz bis zum Ende des Spiels mindestens zu halten, wenn nicht gar zu verbessern sowie das Spiel mindestens mit einem Unentschieden zu beenden.

Zur Überprüfung, ob die 45. Spielminute signifikant abweicht, wurde ein exponentielles Modell auf Grundlage der Anteile pro Zeitabschnitt erstellt (rote Linie). Zusätzlich wurden für jeden Zeitabschnitt die erwartbaren Werte in Form eines 95 %-Vorhersageintervalls berechnet (grauer Bereich zwischen den gestrichelten Linien).
Wie sicher sind die Ergebnisse?
Der Anteil Spiele, die nach Toren in der 45. Spielminute inklusive Nachspielzeit positiv verlaufen, liegt außerhalb des Vorhersageintervalls. Es kann damit mit über 95-prozentiger Sicherheit davon ausgegangen werden, dass Tore in diesem Zeitabschnitt einen außergewöhnlich positiven Effekt haben.

Zudem zeigt der Effekt sich auch dann, wenn man die Ligen einzeln betrachtet, den Datensatz in Spiele vor und nach 1990 aufteilt oder auch andere Definitionen eines positiven Spielverlaufs (z.B. nur Spiele, in denen es dem soeben erfolgreichen Team gelungen ist, die Tordifferenz bis zum Ende des Spiels noch zu verbessern) verwendet.

Wie lässt sich das erklären?

Prinzipiell dürfte jede Mannschaft von einem soeben erzielten Tor profitieren. Dieter Hecking spricht im eingangs zitierten Interview beispielsweise von "zusätzlicher Kraft" und umschreibt damit einen Effekt, der in der Forschung als "psychologisches Momentum" bezeichnet wird. Doch warum sollte dieser Effekt stärker ausfallen, wenn ein Tor in der Nachspielzeit, statt in der 42. - 44. oder der 46. - 48. Spielminute fällt?

Ein Erklärungsansatz ist das unmittelbar anschließende Geschehen. Nur bei Toren, die in der 45. Spielminute fallen, schließt sich nahezu direkt die Halbzeitpause an. Diese scheint den Effekt des soeben erzielten Tors zu verstärken. Sei es im Positiven für die Mannschaft des Torschützen, oder im Negativen für die Mannschaft, die soeben ein Tor kassiert hat. Wir haben unsere Ergebnisse vorab Babett Lobinger vorgelegt. Die Sportpsychologin der Deutschen Sporthochschule Köln, die als Dozentin auch Fußballlehrer des DFB mit ausbildet, nennt folgende mögliche Erklärungsmuster für den gefundenen Effekt:

  • Tore, die unmittelbar vor der Pause fallen, könnten von den Spielern anders wahrgenommen werden. Kassiert ein Team beispielweise gegen Ende einer vergleichsweise langen Nachspielzeit noch ein Gegentor, so kann dies als ungerecht empfunden werden, man sieht seine Anstrengungen nicht belohnt.
  • Durch die folgende Halbzeitansprache sind mehrere Einflüsse denkbar. Zentral ist hier das Vermitteln klarer Aufträge an die Spieler. Kann der Trainer nach einem soeben erzielten Tor die Ansprache mit einem Lob einleiten, so sind die Spieler unter Umständen stärker aufnahmebereit und können und wollen die Anweisungen besser umsetzen. Auch die Anstrengungsbereitschaft der Spieler ist in Folge eines frisch erzielten Tors höher. Der Trainer kann darauf verweisen, dass der Einsatz belohnt wird und so potenziell das Selbstwertgefühl und das Kompetenzerleben stärken. Das kann auch zu einer selbstbewussten Körpersprache führen, man agiert als "Platzherr".
  • Ebenso als Erklärung heranziehen lässt sich der sogenannte Recency-Effekt. Dieser besagt, dass der zuletzt gewonnene Eindruck die Erinnerung besonders stark prägt. Bei der Bewertung der ersten Hälfte würde folglich den letzten Spielminuten (und somit dem Tor unmittelbar vor der Halbzeit sowie den damit verbundenen positiven Emotionen) eine besondere Bedeutung beigemessen.
Frustriert in die Halbzeit. Stefan Kießling liegt zur Pause mit Bayer Leverkusen zurück.
DPA

Frustriert in die Halbzeit. Stefan Kießling liegt zur Pause mit Bayer Leverkusen zurück.

Und was ist mit der Verlängerung?

Nicht nur bei Toren, die direkt vor der Halbzeit fallen, wird gern von einem psychologischen Vorteil gesprochen. Kommt es zu einer Verlängerung, so wird oft derjenigen Mannschaft, die sich nach einem Rückstand zurück ins Spiel gekämpft hat, ein psychologischer Vorteil attestiert.

Ob dieser Effekt wirklich existiert, lässt sich vergleichsweise einfach überprüfen. Auf Grundlage sämtlicher DFB-Pokal Spiele seit 1990/1991 ergibt sich folgende Verteilung an Siegen beziehungsweise Niederlagen für Mannschaften, die in den letzten 15 Minuten noch die Verlängerung erreicht haben.

Es zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede, was den Spielausgang angeht. Weder bei Betrachtung von Partien, die in der Verlängerung entschieden wurden, noch wenn man Spielausgänge nach Elfmeterschießen hinzunimmt. Ein psychologischer Vorteil lässt sich hier also nicht nachweisen.

Fazit

Es gibt sie, die Tore im psychologisch wichtigen Moment. Wenn eine Mannschaft unmittelbar vor der Halbzeitpause trifft, dann dürfen die Fans durchaus darauf hoffen, dass ihr Team mit einer zusätzlichen Portion Euphorie auf das Spielfeld zurückkehrt und sich damit einen zumindest kleinen Vorteil verschafft.

Ein Selbstläufer wird die zweite Halbzeit deshalb allerdings nicht. Dafür ist der Effekt dann doch zu klein. Das gilt übrigens auch für das Spiel Frankfurt gegen Gladbach. Zwar startete Frankfurt nach dem Führungstor deutlich stärker in die zweite Halbzeit, Endstand des Spiels war allerdings dennoch 1:1.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
calinda.b 13.04.2019
1. Der wichtigste Moment
...ist, wenn man als Kind entscheidet, dass Fussball doof ist.
ein-berliner 13.04.2019
2. Nur die halbe Wahrheit
Jeder gute Trainer wird die eigenen Mannschaft vergöttern sofort nach der Halbzeit ein Tor zu erzwingen. Auch hier liegt ein wichtiger Moment eine Lähmung beim Gegner hervorzurufen. Sehr späte Tore im Spiel sind nicht nur psychologisch sondern auch ein physischer Gewinn.
RudiRastlos2 14.04.2019
3.
Sehr interessant: Zwei Verständnis-Fragen: a) Wie lange ist denn die Nachspielzeit nach der 45. Minuten? b) Wie genau berechnet man das 95%-Intervall? c) Warum wird das Intverall größer, je länger das Spiel läuft? Danke.
marenghi 14.04.2019
4. Andere Interpretation
Super, mal einen wissenschaftlichen Artikel über Fußball zu lesen, anstatt immer die gleichen journalistischen Glanzleistungen in diesem Gebiet. Allerdings mag der Effekt wohl statistische, aber wohl keine praktische Signifikanz haben: Die Effektstärke ist extrem klein und weder die Psychologin beim DfB noch die Trainer können bei dieser kleinen Effektstärke irgendwie behaupten, dass sie diesen besonderen Moment erkennen könnten. Ich gehe sogar noch weiter: Die Daten zeigen, dass in einem breiten Bereich des Spiels, zB von der 1. bis zur 80. Minute, ein Tor praktisch sehr gleichwertig ist: Nur ein Anstieg von 65% auf 75%. Auch diesen Unterschied in der Wertigkeit werden Menschen nicht spüren können - da sind wir noch weitaus schlechter in der Wahrnehmung (s. Kahneman & Tversky). Leider ist bei der Darstellung die manipulative Unsitte durchgerutscht, die y-Achse abzuschneiden, damit die Unterschiede optisch größer erscheinen. Sonst wäre das auch augenscheinlich klar. Dachte wirklich, dass wir das hinter uns hätten. Trotzdem: Mehr science-Artikel über Fussi! Kann ja dann auch im anderen Ressort sein, um die eingefleischten Fans nicht vorm Kopf zu stoßen, schon zuviel Laptop und so weiter... :)
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