Fußball-Mythen Gibt es den "psychologisch wichtigen Moment" im Fußball?

Sind Tore in der 45. Spielminute wirklich besonders wertvoll - oder ist das nur Küchenpsychologie?
Danny da Costa jubelt nach einem Tor unmittelbar vor der Halbzeitpause.

Danny da Costa jubelt nach einem Tor unmittelbar vor der Halbzeitpause.

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Mitte Februar, Eintracht Frankfurt empfängt im Bundesliga-Verfolgerduell Borussia Mönchengladbach. Frankfurt ist in der ersten Hälfte die klar schwächere Mannschaft. Dennoch gelingt Danny Da Costa in der Nachspielzeit der ersten Hälfte das 1:0 für Frankfurt. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt von einem Tor im "psychologisch allerbesten Moment ", denn Schiedsrichter Aytekin schickt die Mannschaften, ohne wieder anzupfeifen, direkt in die Halbzeitpause.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel  gehen auch die beiden Trainer auf den Führungstreffer ein. "Das 1:0 war zu dem Zeitpunkt sehr, sehr wichtig für uns", sagte Frankfurts Adi Hütter. Dieter Hecking sah dies ähnlich und sagte, das 1:0 hätte den Frankfurtern "zusätzliche Kraft gegeben". Es sind Formulierungen, die wahrscheinlich jeder Fußballfan kennt. Der "psychologisch wichtige Moment" ist eine feststehende Floskel für Tore, die unmittelbar vor der Halbzeit fallen.

Doch gibt es diesen Effekt tatsächlich?

Auswertung mit Hilfe historischer Spielverläufe

Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Spielverläufe von mehr als 45.000 Begegnungen aus den vier größten europäischen Ligen untersucht. Für jede Spielminute lässt sich so berechnen, ob Partien auffallend häufig einen positiven Verlauf nehmen, wenn zu diesem Zeitpunkt ein Tor fällt.

Als positiven Verlauf werten wir dabei Spiele, in denen es dem soeben erfolgreichen Team gelungen ist, das Spiel mindestens mit einem Unentschieden zu beenden sowie die Tordifferenz bis zum Ende des Spiels mindestens zu halten, wenn nicht gar zu verbessern.

Berechnet man für Zeitabschnitte von je drei Minuten den Anteil Spiele, die nach einem Tor im entsprechenden Zeitabschnitt einen positiven Verlauf genommen haben, so ergibt sich folgendes Bild:

Es zeigt sich: Tore, die unmittelbar vor, oder in der Nachspielzeit der ersten Hälfte fallen, beeinflussen den weiteren Spielverlauf außergewöhnlich positiv. Ein Tor zu diesem Zeitpunkt wirkt sich in etwa so stark auf das Endergebnis aus, wie eines, das in der 60. bis 65. Spielminute fällt. Es gibt sie also, die Tore im psychologisch wichtigen Moment.

Übrigens: Dass späte Tore generell eher zu einem positiven Verlauf führen, liegt dabei an der zunehmend geringeren Spielzeit, die dem gegnerischen Team verbleibt, um auf das Tor zu reagieren.

Der Effekt gilt aber nicht für alle Spielsituationen gleichermaßen. Nur wenn ein Team zum Ausgleich, oder gar zur Führung trifft, ist ein klarer Vorteil zu erkennen. Die Chancen, dass das Spiel nach einem Tor in der 45. Spielminute einen positiven Verlauf nimmt, liegen hier statistisch etwa drei bis sechs Prozentpunkte höher als eigentlich zu erwarten wäre.

Besteht nach dem Tor immer noch ein Rückstand, so ist das Bild weniger klar. Angesichts der geringeren Fallzahl lässt sich der Wert hier nicht so genau ermitteln. Ob der Effekt in diesen Spielsituationen überhaupt existiert, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht zweifelsfrei bestimmen.

Methodik

Wie lässt sich das erklären?

Prinzipiell dürfte jede Mannschaft von einem soeben erzielten Tor profitieren. Dieter Hecking spricht im eingangs zitierten Interview beispielsweise von "zusätzlicher Kraft" und umschreibt damit einen Effekt, der in der Forschung als "psychologisches Momentum" bezeichnet wird. Doch warum sollte dieser Effekt stärker ausfallen, wenn ein Tor in der Nachspielzeit, statt in der 42. - 44. oder der 46. - 48. Spielminute fällt?

Ein Erklärungsansatz ist das unmittelbar anschließende Geschehen. Nur bei Toren, die in der 45. Spielminute fallen, schließt sich nahezu direkt die Halbzeitpause an. Diese scheint den Effekt des soeben erzielten Tors zu verstärken. Sei es im Positiven für die Mannschaft des Torschützen, oder im Negativen für die Mannschaft, die soeben ein Tor kassiert hat. Wir haben unsere Ergebnisse vorab Babett Lobinger vorgelegt. Die Sportpsychologin der Deutschen Sporthochschule Köln, die als Dozentin auch Fußballlehrer des DFB mit ausbildet, nennt folgende mögliche Erklärungsmuster für den gefundenen Effekt:

  • Tore, die unmittelbar vor der Pause fallen, könnten von den Spielern anders wahrgenommen werden. Kassiert ein Team beispielweise gegen Ende einer vergleichsweise langen Nachspielzeit noch ein Gegentor, so kann dies als ungerecht empfunden werden, man sieht seine Anstrengungen nicht belohnt.

  • Durch die folgende Halbzeitansprache sind mehrere Einflüsse denkbar. Zentral ist hier das Vermitteln klarer Aufträge an die Spieler. Kann der Trainer nach einem soeben erzielten Tor die Ansprache mit einem Lob einleiten, so sind die Spieler unter Umständen stärker aufnahmebereit und können und wollen die Anweisungen besser umsetzen. Auch die Anstrengungsbereitschaft der Spieler ist in Folge eines frisch erzielten Tors höher. Der Trainer kann darauf verweisen, dass der Einsatz belohnt wird und so potenziell das Selbstwertgefühl und das Kompetenzerleben stärken. Das kann auch zu einer selbstbewussten Körpersprache führen, man agiert als "Platzherr".

  • Ebenso als Erklärung heranziehen lässt sich der sogenannte Recency-Effekt. Dieser besagt, dass der zuletzt gewonnene Eindruck die Erinnerung besonders stark prägt. Bei der Bewertung der ersten Hälfte würde folglich den letzten Spielminuten (und somit dem Tor unmittelbar vor der Halbzeit sowie den damit verbundenen positiven Emotionen) eine besondere Bedeutung beigemessen.

Frustriert in die Halbzeit. Stefan Kießling liegt zur Pause mit Bayer Leverkusen zurück.

Frustriert in die Halbzeit. Stefan Kießling liegt zur Pause mit Bayer Leverkusen zurück.

Foto: Marius Becker/ dpa

Und was ist mit der Verlängerung?

Nicht nur bei Toren, die direkt vor der Halbzeit fallen, wird gern von einem psychologischen Vorteil gesprochen. Kommt es zu einer Verlängerung, so wird oft derjenigen Mannschaft, die sich nach einem Rückstand zurück ins Spiel gekämpft hat, ein psychologischer Vorteil attestiert.

Ob dieser Effekt wirklich existiert, lässt sich vergleichsweise einfach überprüfen. Auf Grundlage sämtlicher DFB-Pokal Spiele seit 1990/1991 ergibt sich folgende Verteilung an Siegen beziehungsweise Niederlagen für Mannschaften, die in den letzten 15 Minuten noch die Verlängerung erreicht haben.

Es zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede, was den Spielausgang angeht. Weder bei Betrachtung von Partien, die in der Verlängerung entschieden wurden, noch wenn man Spielausgänge nach Elfmeterschießen hinzunimmt. Ein psychologischer Vorteil lässt sich hier also nicht nachweisen.

Fazit

Es gibt sie, die Tore im psychologisch wichtigen Moment. Wenn eine Mannschaft unmittelbar vor der Halbzeitpause trifft, dann dürfen die Fans durchaus darauf hoffen, dass ihr Team mit einer zusätzlichen Portion Euphorie auf das Spielfeld zurückkehrt und sich damit einen zumindest kleinen Vorteil verschafft.

Ein Selbstläufer wird die zweite Halbzeit deshalb allerdings nicht. Dafür ist der Effekt dann doch zu klein. Das gilt übrigens auch für das Spiel Frankfurt gegen Gladbach. Zwar startete Frankfurt nach dem Führungstor deutlich stärker in die zweite Halbzeit, Endstand des Spiels war allerdings dennoch 1:1.