Torflaute in der Bundesliga Vorfahrt für den Anti-Fußball

Sieben Treffer in 16 Spielen und trotzdem kein Abstiegsplatz? Der 1. FC Köln steht symbolisch für eine torarme Hinrunde - und liegt dabei voll im Trend. Die Angst vor dem Gegentor ist derzeit selbst bei den Teams groß, die in der vergangenen Saison noch mutig drauflosstürmten.
Von Christoph Biermann
Köln-Stürmer Podolski: Angst vor dem Gegentor

Köln-Stürmer Podolski: Angst vor dem Gegentor

Foto: ddp

Mehr als zwölf Monate sind vergangen, seit sich der FC Bayern München und 1899 Hoffenheim am 5. Dezember des vergangenen Jahres eines der großartigsten Spiele der jüngeren Bundesliga-Geschichte lieferten. Der glückliche 2:1-Sieg des Rekordmeisters gegen den Aufsteiger schien damals mehr als nur ein herausragend packendes Match zu sein - es war ein Versprechen. Schließlich wirkte die gesamte Hinrunde der Himmelsstürmer aus Nordbaden wie der Aufbruch zu einer Ära des Angriffsfußballs in der Bundesliga. Zumal Bayer Leverkusen oft ähnlich furios aufspielte und das Team von Jürgen Klinsmann es sich zumindest ausdrücklich vorgenommen hatte.

Doch Hoffenheim stürzte in der Rückrunde ab, Bayer ebenfalls, Klinsmann wurde entlassen, und es waren am Ende Magaths Konterkünstler aus Wolfsburg, die den Titel holten. Inzwischen ist der hinreißende Abend von damals nur noch eine Anekdote, die an unerfüllte Hoffnungen erinnert. Zwar hat es auch in dieser Saison aufregende Spiele gegeben, und es hat fast immer Spaß gemacht, Bayer Leverkusen oder Werder Bremen anzuschauen, häufig den Hamburger SV, Hoffenheim und zuletzt sogar wieder die Bayern. Doch die Mannschaft, die am ehesten den Geist dieser Tage wiedergibt, ist der 1. FC Köln.

Die unglaubliche Zahl von nur sieben Toren in 16 Spielen hat das Team von Zvonimir Soldo erzielt und steht trotzdem nicht auf einem Abstiegsplatz. Gerade einmal 2,4 Torchancen im Schnitt pro Spiel haben Lukas Podolski und seine Kollegen herausgearbeitet. Dagegen nimmt sich selbst Schlusslicht Hertha BSC als Wahrer der Kreativität aus (3,4), von Teams wie Werder Bremen ganz zu schweigen (7,3). Auf der anderen Seite haben die Kölner aber eine historische Bestleistung aufgestellt: Ihr torloses Remis am letzten Spieltag in Freiburg war das sechste Auswärtsspiel ohne Gegentor.

Auswärts mehr Punkte als zu Hause eingefahren

Das gab es in der Geschichte der Bundesliga noch nie und zeigt, dass die Kölner das Spiel zum Stillstand gebracht haben - das gegnerische und das eigene. Damit sind sie aber nur die Extremisten einer Entwicklung, wie sie bei vielen Bundesligisten zu beobachten ist. So nähert sich die Quote der erzielten Treffer dem Negativrekord aus der Saison 1989/90, als nur 2,58 Tore pro Spiel fielen. Das liegt nicht etwa daran, dass die Stürmer ihre Gelegenheiten schlechter nutzen würden, sie haben schlichtweg kaum noch welche.

Die Fachzeitschrift "Kicker" zählt seit 21 Jahren die Torchancen bei Bundesliga-Spielen, und von den letzten sieben Spielzeiten stehen sechs in der Negativliste oben. Dass den Mannschaften vor lauter Defensivarbeit kaum noch etwas in der Offensive gelingt, bestätigt auch der schwindende Heimvorteil. In der letzten Saison holten nur Bayer Leverkusen und der 1.FC Köln auswärts mehr Punkte als in Heimspielen, derzeit sind es nicht weniger als sieben Mannschaften, auf die das zutrifft: Schalke 04, Bremen, Hoffenheim, Wolfsburg, Freiburg, Köln und Bochum. Dabei hat Wolfsburg sogar zwei Spiele mehr im eigenen Stadion bestritten als auf fremden Plätzen, und Freiburg kam daheim auf gerade einmal fünf Punkte, auswärts aber auf 13.

In Auswärtsspielen setzen die meisten Gästeteams derzeit meist nur noch auf die Zerstörung des gegnerischen Spiels und wagen sich bestenfalls mit Konterangriffen nach vorne. Die Zeiten, in denen auch nominell schwächere Teams mit dem Vorsatz in der Fremde antraten, mitspielen zu wollen, sind weitgehend vorbei. Wenn sich die Heimmannschaften dann unter dem Druck, dem eigenen Publikum etwas bieten zu müssen, aus der Defensive locken lassen, werden sie ausgekontert.

Letztlich funktioniert in der Bundesliga derzeit vor allem die Spirale der Angst vor dem Gegentor. Vergnügen macht dieser geballte Anti-Fußball nicht, und man kann die Bundesligisten daher nur mit einem vorweihnachtlichen Wunsch in die Winterpause verabschieden: Mögen sie mehr Offensive wagen, damit wir diese Hinrunde bald schon als Abirrung vergessen haben. Dass der Wunsch allerdings in Erfüllung geht, so richtig wahrscheinlich ist das nicht.