Torwart-Legende Trautmann "Der größte Keeper aller Zeiten"

Mit Bert Trautmann ist einer der großen Torleute des vergangenen Jahrhunderts gestorben. In Manchester wird der Deutsche noch immer verehrt. In der Heimat blieb ihm die Anerkennung versagt. Hier erinnert man sich nur an eine berühmte Verletzung.

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Bert Trautmann ist wohl der einzige Fußballer, dessen Name untrennbar mit einer Verletzung verbunden ist. Der Mann mit dem Genickbruch - die Geschichte aus dem FA-Cup-Finale von 1956 gehört zum kleinen Einmaleins der deutschen Fußball-Historie. Dass Trautmann in jenem Endspiel zwischen seinem Verein Manchester City und Birmingham City durchspielte, obwohl er sich bei einem Zusammenprall in der 72. Minute das Genick angebrochen hatte und sich fünf Halswirbel verrenkte, ist eine der Helden-Storys dieses Sports. Auswechseln war damals noch nicht erlaubt.

Trautmann musste diese Geschichte bis ins hohe Alter immer und immer wieder erzählen. Dabei hat der gebürtige Bremer in seiner Biografie weit mehr aufzuweisen als ein angebrochenes Genick. Er war der erste Deutsche im englischen Spitzenfußball nach dem Zweiten Weltkrieg. Möglicherweise hat der junge Torwart für die deutsch-englische Freundschaft mehr getan als der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Als ManCity 1949 auf Trautmann aufmerksam wurde, war der Krieg gerade vier Jahre vorbei und die furchtbaren Verbrechen der Nazis noch allgegenwärtig. Ohne den Krieg wäre der Deutsche auch gar nicht nach England gekommen. Er hatte als Fallschirmjäger in der Wehrmacht gedient, war von den Briten gefangengenommen und in ein Lager nach England gebracht worden.

20.000 protestierten gegen "Traut the Kraut"

Noch im Lager entwickelte er sein Torwartspiel, wurde nach seiner Entlassung zunächst von dem Provinzclub St. Helens Town engagiert, bevor Manchester ihn verpflichtete. Ein deutscher Torwart in der englischen Liga vier Jahre nach Kriegsende - das haben viele Engländer damals als Affront empfunden. 20.000 Menschen, so heißt es, gingen 1949 auf die Straße, um gegen "Traut the Kraut" zu protestieren. Dauerkarteninhaber gaben ihre Tickets zurück. Erst als der Rabbi von Manchester in einem offenen Brief für Trautmann Partei ergriff, legte sich der Widerstand.

Als Trautmann seine Karriere 1964 mit 41 Jahren beendete, hatte er 545 Pflichtspiele für City bestritten, er war Fußballer des Jahres in England 1956, er war Kapitän des All-Star-Teams, das 1960 gegen die Besten Irlands antrat - und er hat kein einziges Länderspiel für Deutschland bestritten.

An Trautmann hat das nie gelegen. Eher am damaligen Bundestrainer Sepp Herberger. "Er hatte wohl Angst, mich zu holen. Einen Torwart, der in England spielte", hat Trautmann 2010 in einem Interview mit "11 Freunde" gesagt. Einen Spieler aus dem Ausland zu holen, zudem aus einem Land, das noch wenige Jahre zuvor als Feind galt - dazu fehlte Herberger der Mut. In diesem Fall besser: die Traute.

In England stets mehr anerkannt

Trautmann hat das geschmerzt, wie er offen zugegeben hat. Aber er hat es akzeptiert: "Es gab hervorragende Torhüter in Deutschland zu jener Zeit. Warum sollte er mich holen?" Höchstens aus dem Grund, das Trautmann möglicherweise noch einen Tick besser war als die deutsche Konkurrenz, wie viele Fußballexperten behaupten. Besser gar als Toni Turek, der Fußballgott, der Held von Bern 1954.

Die Verehrung in England war ihm dagegen gewiss. Auf der Insel hat er immer einen größeren Ruhm genossen als in seiner Heimat. Zu seinem Abschied an der Maine Road in Manchester wurden die Pfosten des Tores herausgerissen und durch neue ersetzt. Niemand sollte das Recht haben, zwischen jenen Pfosten zu stehen, die Bert Trautmann 15 Jahre lang bewacht hatte.

Seine Karriere als Trainer, die er anschließend ansteuerte, war nur mäßig erfolgreich. Er trainierte eine Saison lang Preußen Münster, in den siebziger Jahren landete er gar als Nationaltrainer in Burma, später in Liberia und Pakistan. Der ewig vereinstreue Bert Trautmann wurde zum Weltenbummler in Sachen Fußball. 1983 war endgültig Schluss, Trautmann zog sich auf seine Finca in Spanien zurück und widmete sich fortan der Orangenzucht.

Der englische Fußball hat ihn nie vergessen. Bobby Charlton hat ihn einmal den "größten Torhüter aller Zeiten" genannt, 2004 wurde er von der Queen zum "Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire" ernannt. Die Trautmann-Foundation, die er ebenfalls 2004 aus der Taufe hob, bemüht sich seitdem um die deutsch-britische Freundschaft.

In Deutschland dagegen hat er auf solche Ehrungen warten müssen. 2008 zeichnete ihn der DFB immerhin mit dem Ehrenzeichen in Gold aus. In der Heimat blieb er der Mann mit dem Genickbruch. Mehr wussten die meisten nicht mehr über den großen Torwart Bert Trautmann.

Trautmann ist am Freitag in Spanien gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.



insgesamt 13 Beiträge
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widower+2 19.07.2013
1. E in großer Mann
Und ein sensationeller Torwart. Trautmann hat in seiner Karriere mehr als 60(!) Prozent aller Elfmeter gehalten und war der einzige Torwart, den der große Lew Jaschin als ebenbürtig akzeptiert hat. Dazu ein absolut vorbildlicher Charakter. Die Engländer erkennen einen großen Sportsmann, wenn sie ihn sehen.
derpolokolop 19.07.2013
2. Traurig.
Zitat von sysopGetty ImagesMit Bert Trautmann ist einer der großen Torleute des vergangenen Jahrhunderts gestorben. In Manchester wird der Deutsche noch immer verehrt. In der Heimat blieb ihm die Anerkennung versagt. Hier erinnert man sich nur an eine berühmte Verletzung. http://www.spiegel.de/sport/fussball/torhueter-trautmann-mit-89-jahren-gestorben-a-912091.html
Kein einziges Wort bei Bild. Als Kind aus Nord West England hat mir mein Vater von ihm erzählt. Was für ein super Torwart er war aber vor allem menschlich eine richtige Große!
Preclare 19.07.2013
3. Einer der ganz Großen
Vielen Dank für diesen schönen und kenntnisreichen Nachruf. Leider habe ich Trautmann nie spielen gesehen, aber wer seinen Zeitgenossen glaubt, kann sicher sein, dass er einer der besten Torhüter aller Zeiten war. Lew Jaschin hat nur Ihn neben sich gelten lassen und all jene die ihn live erlebten, meinen, dass seine Strafraumbeherrschung, seine Präsenz und seine Antizipation bis heute unerreicht sind. Doch viel wichtiger als seine Paraden war sein tadelloser, großartiger Charakter. Ein warmherziger, großzügiger und intelligenter Mann mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Er war der wichtigste und wunderbarste Botschafter für die deutsch-britischen Beziehungen nach dem zweiten Weltkrieg. Schade, dass er nie für Deutschland spielen durfte.
to5824bo 19.07.2013
4. Jammerschade
Zitat von sysopGetty ImagesMit Bert Trautmann ist einer der großen Torleute des vergangenen Jahrhunderts gestorben. In Manchester wird der Deutsche noch immer verehrt. In der Heimat blieb ihm die Anerkennung versagt. Hier erinnert man sich nur an eine berühmte Verletzung. http://www.spiegel.de/sport/fussball/torhueter-trautmann-mit-89-jahren-gestorben-a-912091.html
Es ist jammerschade, dass ein solcher Mann nie für die deutsche NM gespielt hat. Man fragt sich: Wieso sollte Sepp Herberger für eine Berufung des womöglich weltbesten Torhüters der Mut gefehlt haben? Angst vor den deutschen Fans? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Die hätten ihn sicher nicht weniger geliebt als die Engländer. RIP, Bert Trautmann!
baconsandwich 19.07.2013
5. Post 3 fasst es gut zusammen
"Bert" war nicht perfekt, hat auch schon mal einen Schiri mit dem Ball ausgeknockt, dennoch vom Eisernen Kreuz zum OBE und auf dem Weg sich in die Herzen des "Feindes" zu spielen (standing ovations von Fulham Fans in Craven Cottage '49) und sich nach der juengsten Historie dem dort zu stellen, zeugt von Groesse und Integritaet. Dieses bestaetigen die vielen respektvollen, vor allem britischen Kommentare von Fans aller UK Clubs, die sozial genetzwerkt oder auf der Blues Homepage gepostet wurden. Die Genicksache sollte heutzutage Pflichtgeschichte fuer alle Fussballer Verpflichtungen sein und somit sofort ein Verbot fuer minutenlanges Rasenherumrollen, weil ein Gegenspieler etwas zu nah vorbei gelaufen ist, aussprechen. Wie Viele schon sagten ist das Wort "Legende" etwas ueberstrapaziert, aber auch ein ManC Offizieller formulierte, dass das Wort "Legende" fuer jemanden wie Bert gemacht wurde" Rest In Peace
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