Start der Fußballbundesliga Premiere für das Hawk-Eye

Lange bekämpft - am Ende doch eingeführt: Mit der neuen Saison hält die Torlinien-Technologie Einzug in der Bundesliga. Was genau wurde da installiert? Warum? Und was kommt als nächstes? Die Antworten.
Goal: Wenn der Ball die Torlinie überquert hat, zeigt die Uhr des Schiedsrichters das an

Goal: Wenn der Ball die Torlinie überquert hat, zeigt die Uhr des Schiedsrichters das an

Foto: TORU HANAI/ REUTERS

Ist die Anwendung des Hawk-Eye eine Premiere?

In der Bundesliga ja. Beim Saisoneröffnungsspiel Bayern München gegen den Hamburger SV (Freitag, 20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Schiedsrichter Bastian Dankert der erste Unparteiische in der Ligageschichte sein, dem technische Hilfsmittel bei der Entscheidung "Tor oder nicht?" zur Verfügung stehen. Beim Supercup zwischen Wolfsburg und Bayern wurde die Technik aber schon getestet. Seine Premiere im deutschen Fußball erfuhr das Hawk-Eye im Mai dieses Jahres beim Pokalfinale in Berlin zwischen Dortmund und Wolfsburg.

Außerhalb Deutschlands findet die Hawk-Eye-Technologie schon länger Anwendung: Die Premier League nutzt sie seit 2013. Ursprünglich stammt das System aus dem Cricket, wurde aber international vor allem durch seine Verwendung im Tennis bekannt, wo große Turniere seit 2006 damit arbeiten.

Wie funktioniert das Hawk-Eye?

In jedem Bundesligastadion sind für die neue Saison 14 Hawk-Eye-Kameras installiert worden. In der Regel wurden diese am Stadiondach montiert. Einzig am Darmstädter Böllenfalltor mussten eigens Masten errichtet werden - drei Seiten des Stadions sind nicht überdacht. Für jedes der beiden Tore gibt es sechs Messkameras, die die Bewegung des Balls in Tornähe erfassen. Mittels Triangulation kann die Position des Balls mit einer Fehlertoleranz von fünf Millimetern praktisch in Echtzeit festgestellt werden.

Registriert das System, dass der Ball die Torlinie mit vollem Umfang überquert hat, wird der Schiedsrichter automatisch informiert - durch ein akustisches Signal, das an seinen Kopfhörer übertragen wird. Das soll innerhalb von einer Sekunde erfolgen. Zur Sicherheit vibriert auch noch die Armbanduhr des Unparteiischen und zeigt das Wort "Goal" auf dem Display an.

Zusätzlich zu den insgesamt zwölf Messkameras gibt es für jeden Strafraum auch noch eine Replay-Kamera. Sie ermöglicht es, für Stadionbesucher und Fernsehzuschauer einen kurzen Film zu zeigen, der dokumentiert, ob der Ball die Linie überschritten hat oder nicht.

Gab es Alternativen zum Hawk-Eye?

Ja. Der Fußballweltverband Fifa hat vier konkurrierende Systeme lizenziert und damit für die Verwendung freigegeben. Neben dem Hawk-Eye arbeitet auch das Modell "GoalControl" mit Kameras. Es stammt aus Deutschland und wurde unter anderem bei der WM 2014 verwendet. Außerdem gibt es noch die ebenfalls in Deutschland entwickelten Technologien "GoalRef" und "Cairos", die beide mit elektromagnetischer Induktion arbeiten. Vereinfacht wurde dieser Ansatz als "Chip im Ball" bekannt. Spulen im Ball erzeugen dabei ein Magnetfeld, das beim Überqueren der Linie mit einem anderen, durch Spulen in den Torpfosten und der Latte hergestellten Feld interagiert.

Warum hat sich die DFL für das Hawk-Eye entschieden?

Auf ihrer offiziellen Website bezeichnet die Deutsche Fußball-Liga (DFL) Hawk-Eye als "Weltmarktführer im Bereich Ballverfolgungstechnik". Entscheidend für die Klubs dürften aber vor allem die geringeren Kosten gewesen sein. Schließlich hatten sich die Vereine noch im März 2014 gegen jede Form der Torlinientechnologie ausgesprochen - wegen der "exorbitanten" Kosten, wie Kölns Manager Jörg Schmadtke damals sagte.

Erst im Dezember des vergangenen Jahres hatten sich zumindest die Erstligisten entschlossen, ihre Ablehnung aufzugeben. Statt der damals befürchteten 150.000 bis 180.000 Euro soll das Hawk-Eye jeden Klub nur 136.000 Euro pro Jahr kosten. Drei Vereinen war auch das noch zu teuer gewesen, aber sie wurden im Dezember überstimmt.

Ist das Thema Technik im Fußball damit abgeschlossen?

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hat die Torlinientechnologie als "absolute Grenze" bezeichnet. Sprich: Alle anderen Entscheidungen sollen dem Schiedsrichter überlassen bleiben. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt aber, dass solche apodiktischen Äußerungen schnell überholt sein können. Frank Lampards nicht gegebenes WM-Tor gegen Deutschland führte 2010 dazu, dass Fifa-Präsident Joseph Blatter seine Meinung radikal änderte. Das verwehrte Tor von Mats Hummels im Pokalfinale gegen Bayern 2014 ließ die Ansichten in der Bundesliga kippen.

Noch existiert allerdings keine akzeptierte Technologie, um etwa Abseitssituationen technisch zu erfassen. Und spätestens, wenn es um Zweikampfbewertung geht, läuft auf Dauer wohl nichts ohne den Videobeweis, der von fast allen Verantwortlichen abgelehnt wird. Ein krasser Schiedsrichterfehler, der ein WM- oder Champions-League-Finale entscheidet, könnte diese kategorische Ablehnung aber schnell ändern.

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