Entscheidung über Torlinientechnik Die Drin-oder-nicht-Frage

Der Fußball steht vor einer grundlegenden Änderung: An diesem Donnerstag entscheidet das zuständige Gremium für Regelfragen in Zürich, ob die Torlinientechnologie eingeführt werden darf. Viele Bundesliga-Funktionäre befürworten sie - dabei sind wichtige Fragen noch ungeklärt.

REUTERS

Hamburg - Sollen umstrittene Entscheidungen auf dem Fußballplatz künftig mit technischen Hilfsmitteln überprüft werden? Oder soll der Sport so ursprünglich wie möglich bleiben? Am Donnerstag entscheidet das International Football Association Board (IFAB), das zuständige Gremium für Regelfragen, bei einer Sitzung in Zürich über die Torlinientechnologie. Eine Einführung wäre die größte Regelrevolution seit Jahrzehnten.

Es spricht vieles dafür, dass das Gremium 46 Jahre nach dem berühmten Wembley-Tor die Hightech-Hilfe zulassen wird. Die Optionen heißen Hawk-Eye (Torkamera) und GoalRef (Chip im Ball). Beide wurden vom Weltverband Fifa über Monate getestet. Mit ihnen könnte künftig eine Fehlentscheidung wie bei der EM vermieden werden, als Schiedsrichter Viktor Kassai einen regulären Treffer des Ukrainers Marko Devic nicht anerkannte, obwohl Englands John Terry den Ball erst hinter der Linie geklärt hatte.

Die Hawk-Eye-Technik, die teurere Variante von beiden, wird seit Jahren im Profi-Tennis eingesetzt. Das System arbeitet mit Kameras, die um das Spielfeld positioniert sind. Die GoalRef-Technik basiert auf einem Magnetfeld am Tor. Überquert der Ball mit Chip die Torlinie, wird dem Schiedsrichter ein Funksignal auf dessen Uhr übermittelt. In Zürich geht es aber erst einmal um die Frage: Technik, ja oder nein?

Dabei sind die beiden wichtigsten Akteure im internationalen Fußball, Fifa-Präsident Joseph Blatter und Uefa-Boss Michel Platini, unterschiedlicher Meinung. Der Franzose unterstrich auch nach dem Vorfall bei der EM, "absolut gegen" die Torlinientechnologie zu sein. "Was ist, wenn es ein Handspiel auf der Linie gibt, dann sieht das keine Technik der Welt. Wo sollen wir eine Grenze ziehen? Ich bin nicht nur gegen Torlinientechnologie, sondern gegen Technologie an sich", sagte Platini. Blatter hatte dagegen nach der umstrittenen EM-Partie mitgeteilt, dass die Technik keine Alternative mehr sei, "sondern eine Notwendigkeit."

Auch in der Bundesliga ist die Mehrheit für Hilfsmittel. "Es gibt so eine Technik, sie funktioniert auch, deshalb sollten wir sie einführen", sagte Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. Wolfsburgs Trainer Felix Magath ist ebenfalls ein Befürworter der Technik-Einführung, damit die "Lotterie menschlicher Fehlbarkeit" beendet wird.

Coach Lucien Favre von Borussia Mönchengladbach sagte, dass er seit langem für den Einsatz der Technik sei. Trainer Jürgen Klopp von Double-Gewinner Borussia Dortmund ist es zwar "eigentlich egal", doch "wenn ein Hilfsmittel unproblematisch ist, spricht nichts dagegen", es auch einzusetzen. Nur BVB-Boss Hans-Joachim Watzke ist dagegen: "Ich befürchte, nach der Torlinientechnik kommen die Rufe nach der Technik für Abseitssituationen."

Sollte das IFAB - wie allgemein erwartet - beide Technologien zulassen, wären die nationalen Verbände und Ligen gefordert. Sie müssten dann entscheiden, auf welches Hilfsmittel künftig gesetzt wird. Und vor allem auch, in welchem Ligen: Nur bei den Profis? Oder auch im Amateurbereich? Offen ist zudem, wer die zu erwartenden Millionenkosten der Einführung übernimmt.

leh/sid/dpa



insgesamt 133 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Crom 05.07.2012
1.
Der Fußball wird immer schneller. Das menschliche Auge der Schiris kann da einfach nicht mehr mithalten. Daher ist der Einsatz von unterstützender Technik nur folgerichtig. Auch über den Videobeweis sollte man nachdenken!
bunterepublik 05.07.2012
2. Blödsinn
Zitat von sysopREUTERSDer Fußball steht vor einer grundlegenden Änderung: Am Donnerstag entscheidet das zuständige Gremium für Regelfragen in Zürich, ob die Torlinientechnologie eingeführt werden darf. Viele Bundsliga-Funktionäre befürworten sie, obwohl noch wichtige Fragen ungeklärt sind. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,842657,00.html
Ich bin gegen diese technischen Hilfsmittel. Es wird sicherlich weiterhin Streitpunkte geben, ob ein Tor gefallen ist oder nicht, Fehlerquellen bestehen. Und ist es nicht unfair, dass technisch überprüfbar sein soll, ob Tore gefallen sind, obwohl weiterhin Abseitssituationen oder Fouls im Strafraum, die ebenfalls zu gültigen / ungültigen Toren führen könnten oder zu Elfmetern, nicht überprüfbar sind. Es entsteht ein neues, nicht minder schweres Ungleichgewicht.
ifthetruthbeknown 05.07.2012
3. Wieso nicht?
Was ist so schlimm daran, wenn die Technik auch bei Abseitsentscheidungen eingesetzt wird? Bei so viel Geld, wie mittlerweile in die Fußballindustrie gepumpt wird, muss diese "Lotterie" aufhören! Monitor neben den vierten Mann am Spielfeldrand stellen und gut is
earl grey 05.07.2012
4. Diese Technik wäre nur der Anfang
Diese Technik wäre nur der Anfang. Denkbar ist auch, jedem Spieler einen Chip ins Trikot zu nähen; zusammen mit dem Chip im Ball wäre dann ein Abseits kein Thema mehr... auch für die inzwischen immer mehr verbreiteten Statistiken (wer läuft wie viel, wer hat die meisten Ballkontakte/Zweikämpfe etc.) sind solche technischen Lösungen zu gebrauchen. Fußball wird immer mehr zu einer perfekt inzinierten Show, da lässt sich solche Technik wohl nicht lange aufhalten...
zweimischer 05.07.2012
5. Bildunterschrift
Die Bildunterschrift ist in diesem Zusammenhang grob irreführend. Dieser Ball ist nämlich gerade NICHT "im Tor". Das sieht man sogar ohne hawk-eye und Magnetsensoren :)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.