Torwart Hildebrand "Hätte ich öfter mal ein Arsch sein müssen?"

Er ist der große Verlierer im Vorfeld der EM: Timo Hildebrand muss bei der Endrunde in Österreich und der Schweiz zuschauen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Torwart über seine Ausbootung und beklagt fehlende Offenheit und Mut von Bundestrainer Joachim Löw.

SPIEGEL ONLINE: Warum gehören Sie nicht zum Kader der Europameisterschaft?

Hildebrand: Torwarttrainer Andreas Köpke hat mir am Telefon mitgeteilt, dass unter anderem meine Leistungen in den bisherigen Länderspielen nicht überzeugend genug waren.

SPIEGEL ONLINE: Und was denken Sie?

Hildebrand: Dass es in dieser Angelegenheit an Offenheit fehlt und an Mut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Das fängt schon bei der Art und Weise an, wie die Trainer mir die Nachricht überbracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Hildebrand: Wenige Stunden vor Bekanntgabe des Kaders am Freitag der vergangenen Woche hat Andy Köpke mich angerufen und Jogi Löw entschuldigt, da er gerade im Flieger sitze und deshalb nicht mit mir telefonieren könne. Was ist das denn für eine Art? Als Köpke mir die Entscheidung mitgeteilt hat, war ich zuerst so geschockt, dass ich nichts mehr sagen konnte und wieder aufgelegt habe. Ich habe dann wenig später wieder angerufen, um die Gründe zu erfahren. Da kam dann die Sache mit den Länderspielen als Grund. Ich hatte gerade mal vier Länderspieleinsätze in den letzten beiden Jahren. Mein schlechtestes ist eineinhalb Jahre her, gegen Zypern. Da war die ganze Mannschaft nicht gut. Das kann nicht der Grund sein, warum ich nicht dabei bin. Und ich frage mich: Warum ist ein Spieler, der vier Jahre zum Stammkader der Nationalmannschaft zählt, am Tag der Nominierung plötzlich nicht mehr gut genug? Oder haben die mich vorher nur mitgenommen, weil sie dachten, ich halte still?

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie mittlerweile die Möglichkeit, dem Bundestrainer diese Frage zu stellen?

Hildebrand: Nein. Er hat mich am Montagabend kurz angerufen und mitgeteilt, dass wir uns nach der EM treffen und über die exakten Gründe sprechen sollten.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlen Sie sich jetzt?

Hildebrand: Wütend.

SPIEGEL ONLINE: Ausgenutzt?

Hildebrand: Wie würden Sie sich denn fühlen?

SPIEGEL ONLINE: Sepp Maier hat schon vor Jahren kritisiert, dass Sie Freistöße aus rund 20 Metern Entfernung falsch einschätzen.

Hildebrand: Das war am Anfang meiner Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Spätestens ab dem Viertelfinale einer Europameisterschaft entstehen die meisten Torschüsse aus solchen Standardsituationen. Ist das der Grund, warum Jogi Löw Ihnen kein großes Turnier als Nummer eins zutraut?

Hildebrand: Solche Fehler habe ich in meinem ersten Jahr in Stuttgart gemacht. Erst kürzlich habe ich ein Spiel vom AC Mailand gesehen, in dem Kalac einen Treffer im Torwarteck kassierte. Das passiert immer wieder. Mich auf solche Fehler festzunageln, ist lächerlich. Apropos, da fällt mir ein, was Jogi Löw noch zu mir gesagt hat ...

SPIEGEL ONLINE: .. dass Sie auf Abruf bereit stehen sollen, falls sich einer der drei Nominierten verletzt?

Hildebrand: Nein. Er hat mich für meine professionelle Art gelobt. Dafür, dass ich immer an mir arbeite und mich anständig verhalten habe im Kreise der Nationalmannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Dann hätten Sie wohl einfach ...

Hildebrand: ... öfter mal ein Arsch sein müssen etwa?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht längst geahnt, dass es knapp werden würde?

Hildebrand: Dass Hansi Flick und Andy Köpke in der letzten Saison nur ein einziges Mal in Valencia waren, um mich live spielen zu sehen, habe ich mir damit erklärt, dass sie eben wissen, wie ich drauf bin. Sie sind ja auch nicht ständig nach London geflogen und Jens Lehmann spielt trotzdem. Vielleicht habe ich zu sehr dem Leistungsprinzip vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie ein bisschen zu naiv?

Hildebrand: Es gab ein Gespräch mit Andy Köpke letztes Jahr in Berlin. Er sagte, ich solle die Nummer eins mehr unter Druck setzen, mehr Konkurrent sein, mehr angreifen, mehr fordern. So steht es auch in meinem EM-Leitfaden, der bei einem Workshop im Sommer 2007 verteilt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollten Jens Lehmann öffentlich angreifen?

Hildebrand: Wissen Sie, in der Nationalmannschaft werden so viele Dinge eingefordert. Vor allem soziale Kompetenz, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Teamgeist. Aber gleichzeitig muss man wohl auch Lautsprecher in den Medien sein, um den Eindruck zu erwecken, man sei eine wirkliche Nummer 1.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das nicht einfach gemacht?

Hildebrand: Weil das nicht meine Art ist. Aber vielleicht haben Sie recht und ich war wirklich in dieser Hinsicht zu naiv.

Sich treu bleiben oder Trallala mitmachen - wie Hildebrand seine Leistung in Valencia selbst einschätzt, lesen Sie im zweiten Teil

SPIEGEL ONLINE: Wie oft haben Sie intern gefordert, die Nummer eins sein zu wollen?

Hildebrand: Zeigt sich das denn nicht hauptsächlich im Training? Im Spiel? An der Leistung unter Druck? Daran will ich gemessen werden. Nicht daran, ob ich, oder was ich für ein Typ bin.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Image-Problem?

Hildebrand: Ach, es gibt so viel Druck in diesem Geschäft, du bist ständig mit dir selbst beschäftigt. Da bleibt doch gar keine Zeit, sich ständig ums Image zu kümmern. Und was heißt schon Image? Mein Anspruch war immer, Titel zu gewinnen und in der Nationalmannschaft die Nummer eins zu sein. Da bleibt privat verdammt viel auf der Strecke. Wenn du dich dann noch ganz von deinem eigentlichen Charakter verabschiedest, kannst du weder über Dauer Leistung bringen noch wirst du glücklich. Das ist der große Konflikt im Profi-Geschäft: Entweder man macht das ganze Trallala mit, oder man bleibt sich selbst treu. Manche gehen daran zu Grunde, manche halten es durch.

SPIEGEL ONLINE: Jogi Löw betont die positive persönliche Ausstrahlung René Adlers. Sie wirken in der Öffentlichkeit oft kühl, distanziert, manchmal ein bisschen arrogant ...

Hildebrand: ... wer mich kennt, behauptet etwas anderes. Vielleicht wirke ich ein bisschen schüchtern, aber arrogant bin ich definitiv nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie also nicht im Kader, weil es ein zwischenmenschliches Problem zwischen Ihnen und den Trainern gibt?

Hildebrand: Glauben Sie, das wird Ihnen jemand so sagen? Glauben Sie, einer würde wagen, zu sagen: 'Hören Sie mal, wir mögen den Timo nicht, deshalb packt der es nicht, die Nummer eins zu sein? Nein, das ist reine Interpretation.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten den Eindruck gewonnen haben ...

Hildebrand: Ach was.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Entscheidung in Wahrheit also nichts mit Ihrer Qualität zu tun?

Hildebrand: Nach welchen Leistungsprinzipien werden Nationalspieler denn ausgewählt? Es muss doch einen Maßstab geben oder nicht? Das vermitteln Sie doch ständig. Ich bin ins Ausland gegangen, wollte mich der internationalen Konkurrenz stellen. Ich habe mich in der Winterpause entschieden, diesen Schritt nach zwölf Jahren Stuttgart zu gehen. Damals wusste noch keiner, dass wir mit dem VfB Meister werden. Übrigens haben Jogi Löw und Andy Köpke mir dazu geraten. Sie sagten: Mach das, das bringt dich in allem weiter. Und sie hatten recht, es hat mich weitergebracht. Eben nur nicht in der Nationalmannschaft. Glauben Sie mir, das letzte Jahr war der Hammer. Kein Mensch in Deutschland, auch kein Journalist, kann das beurteilen. Weil alle nur abgeschrieben haben. Einen Tag hieß es, Hildebrand spielt super, dann hieß es, Hildebrand spielt unterirdisch. Dass die Bedingungen im Club extrem schwierig waren interessiert nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie im EM-Kader, wenn Sie beim VfB Stuttgart geblieben wären?

Hildebrand: Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Es hätte wohl mehr Aufmerksamkeit gegeben, gut möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wechseln Sie im Sommer zurück zum VfB?

Hildebrand: Ich habe gelernt: Im Fußball ist alles möglich. Aber eigentlich bin ich längst noch nicht fertig in Valencia.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es schon Kontakt zum VfB?

Hildebrand: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Warum glauben Sie, der wahre Nachfolger von Jens Lehmann zu sein?

Hildebrand: Nach welchen Kriterien entscheiden wir jetzt?

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihren persönlichen.

Hildebrand: Ich bin ins Ausland gegangen, habe hier eine Ikone vom Thron gestürzt, das hat im vergangenen Jahr kein anderer Torwart gemacht. Und ich habe einen Titel geholt, bin hier die Nummer eins. Das sind meine Kriterien.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie unter Jürgen Klinsmann noch dabei?

Hildebrand: Zumindest wäre unter Klinsmann nicht schon vor der Nominierung rausgekommen, dass ich nicht dabei bin. Genau das macht Jürgen in meinen Augen aus. Er lässt sich auf keine politischen Spielchen ein. Er hat seinen Plan und zieht ihn ohne Kompromisse durch.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt weiter? Ist das Thema Nationalmannschaft für Sie beendet?

Hildebrand: Löw sagte, in dem Gespräch nach der EM werden wir über die Perspektiven reden. Es ist immer noch mein Traum, die Nummer eins zu sein. Ich werde nicht aufhören, dafür zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie diesem Trainerteam überhaupt noch mal vertrauen?

Hildebrand: Tja. Ich muss oft darüber nachdenken, was es wohl für ein Gefühl sein würde, Andy Köpke wieder gegenüber zu stehen. Aber Kevin Kuranyi hat das ja auch gepackt.

SPIEGEL ONLINE: Motiviert es Sie, dass Jens Lehmann auch erst mit 36 Jahren die Nummer eins wurde?

Hildebrand: Darüber denke ich im Moment nicht wirklich nach. Trotzdem ist es nicht meine Art, einfach alles hinschmeißen zu wollen. Ich bin ein Kämpfer. Ich fahre jetzt erst mal zur Hochzeit eines Freundes nach Irland und anschließend zu meiner Familie.

Das Interview führte Cathrin Gilbert

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