Torwartproll Ehrmann Tarzans Talentschmiede

Gerry Ehrmann trat als Aktiver in manches Fettnäpfchen. Heute bildet das Urgestein des 1. FC Kaiserslautern als Torwarttrainer einen herausragenden Keeper nach dem nächsten aus. Dabei hat "Tarzan" das Ballfangen von einem Speerwerfer gelernt.


Eine knappe halbe Stunde ist gestern Abend in Hoffenheim gespielt, da passiert das Unglück. Florian Fromlowitz verletzt sich ohne Fremdeinwirkung am linken Knie, muss ausgewechselt und später ins Krankenhaus gefahren werden. Für den Stammkeeper des 1. FC Kaiserslautern kommt der 19-jährige Tobias Sippel ins Spiel. Er hält bravourös, kann die 0:1-Niederlage jedoch nicht verhindern. Sowohl Fromlowitz als auch Sippel sind Schützlinge von Gerry Ehrmann. Dass endlich einmal jemand wissen will, was es mit der Lauterer Torwartschule auf sich habe, freut den ehemaligen Lauterer Keeper: "Stimmt, so viel kann ich nicht falsch gemacht haben, wenn ich mir die letzten Jahre so anschaue."

FCK-Torwarttrainer Ehrmann: "Leck-mich-am-Arsch-Gefühl"
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FCK-Torwarttrainer Ehrmann: "Leck-mich-am-Arsch-Gefühl"

Vor Fromlowitz hat Ehrmann bereits den heutigen Dortmunder Roman Weidenfeller und Werders Tim Wiese ausgebildet. Und auch die Jungen hinter dem erst 21-jährigen Fromlowitz versprechen zumindest eine Fortsetzung der Pfälzer Torwarttradition, Ersatzmann Sippel kennt Ehrmann seit der D-Jugend, U-19-Keeper Kevin Trapp seit der C-Jugend und B-Jugendkeeper Emilio Fionarelli seit Kindesbeinen. Sie alle sind in ihrer jeweiligen Altersklasse in der Nationalmannschaft. Eine zu hohe Talentdichte, als dass Zufall am Werk sein könnte. Das hat auch Michael Becker bemerkt: Der Ballack-Berater zählt auch den 19-jährigen Sippel zu seinen Mandanten.

An den Trainingsinhalten liege es nicht, sagt Gerry Ehrmann, dann schon eher daran, dass er das Torwarttraining von der Profimannschaft bis zur D-Jugend herunter selbst koordiniere und schon früh auf die taktische Schulung der Jugendlichen achte: Früh herauskommen, um 1:1-Situationen erst gar nicht entstehen zu lassen, Beidfüßigkeit ("muss heute sein"), Antizipieren, "den Schritt nach vorne machen, bevor der Ball kommt". Das alles sei wichtig, sagt Ehrmann, der zu seinen Kölner Zeiten als Ersatzmann hinter Toni Schumacher mit Rolf Herings noch einen Torwarttrainer hatte, der als ehemaliger Speerwerfer fachfremd war. Undenkbar sei das heute, findet Ehrmann. Und dennoch: Fußball bleibe Fußball. Man solle das alles "nicht zu kompliziert" machen. Wichtiger als akademische Diskussionen sei etwas anderes. Ausstrahlung, die innere Einstellung.

Ehrmann selbst war früher nicht immer ein Schwiegersohn-Typ: Im Trainingslager Anfang 2001 im spanischen La Manga lieferte er sich eine Schlägerei mit Axel Roos – wer 2007 den Brustumfang des immer noch praktizierenden Bodybuilders gesehen hat, dem tut Axel Roos heute noch leid. Nach einer 1:4-Niederlage 2001 im Uefa-Cup gegen Alaves bezeichnete er seine Mitspieler als "schwule Hunde". Man darf davon ausgehen, dass viele Profis intern so sprechen. Doch Ehrmann formulierte öffentlich so. Und galt forthin als Prolet.

Wer so über Ehrmann urteile, "kann Gerry nicht persönlich kennen", sagt Fromlowitz: "Ein ganz netter Kerl, für mich eine Mischung aus Vaterfigur und Freund." Und überhaupt; den Torwart, der stets druckreif formuliere, solle man ihm erstmal zeigen, so Fromlowitz. "Wenn man 90 Minuten unter Strom gestanden hat, braucht man eine Weile, um wieder runter zu fahren." Seit der D-Jugend arbeiten Fromlowitz und Ehrmann nun schon zusammen, "auf höchstem Niveau", wie Fromlowitz sagt, der besonders die "spielspezifischen Abläufe" immer wieder einstudiert hat. Jederzeit könne der Vordermann einen Fehler machen. Dann muss man hellwach sein, "wir Torhüter sind Einzelkämpfer".

Zu all seinen Jungs hat Ehrmann noch Kontakt

Auch Ehrmann sieht Torhüter nicht als normale Fußballspieler. Er findet, dass es der heutigen Spielergeneration viel zu gut geht – seine Keeper nimmt er da ausdrücklich aus. Die habe er aus anderem Holz geschnitzt: "Ich sage den Jungs immer, helft euch selber, ihr könnt euch auf niemanden verlassen." Verantwortung sei das Stichwort: "Entschlossenheit, Konzentration, keine Angst, aber auch keine Überheblichkeit, das will ich bei einem Torwart sehen." Wer einen Fehler macht, soll das nicht seinen Vorderleuten in die Schuhe schieben, findet Ehrmann. Aber er soll sich von seinen Fehlern auch nicht herunterziehen lassen. An der momentanen Krise in Kaiserslautern (7 Punkte aus 10 Spielen) sind zumindest nicht die Torhüter schuld.

Seinem ehemaligen Schützling Roman Weidenfeller, der zuletzt in Dortmund stark kritisiert wurde, wünscht er, dass er sich auf das "Leck-mich-am-Arsch-Gefühl", das ihm Ehrmann vermittelt hat, besinnt. Weidenfeller, Wiese – Ehrmann hat zu allen seinen Jungs noch Kontakt. Als er das erwähnt, schaut er tatsächlich wie ein Vater, der sich über den Anruf seiner Kinder freut.



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