Tote auf Katar-Baustellen Opfer des Chaos

Auf Baustellen in Katar sollen mehr Menschen umgekommen sein als bislang bekannt. Die Fußball-WM 2022 in dem Emirat ist deshalb heftig umstritten, die Fifa zum Handeln aufgefordert. Doch dem Fußballweltverband fehlt die Kompetenz, das Problem zu bekämpfen.
Arbeiter auf Katar-Baustelle: Unkontrollierbares Firmengeflecht

Arbeiter auf Katar-Baustelle: Unkontrollierbares Firmengeflecht

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Das Traurigste am Trainingslager von Schalke 04 und Bayern München war der Regen. Bis 20 Grad und Schmuddelwetter, und das in Doha. Dabei bucht man in Katar die Sonne gleich mit, deshalb wählen die Vereine nach eigenen Angaben dieses Ziel am persischen Golf: perfekte Bedingungen. Doch dass diese nicht für jeden Menschen in Katar gelten, zeigt der jüngste Bericht des britischen "Guardian". 36 Gastarbeiter aus Nepal sind demnach aufgrund der katastrophalen Bedingungen auf Baustellen in dem Wüstenstaat gestorben, insgesamt soll es in den vergangenen zwei Jahren nach offiziellen Angaben fast 400 Tote gegeben haben. Die Dunkelziffer liegt wohl noch höher.

Weder die deutschen Vereine, die in Katar trotz aller Kritik ihre Saisonvorbereitung abhalten, noch der Fußball-Weltverband Fifa tragen Schuld daran, dass die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen  des Wüstenstaats derart katastrophal sind. Doch spätestens seit der hoch umstrittenen Vergabe des Turniers an Katar vor gut drei Jahren steht der Fußball in der Verantwortung, den richtigen Umgang mit diesem Staat zu finden.

Das ist, zugegeben, ein reichlich kompliziertes Unterfangen. Denn wenngleich seit dem ersten "Guardian"-Bericht im vergangenen Herbst immer wieder von "Toten auf WM-Baustellen" die Rede war, handelt es sich dabei nicht um eigens für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Auftrag gegebene Bauten. Erst in diesen Tagen geht die erste Anlage in Bau, die unmittelbar mit der WM zusammenhängt. Die Todesfälle aber ereigneten sich auf Baustellen, die vor allem die Infrastruktur herstellen sollen in dem Land, das mit seinen 11.600 Quadratkilometern rund einem Viertel der Fläche der Schweiz entspricht.

Nur 300.000 katarische Einwohner

Von diesen Maßnahmen profitiert natürlich auch eine Großveranstaltung wie die Weltmeisterschaft. Doch weder die Fifa noch das nationale WM-Organisationskomitee haben sie in Auftrag gegeben. Entsprechend gering ist deshalb bislang der Einfluss der Fußballmächtigen auf die Mächtigen des Emirats. Trotzdem wurden seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen die Baufirmen und ihres zum Teil menschenverachtenden Umgangs mit den Arbeitsmigranten immer wieder der Fußball und die WM als Transportmittel für die Schreckensmeldungen genutzt.

Das ist nachvollziehbar, wenn man die gesellschaftliche Reichweite des Fußballs bedenkt. Dass diese Debatte auch viel Scheinheiliges in sich trägt, zeigt ein anderes Beispiel: Mit Dubai richtet 2020 erstmals ein arabisches Land die Weltausstellung Expo aus. Wie auch Katar möchte das Emirat den Anlass nutzen, um sich als modern und westlich orientiert zu präsentieren. Auch in Dubai leiden Gastarbeiter unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Trotzdem war der Aufschrei bei der Expo-Vergabe kaum hörbar.

Denn die lautere Empörung richtet sich traditionell gegen sportliche Großveranstaltungen. Dabei liegt in Katar das größte Problem - neben dem WM-Zuschlag an sich - in der Struktur des Landes. Zwei Millionen Menschen leben in dem Staat an der Ostküste der arabischen Halbinsel, nur etwa 300.000 von ihnen sind katarische Bürger. Beim größeren Teil handelt es sich um sogenannte Expats, die meisten kommen zum Arbeiten aus Indien, Pakistan oder Iran. Es ist ein wenig durchsichtiges Gesellschaftskonstrukt, über dem Staatsoberhaupt Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani thront.

Anhörung vor dem EU-Menschenrechtsausschuss

Die meisten Gastarbeiter werden von unzähligen Baufirmen und ihren Sub- und Subsubunternehmen im Ausland rekrutiert. Es sind weitaus mehr, als es katarische Arbeitnehmer gibt, das Emirat tut sich nicht zuletzt durch die verwirrenden Firmenverästelungen damit schwer, die Arbeitsmigranten zu verwalten - und zu schützen.

Die WM-Organisatoren sind sich durchaus bewusst, dass sich auf den Baustellen des Landes etwas ändern muss, das hat der Chef des WM-Organisationskomitees, Hassan al-Thawadi, immer wieder versprochen. Gemeinsam mit Human Rights Watch und Amnesty International hat das OK angeblich bereits eine Charta für den Arbeitsschutz entwickelt. Gesehen haben beide Organisationen das Papier aber noch nicht.

Die Fifa, die viel zu lange brauchte, um das Grundproblem zu erkennen, bemüht sich ebenfalls zu betonen, sie werde alles in ihrer Macht stehende tun, um die Bedingungen zu verbessern. Doch auch sie ist heillos überfordert. Es übersteigt die Kompetenz des mächtigsten Sportverbands der Welt.

Am 13. Februar wird es eine Anhörung des Menschenrechtsausschusses des Europäischen Parlaments zur Causa Katar geben. Für die Fifa wird daran der frühere DFB-Chef Theo Zwanziger teilnehmen. Er soll unter anderem darauf hinwirken, dass in Katar fortan die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation gesetzlich gelten.

Die Anhörung ist ein Zeichen, sie zeigt, dass zumindest die allermeisten ein gemeinsames Anliegen im Kampf für mehr Sicherheit und Menschwürde auf Katars Baustellen verfolgen. Sie offenbart aber auch, dass keiner genau weiß, wie das funktionieren soll. Denn all die tragischen Todesfälle zeigen vor allem: Der Kampf beginnt zu spät. Das muss auch die Fifa eingestehen.