Bayern-Gegner Tottenham Hotspur Moralzersetzende Bosheiten

Vom Champions-League-Finalisten zur Mittelmaß-Elf: Tottenham Hotspur schafft es immer seltener, alte Stärken zu mobilisieren. Es fehlt der dafür nötige Zusammenhalt im Team.

Trainer Mauricio Pochettino und Verteidiger Danny Rose
Reuters/Paul Childs

Trainer Mauricio Pochettino und Verteidiger Danny Rose


Am Wochenende wurde in Nordlondon der Screenshot einer WhatsApp-Nachricht verbreitet, die Aufklärung über die wahren Gründe von Tottenham Hotspurs Problemen verhieß. Ein namentlich nicht genannter Spurs-Insider erzählte darin von tiefen Gräben in der Kabine, von weit in familiäre Angelegenheiten reichenden Rivalitäten, von einem abwanderungslustigen Trainer Mauricio Pochettino, der sich demnächst zusammen mit Stürmerstar Harry Kane in Richtung Real Madrid aus dem Staub machen würde.

Kein Wort dieser vermeintlichen Enthüllungen ist verifizierbar, im Gegenteil: Es darf getrost vermutet werden, dass der Informant in Wahrheit ein Anhänger des Lokalrivalen FC Arsenal ist. Moralzersetzende Bosheiten über die verhassten Nachbarn zu streuen, versteht man in beiden Lagern durchaus als Teil der Fan-Mission.

Selbst frei Erfundenes kann allerdings, wie jeder Leser von gelungenen Romanen weiß, den wahren Kern einer Sache treffen.

Von den einstigen Stärken ist wenig geblieben

Pochettino persönlich hatte nach dem Aus im Ligapokal (3:4 im Elfmeterschießen) gegen den Viertligisten Colchester United die Schmach an "gegensätzlichen Vorstellungen in der Mannschaft" festgemacht. Dem Champions-League-Finalisten der Vorsaison fehle "das Extra, das Mentale, die Energie des Zusammenhalt", so der Argentinier. "Wir benötigen Zeit, um diese Einheit wieder aufzubauen. Ohne sie kann man auf diesem Niveau nicht wettbewerbsfähig sein."

Wettbewerbsfähig ist sein Team, das am Abend den FC Bayern empfängt (21 Uhr, Liveticker beim SPIEGEL; Stream bei Dazn), im Moment tatsächlich nicht, sie ist bis auf die Ausnahmeoffensive mit Kane und Heung-min Son nicht stark genug besetzt, um Partien gegen gleichwertige oder gar bessere Gegner allein mit spielerischer Qualität zu entscheiden. Tottenham verdankt seine stetige Überperformance seit 2014 unter Pochettino der kollektiven Stärke, einer geschlossen aggressiven Spielweise und der aus tiefempfundener Kameradschaftlichkeit erwachsene Bereitschaft, bis zur letzten Sekunde alles zu versuchen.

Harry Kane mit Teamkollegen im Training
Reuters/John Sibley

Harry Kane mit Teamkollegen im Training

Schwindet diese Attitüde auch nur in Nuancen wie in Colchester, oder bei den ähnlich fahrigen 2:2-Unentschieden gegen Olympiakos und Arsenal in Champions League und Premier League, wirkt Tottenham in der laufenden Spielzeit ein wenig ausgelaugt.

Die Daten zeigen: Tottenham wird passiver

Pochettino hatte diese Gefahr kommen sehen. Der 47-Jährige wollte die in wesentlichen Teilen seit einem halben Jahrzehnt unveränderte Mannschaft im Sommer verjüngen, um neue Impulse im Gefüge zu setzen und nicht zuletzt die Spurs zurück zu jenem Hochenergiepressing zu führen, das die eigentliche Grundlage des Aufstiegs zum Spitzenklub bildete.

Wie eine Datenanalyse der Website "The Athletic" kürzlich zeigte, hat das Tempo und die Regelmäßigkeit, mit der die Lilienweißen den Ball jagen, seit 2017 deutlich abgenommen. Kane, der oft verletzte Dele Alli oder auch Spielmacher Christian Eriksen erscheinen nicht mehr in der Lage, die ganze Saison über kontinuierlich Druck auf den gegnerischen Aufbau auszuüben.

Pochettino fürchtet nicht zu Unrecht, dass die zunehmend abwartende Taktik letztlich in Passivität abdriften könnte. Sein Plan war es, den von Real Madrid umworbenen Eriksen, 27, sowie die Verteidiger Danny Rose, 29, Jan Vertonghen, 32 und Toby Alderweireld, 30, gegen entwicklungs- und begeisterungsfähige Neulinge einzutauschen. Doch das Quintett fand keine Abnehmer.

Die gewünschten Transfers haben nicht geklappt

Der Argentinier Giovani Lo Celso (Real Betis) und Mittelfeldmann Tanguy Ndombele (Lyon) blieben die einzigen Verstärkungen von Format. Mit zehn Punkten Rückstand auf Tabellenführer FC Liverpool belegt Tottenham derzeit den sechsten Tabellenplatz. Das Team ist an einem Punkt angekommen, an dem sich Spieler, Trainer und Fans allmählich fragen, ob und wie es gemeinsam weiter nach oben gehen kann. Mit der Meisterschaft wird man in diesem Jahr sicherlich nichts zu tun haben, und es ist ebenfalls nicht davon auszugehen, dass sich der 2018/2019 mit unheimlich viel Einsatz und nicht zuletzt einer großen Prise Glück erreichte Erfolg in der Champions League wiederholen lässt. Momentan fehlt es, mit anderen Worten, an einer Perspektive.

Tanguy Ndombele - eine der wenigen echten Verstärkungen
Reuters/Paul Childs

Tanguy Ndombele - eine der wenigen echten Verstärkungen

Das geht wohl auch Pochettino so. Der Coach sprach neulich schon von der Möglichkeit, im Januar die fälligen Renovierungsarbeiten fortzusetzen. Bis dahin sollte man aber keineswegs den Fehler machen, die aktuell spürbare Stagnation bei den Spurs als unabwendbaren Niedergang zu verkennen. Die im Ganzen eher mittelprächtige Truppe ist noch immer in der Lage, die Gegner mit wenigen lichten Momenten "zu killen", wie Neu-Münchner Ivan Perisic vor ein paar Tagen warnte. Der Kroate konnte in der Vorsaison in der Gruppenphase mit Inter den enormen Siegeswillen der Londoner auf dem Platz erleben.

Es gibt Lichtblicke

Tottenham mag seitdem für den Geschmack von Pochettino ein wenig der außerordentliche Antrieb verloren gegangen sein. Doch es gibt auch vereinzelt Lichtblicke. Beim 2:1-Sieg gegen Southampton am Samstag konnte die Mannschaft mit harter, gemeinschaftlicher Arbeit in 60 Minuten Unterzahl (Rote Karte für Serge Aurier) schon wieder altbekannte Tugenden hervorkramen, von Partikularinteressen war hinterher keine Rede mehr. "Wir ziehen alle am selben Strang", freute sich der Trainer, "das ist der Start für die Arbeit an mehr Konstanz."

Am Dienstagabend wird sich zeigen, ob es den Spurs tatsächlich gelingt, neben den Bayern auch das bedrückende Gefühl zu besiegen, dass sich die Zeit dieser Elf langsam gen Ende neigt.



insgesamt 23 Beiträge
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amun76 01.10.2019
1. Manchester City Tabellenführer ...???
Hmmmm gibt es Liverpool nicht mehr ??? Wurde Klopp samt seiner Mannschaft wegen zuviel Erfolg aus der Liga verbannt ????
25alex67 01.10.2019
2. Tottenham eine Mittelmaß-Elf?
Die Saison hat erst angefangen, und Champions League ist für alle Teilnehmer das Höchste. Ich kann mir daher beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine so erfahrene und kampfstarke Mannschaft wie Tottenham heute abend mittelmäßig spielen wird. Die Premier League wird regelmäßig als stärkste Liga der Welt bezeichnet; und da ist Tottenham Sechster. Und meiner Meinung nach keinesfalls schlechter als die Bayern. Mag sein, sie hatten zu Saisonbeginn ein paar Durchhänger - soll ja auch bei anderen Teams vorkommen. Auch der FCB hat sich keineswegs durchgängig m,it Ruhm bekleckert in den ersten Spielen der Saison. Ich wette, Tottenham ist hellwach heute abend. Und auf keinen Fall mittelmäßig. Die Bayern sollten besser das große Besteck auspacken, damit es für sie ein erfolgreicher Abend wird. Ich freu mich auf ein spannendes Spiel.
Nonvaio01 01.10.2019
3. Pochettino
haette ich gerne beim FCB gesehen, was er aus Tottenham rausgeholt hat ist echt klasse. Da die ein neues Stadion gebaut hatten gab es eben kein Geld fuer verstaerkungen, in diese Zeit wurde auch Bale verkauft. Trotzdem hat er es geschaft junge neue spieler zu integrieren und besser zu machen. Er ist meiner meinung nach einer der besten Trainer der Welt.
cherea 01.10.2019
4. @25alex67 naild it!
Ich kann mich Ihnen nur anschließen. Habe das Gefühl, dass die Redakteure des SPON dann doch einen Bundesliga-Minderwertigkeitskomplex haben und englische Vereine runter schrieben müssen, vor allem die Spurs. Wenn Bayern die Spurs nicht ernst nimmt, werden sie komplett auseinandergenommen, weil auf der Seite der Spurs ein Trainier arbeitet, der von Taktik etwas versteht. Fragt mal den BVB was sie vom den Spurs halten, irgend sowas war letztes Jahr auch zu lesen, da gings auch darum dass die Spurs einen schlechten Start hatten und Ihren Erwartungen hinterherlaufen. Am Schluss 3 der Liga und im Finale der CL…. Freue mich auf das Spiel und mal schauen ob der schon geschriebene Artikel nach dem Spiel noch angepasst werden muss.
widower+2 01.10.2019
5. Seit wann?
Seit wann sind vier Personen ein Quintett? "Sein Plan war es, den von Real Madrid umworbenen Eriksen, 27, sowie die Verteidiger Danny Rose, 29, Jan Vertonghen, 32 und Toby Alderweireld, 30, gegen entwicklungs- und begeisterungsfähige Neulinge einzutauschen. Doch das Quintett fand keine Abnehmer."
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