Neuer Spurs-Trainer Mourinho Sie löschen Feuer mit Benzin

Tottenham hat mit José Mourinho einen Trainer geholt, der eigentlich nicht zum Klub passt. Funktionieren könnte das trotzdem - kurzfristig.

José Mourinho ist der neue Chef in Tottenham
REUTERS/Phil Noble

José Mourinho ist der neue Chef in Tottenham


Als britische Medien am Dienstagabend von "fortgeschrittenen Verhandlungen" zwischen Tottenham Hotspur und José Mourinho berichteten, war der Deal in Wahrheit längst über die Bühne gegangen.

Spurs-Geschäftsführer Daniel Levy hatte laut vereinsnahen Quellen bereits vor Wochen Kontakt zum Portugiesen aufgenommen, als das Ende von Mauricio Pochettinos Amtszeit unvermeidbar erschien. Die Mannschaft war ihres beständig missgelaunten Trainers überdrüssig geworden, zudem befand sich das Verhältnis zwischen Levy und dem Argentinier ebenfalls nur noch auf antarktischem Temperaturniveau. Pochettino konnte dem Klubboss nicht verzeihen, dass dieser den versprochenen Neuaufbau der Mannschaft im Sommer nicht dezidierter vorangetrieben hatte.

Zu wenig frische Kräfte waren gekommen, um Pochettinos aufwändiges Pressing-Spiel in seinem sechsten Jahr erfolgreich umzusetzen, zu viele wechselwillige, ältere Spieler geblieben. "Poch" hatte Ende September über "gegensätzliche Vorstellungen im Team" geklagt. Nach der 2:7-Heimniederlage in der Champions League gegen den FC Bayern war selbst den größten Optimisten klar geworden, dass diese Beziehung keine Zukunft mehr hatte. Nur Uneinigkeiten über Pochettinos Abfindung sowie letzte zu klärende Details mit dessen Nachfolger verzögerten seinen Rauswurf.

In München dürfte Pochettino kein Thema sein

Insider schließen nicht aus, dass Pochettino seinen Abgang letztlich provozierte, um sich rechtzeitig für neue Aufgaben in Position zu bringen. Bei Real Madrid und Manchester United wird er in den nächsten Wochen wieder verstärkt zum Thema werden, vielleicht auch in München, wo er vor der Einstellung von Niko Kovac im Sommer 2018 auf der Kandidatenliste stand. Allerdings gab und gibt es an der Säbener Straße Vorbehalte, die Mannschaft einem nicht Deutsch sprechenden Coach samt einem halben Dutzend Co-Trainern anzuvertrauen. Pochettinos Balljagdtaktik und berüchtigt hartes Konditionstraining passen abgesehen davon eher schlecht zu dem kürzlich von Oliver Kahn ausgegebenen Primat des Kombinationsfußballs beim deutschen Rekordmeister.

In der vergangenen Saison noch Konkurrenten, nun Vorgänger und Nachfolger: Pochettino (hinten) und Mourinho
Andrew Yates / REUTERS

In der vergangenen Saison noch Konkurrenten, nun Vorgänger und Nachfolger: Pochettino (hinten) und Mourinho

Bei den Spurs (Tabellenplatz 14, elf Punkte Rückstand auf Platz vier) zählen dagegen in der derzeitigen Verfassung einzig die Ergebnisse. Pochettinos über die Maßen erfolgreiche Arbeit mit vier Teilnahmen in der Königsklasse in Folge konnten am Grunddilemma des finanziell vorsichtig geführten Vereins nichts ändern: um eine Mannschaft von Champions-League-Niveau beschäftigen zu können, muss Tottenham unbedingt in der Champions League spielen. Levy konnte dem erschreckenden Niedergang schon deshalb nicht mehr länger zusehen. Das Engagement von Mourinho kam einer Notwehr gleich.

Kein Projekttrainer, eher die Spezies Auftragskiller

Man könnte auch von einer Übersprungshandlung sprechen. Auf den ersten Blick mutet die Wahl ja höchst eigentümlich an. Der 56-Jährige ist dafür bekannt, erfahrenere Spieler zu bevorzugen und in jeder Transferperiode öffentlich teure Verstärkungen zu verlangen. Tottenham aber setzt seit Jahren bevorzugt auf Kicker aus der eigenen Jugend und investiert von allen englischen Spitzenvereinen Jahr für Jahr am wenigsten. Das Gehaltsniveau betrug 2017/2018 exakt die Hälfte jener 345 Millionen Euro, die Mourinhos damaliger Klub Manchester United der Belegschaft auszahlte.

Als Trainer für den erforderlichen Umbruch bei den Spurs wirkt der Selbstdarsteller aus Setúbal auch nicht gerade prädestiniert. Seit seines Durchbruchs beim FC Porto 2002 hat er ausnahmslos bei Klubs gearbeitet, die in ihren Ligen entweder ganz oben in der Nahrungskette standen oder einen begründeten Anspruch auf die Herrschaft aufwiesen. Er ist kein Projekttrainer, mehr die Spezies Auftragskiller. Mourinho erledigt gefühlskühl seinen Job, nicht selten hinterlässt er seinen Klubs Verwüstung. Seine auf Fehlervermeidung, Konfliktfreude und hohem psychologischen Druck fußenden Methoden nutzen sich selbst bei Topadressen nach spätestens zwei Spielzeiten ab.

Auf die Idee, ausgerechnet den passionierten Brandstifter als Feuerwehrmann anzuheuern, muss man also erst mal kommen. Doch sie entbehrt nicht einer gewissen Logik: Mit dem auch um die Wiederherstellung des eigenen Renommees bemühten Mourinho dürften tatsächlich ein wenig "Energie und Glaube" (Levy) in die Elf zurückkehren. Zumindest kurzfristig.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
roenga 20.11.2019
1.
Zitat: "Mourinho erledigt gefühlskühl seinen Job und hinterlässt dabei keine Spuren, dafür aber nicht selten Verwüstung." Wer Verwüstungen anrichtet hinterlässt jede Menge Spuren. Die Logik erschließt sich mir nicht. Auch das Bild vom "Brandstifter als Feuerwehrmann" ist beinahe schon ehrabschneidend. Dieser Brandstifter hat schließlich mit allen Clubs bei denen er angestellt war Titel gewonnen. Man muss 'Mou' nicht mögen, aber man sollte seine berufliche Vita zumindest respektieren.
UncleJack 20.11.2019
2. Schade
Für den FC Bayern ist das traurig, da hat man eine große Chance verpasst. Nun heißt es also Hansi Flick statt José Mourinho, und im kommenden Sommer dann wohl Kai Havertz statt Christian Eriksen. Das wirkt zunächst einmal provinziell, aber vielleicht hat Flick ja das Potential, die verwöhnte Mannschaft ähnlich zu kontrollieren wie der wahrscheinlich erfolgreichste Trainer aller Zeiten. Tottenhams wechselwillige Altstars wird Mourinho sicherlich massiv auf Vordermann bringen.
aurichter 20.11.2019
3. @ #1
Wer nur diesen Artikel aufmerksam gelesen hat, der hätte erkennen können, dass Mourinhos Erfolge fast ausschließlich auf teure Einkäufe von Spielermaterial beruhen. Suchen Sie einmal nach einer Rangliste Ablöse durch Vereinstrainern, da tauchen dann zwei Namen signifikant auf - Mourinho vs Guardiola. Wer also bei Vereinen mit großer Schatulle beschäftigt ist, der kann entsprechend Einkäufe tätigen, was von beiden Trainern auch weidlich ausgenutzt wird. So schaffen es vermutlich mehr Trainer eine positive Vita aufzubauen. Mourinho wird bei den Spurs keinen Erfolg haben, dies behaupte ich mal. Den Vereinsfans werden die Kinnladen herunterfallen, wenn Mou dort seinen Spielstil etablieren will - Mauerfußball. Hat bei Chelsea und bei ManUnited nicht funktioniert, wird bei den Spurs erst Recht nicht funktionieren.
xxzxcuzx me 20.11.2019
4.
Zitat von UncleJackFür den FC Bayern ist das traurig, da hat man eine große Chance verpasst. Nun heißt es also Hansi Flick statt José Mourinho, und im kommenden Sommer dann wohl Kai Havertz statt Christian Eriksen. Das wirkt zunächst einmal provinziell, aber vielleicht hat Flick ja das Potential, die verwöhnte Mannschaft ähnlich zu kontrollieren wie der wahrscheinlich erfolgreichste Trainer aller Zeiten. Tottenhams wechselwillige Altstars wird Mourinho sicherlich massiv auf Vordermann bringen.
... und Pochettino spielt keine Rolle in der Trainerfrage des FCB? Und die Mehrheit der Bayernfans würde wohl auch eher Havertz als Eriksen nehmen.
GyrosPita 20.11.2019
5.
Zitat von roengaZitat: "Mourinho erledigt gefühlskühl seinen Job und hinterlässt dabei keine Spuren, dafür aber nicht selten Verwüstung." Wer Verwüstungen anrichtet hinterlässt jede Menge Spuren. Die Logik erschließt sich mir nicht. Auch das Bild vom "Brandstifter als Feuerwehrmann" ist beinahe schon ehrabschneidend. Dieser Brandstifter hat schließlich mit allen Clubs bei denen er angestellt war Titel gewonnen. Man muss 'Mou' nicht mögen, aber man sollte seine berufliche Vita zumindest respektieren.
Man muss aber auch feststellen dürfen, das bei seiner letzten Station in Manchester vom alten Glanz nicht mehr viel zu sehen war, trotz des Gewinns der Europa League. Den Antifußball den er da hat spielen lassen, den kann man dem FC Augsburg vielleicht durchgehen lassen, aber eines Clubs wie Manchester United war das schlicht unwürdig. Ich bin ehrlich gesagt verwundert das noch einmal ein Spitzenclub das Risiko eingeht, sich den ins Haus zu holen.
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