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Trainer-Entlassung bei Bayern Hoeneß rechnet mit van Gaal ab

Der Bayern-Boss Hoeneß tritt nach: "Dass die Spieler hinter ihm standen, ist ein Märchen." Dem Rauswurf von Louis van Gaal folgt die verbale Attacke. Der Präsident stellt dem Holländer ein vernichtendes Zeugnis aus. Die Reaktion zeigt vor allem: Im Club herrschen Panik und Wut.
Von Jan Reschke

Bayern-Präsident Uli Hoeneß hatte schon viele denkwürdige Auftritte in der Öffentlichkeit. Nach der Trennung von Trainer Louis van Gaal am Sonntag kam ein weiterer dazu. Mit dem Wechsel im Tor in der Winterpause von Jörg Butt zu Thomas Kraft "ging die ganze Scheiße los", sagte Hoeneß mit wütender Miene. "Das hat Unruhe in die ganze Abwehr gebracht, das konnte man sich nicht länger antun." Hoeneß in Höchstform. "Fußball muss auch Spaß machen, aber der Spaß hat beim FC Bayern schon längere Zeit gefehlt", so Hoeneß.

Normalerweise ist der FC Bayern der Inbegriff von Coolness. Unnahbar. Unangreifbar. "Mir san mir." Doch seit dem 1:1 gegen den 1. FC Nürnberg am 29. Spieltag vermittelt der Rekordmeister ein anderes Bild. Ratlos. Hektisch. Dünnhäutig. Das Abrutschen auf Platz vier hinter Hannover 96 hat die Verantwortlichen zu diesem überraschenden Schritt bewegt.

Aber warum eigentlich?

Nach der Bekanntgabe von van Gaals Abgang zum Saisonende vor rund vier Wochen hat das Team aus vier Partien in der Bundesliga zehn Punkte geholt. Gegen den HSV gelang am 26. Spieltag gar ein 6:0.

Es scheint fast, als hätte die Bayern-Führung um Präsident Uli Hoeneß, Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge und Christian Nerlinger nur einen Anlass gesucht, um sich des widerborstigen Trainers zu entledigen. Nun reichte ein Remis gegen Nürnberg und ein Punkt Rückstand auf den Champions-League-Platz.

Eine riskante Kehrtwende

Noch vor wenigen Wochen war von "gemeinsamen Einsatz sämtlicher Kräfte" die Rede. Seit Sonntag ist es mit der Gemeinsamkeit vorbei. Die Bayern-Bosse als Umfaller.

Was noch mehr verwundert: Van Gaals Co-Trainer Andries Jonker soll die Mannschaft bis zum Saisonende betreuen. Der Jonker, der vor wenigen Wochen, als schon einmal über eine vorzeitige Ablösung van Gaals debattiert wurde, für nicht tauglich befunden wurde. Vor allem Rummenigge und Nerlinger sollen von Jonker nicht überzeugt gewesen sein.

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Louis van Gaal: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Foto: Uli Deck/ dpa

Nun die riskante Kehrtwende mit einem mäßig erfahrenen und mäßig erfolgreichen Coach. 1999 war er in der zweiten niederländischen Liga für den FC Volendam hauptverantwortlich, wo er zuvor ebenfalls als Co-Trainer gearbeitet hatte. Doch nach nur einer Saison war dort Schluss für ihn.

Beim MVV Maastricht blieb er ab 2004 zwar drei Jahre im Amt, erfüllte aber das erklärte Ziel nicht, den Club in die Erstklassigkeit zu führen und musste gehen. Bei Willem II Tilburg löste er wieder als Co-Trainer im November 2007 Dennis van Wijk ab, im Februar 2009 war vorzeitig Schluss. Nun also fünf Spiele beim FC Bayern.

Was erhoffen sich die Verantwortlichen von ihm?

Rummenigge zumindest hofft: "Er wird Dinge ändern, die veränderungswürdig sind. Andries Jonker hat eine klare Meinung, einen klaren Plan." Doch Jonker gilt und galt als absolut loyal zu van Gaal. Nicht nur menschlich. Auch was die Taktik und die Spielerauswahl betrifft. Zumal er ja auch schon beim FC Barcelona als Co-Trainer van Gaals gearbeitet hat.

Vielmehr soll die Trennung von van Gaal wohl ein Signal an die Mannschaft sein. "Dass die Spieler hinter ihm standen, ist ein Märchen", sagte der wütende Hoeneß. Zuletzt hatte es meist geheißen, die Spieler stützten van Gaal. Als es im März darum ging, ob van Gaal sofort oder erst zum Saisonende gehen soll, soll sich Philipp Lahm in seiner Funktion als Kapitän des Teams für van Gaal ausgesprochen haben. Auch Bastian Schweinsteiger äußerte sich angeblich ähnlich. Van Gaal selbst hatte stets betont: "Mein Verhältnis zu den Spielern war und ist intakt."

Jonker nicht weit weg von van Gaal

Doch ein wichtiger Grund für die Trennung dürfte die Panik der Bayern-Bosse sein, in der kommenden Saison tatsächlich nur Europa League zu spielen - und damit einen großen Umbruch zu riskieren. Finanziell kann der Club ein Jahr Abwesenheit aus der Geldmaschine Champions League verkraften. Das Problem: Viele Stars wären nur schwerlich zu halten.

Allen voran Arjen Robben, dem die Europa League ein Gräuel ist, dessen natürlicher Anspruch höchste europäische Anforderungen sind. Das hat er in den vergangenen Tagen häufig genug erwähnt. Auch ein Franck Ribéry dürfte für den Nachfolger des Uefa-Cups, den Bayern-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer einst "Cup der Verlierer" taufte, nur schwer zu begeistern sein.

Sollte der Club tatsächlich nur die Europa League schaffen, die Ära van Gaal würde stets von diesem Makel überschattet. Dabei hatte der Coach dem Club lange Zeit so gut getan. Er holte 2010 die Deutsche Meisterschaft, den DFB-Pokal und zog sogar ins Finale der Champions League ein. An guten Tagen spielte der FCB einen Offensivfußball, den wohl nur der FC Barcelona toppen konnte. Doch von denen gab es in dieser Saison nur wenige. Zu wenige.

Und so würde in dieser Saison wohl noch nicht einmal der Champions-League-Platz gefeiert werden, zu weit ist der FC Bayern seinen Ansprüchen hinterher. Und an denen muss sich auch die Führung des Clubs messen lassen.

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