Trainer Flick Das Spiel des Schattenmanns

Im EM-Viertelfinale gegen Portugal wird Joachim Löw von einem Mann vertreten, der dem Publikum nur als schüchterner Halbzeit-Interviewgast bekannt ist: Doch Hans-Dieter Flick ist ein besonderer Trainer - und demnächst womöglich mehr als nur Assistent.


2004 war der künftige Bundesligist TSG 1899 Hoffenheim noch weitgehend unbekannt. Dabei hatte er da schon laut und vernehmlich an das Tor zur zweiten Bundesliga geklopft. Ihr Trainer: Ein gewisser Hans-Dieter Flick, ein junger Mann aus dem benachbarten Bammental, den man überall nur "der Hansi" nannte.

Assistenztrainer Flick: Mehr als nur Assistent
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Assistenztrainer Flick: Mehr als nur Assistent

Irgendwann stiegen die Zuschauerzahlen in dem 3300-Einwohner-Dorf beträchtlich. Unter die Neugierigen mischten sich auch immer mehr Journalisten. Dass der Hansi ein besonderer Trainer sei, sprach sich allmählich herum. Denn der ließ sein Team, schon lange bevor die Fußballfeuilletons das mittlerweile arg strapazierte Wort vom "Systemfußball" entdeckten, mutig und schnell nach vorne spielen.

Offensiver Kombinationsfußball, Forechecking, systematisches Verschieben aller Mannschaftsteile - dass das keine verkopfte Taktikhuberei war, konnte in Hoffenheim jeder sehen, den am Fußball auch der Fußball interessierte. Flick prägte damals die vielleicht anschaulichste Definition modernen Fußballs: "Die Zuschauer sollen am Spiel erkennen können, welche von beiden Mannschaften die TSG Hoffenheim ist."

Seine Spieler, die ebenso wie ihr Trainer aus der Region stammten, lösten das Versprechen ein und wirbelten eine Liga durcheinander, in der andere Spitzenteams aus abgetakelten Ex-Bundesligaprofis und biederen Tretern bestanden. Hoffenheim spielte die Art von Fußball, die auch Jürgen Klinsmann und Joachim Löw vorschwebte. Doch auch deren Zeit sollte erst noch kommen.

Irgendwann verlor Dietmar Hopp jedoch die Geduld mit dem jungen Team. Plötzlich sollte der Erfolg erzwungen werden. Flick musste im November 2005 gehen. Es kam Lorenz-Günter Köster, ein Vertreter der ganz alten Schule. Und der betätigte sich als Abrissbirne all dessen, was Flick aufgebaut hatte: Alternde Stars kamen, junge Talente gingen. Im Sommer 2006 löste Ralf Rangnick Köster ab. Und setze - mit sehr viel mehr Geld - das fort, was Flick aufgebaut hatte.

Flick, der zwischenzeitlich im Trainerstab von Red Bull Salzburg wirkte, wurde hingegen wenig später zum Assistenten von Joachim Löw ernannt. Obwohl er weiß Gott kein Freund übertriebenen Pathos ist, gab er in den anschließenden Interviews zu, dass ihm die Entlassung in Hoffenheim lange zu schaffen gemacht habe, monatelang habe er sich geweigert, Angebote anderer Vereine auch nur zu sondieren. Es würde nicht dem Naturell des heimatverbundenen Nordbadeners entsprechen, ständig den Arbeitgeber zu wechseln. Flick, der in seinem Heimatort ein Sportgeschäft betreibt, wohnt nach wie vor in Bammental. Von dort aus ist man schnell bei Löw in Freiburg und beim DFB in Frankfurt.

Von 1984 bis 1990 spielte Flick bei den Münchner Bayern - selbstredend, nachdem er seine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen hatte. Noch heute spricht Flick mit Rührung in der Stimme von Uli Hoeneß und dessen menschlichen Qualitäten. Verlässlichkeit, Menschlichkeit, solche Tugenden will auch Flick in seiner Arbeit hochhalten. Von 1990 bis 1993 trug Flick das Trikot des 1.FC Köln - in einer Zeit, in der selbst für Kölner Verhältnisse auffallend viel intrigiert wurde und die Mannschaft eine Ansammlung von Individualisten war.

Obwohl sich ein harmoniebedürftiger Mensch wie Flick in einem solchen Umfeld so wohl fühlt wie der Vegetarier im Metzgerladen, zog Flick auch aus dieser Zeit seine Lehren. Nach jeder Trainingseinheit unter seinem damaligen Trainer Morten Olsen machte er sich Notizen. Die blieben ihm, als er 1993 die Sportinvalidität beantragen musste. Zehn Jahre bevor Flick 2003 den Trainerschein erwarb - zusammen mit Thomas Doll schnitt er als Jahrgangsbester ab - fühlte und dachte Flick also bereits wie ein Trainer.

Noch heute nennt Flick Louis van Gaal als Inspirationsquelle. Beim niederländischen Taktikfuchs hospitierte Flick nach seinem Karriereende. Aus dem wissbegierigen jungen Mann wurde zusehends ein moderner Übungsleiter, der sich schon lange vor Klinsmann externe Fachleute heranholte, um "ein paar Prozent mehr herauszukitzeln". Das versucht Flick auch durch eine zielgerichtete Ansprache in den Mannschaftssitzungen. Dann - und wenn er über Fußball sprechen kann - entwickelt Flick eine Leidenschaft, die dem Fernsehzuschauer verborgen bleibt.

Wer Flick in den Halbzeitinterviews beobachtet, sieht hingegen einen zurückhaltenden, fast verschüchtert wirkenden Mann. Den Blick meist ein wenig nach unten gerichtet, ist er erkennbar froh, wenn er der Nation die anstehenden Auswechslungen verkündet hat und zurück auf die Trainerbank kann. An seinem öffentlichen Auftreten muss Flick noch feilen. Da er das selbst weiß, hat er schon lange mit dem Feilen begonnen.

Heute Abend im Viertelfinale gegen Portugal (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) betritt Hansi Flick erstmals die ganz große Bühne. Einen gewissen Dietmar Hopp wird der steile Aufstieg seines einstigen Trainers am wenigsten wundern. Dem Vernehmen nach hat Hopp schon kurz nach Flicks Entlassung seinen Fehler bereut. Als er 2006 Löw und dessen frisch gebackenen Assistenten bei einem DFB-Empfang über den Weg lief, begrüßte er die beiden erfreut - als "den aktuellen und den zukünftigen Bundestrainer."

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