Trainer-Wechsel in München Bayern am Boden - die beste Chance für Hitzfeld

Felix Magath musste gehen bei den Bayern, weil er das Team nicht mehr erreichte. Genauso wenig wie einst sein Vorgänger Ottmar Hitzfeld. Der löst ihn nun wieder ab - und nutzt den idealen Moment, um nach zweieinhalb Jahren Pause als Trainer neu einzusteigen.

Von Klaus Raab, München


Es schien zuletzt so, als ob es Felix Magath zweimal geben würde. Und als ob der eine Magath mit dem anderen nur noch wenig zu tun hätte.

Der eine - das war Felix Magath unmittelbar vor dem Rückrundenstart des FC Bayern München vergangenen Sonnabend in Dortmund: Ein forsch auftretender Mann, der schon mal mit der flachen Hand auf den Tisch haute. Die Mundwinkel waren umweht von einem leicht schelmischen Zug, und alle offenen Fragen fegte er so locker weg, als gäbe es gar keine.

Umbruch im Kader? "Wir sind im Umbruch. Das ist nicht schwierig. Das ist schön!" Abstimmungsschwierigkeiten in der Abwehr? "Wir sind auf dem Weg, kompakter zu werden, wir haben viel mehr Harmonie in der Mannschaft." Schwierige Rückrunde? "Wir freuen uns wieder auf Bundesligapunkte, die wir in Massen mitnehmen wollen." Dann ließen die Bayern die ersten drei Punkte in Dortmund gleich liegen.

Der zweite Magath zeigte sich in den Tagen nach dem Dortmund-Spiel. Es handelte sich um einen schwer angefressen wirkenden Mann, der dermaßen angespannt wirkte, wie man es sonst nur von seinem Vorgänger Ottmar Hitzfeld kannte. Dieser Magath verhaspelte sich in Schachtelsätzen und maulte über alle, die seinen Kader in Frage stellten: "Es kann mir keiner erzählen, dass, egal wer vorne, in der Mitte oder hinten spielt, wir nicht in der Lage sein sollen, den VfL Bochum zu schlagen", sagte er. Dann war der FC Bayern München nicht in der Lage, den VfL Bochum zu schlagen. Magath aber sprach nach dem Spiel unbeirrt von einem "Schritt nach vorne". Den hatte aber nur er gesehen.

19 Stunden später verließ Felix Magath die Geschäftsstelle des FC Bayern München als ehemaliger Trainer. Magaths Vorgänger Ottmar Hitzfeld sitzt am Freitag beim Punktspiel in Nürnberg erstmals nach zweieinhalb Jahren Fußballpause wieder auf der Trainerbank. Die Entscheidung war in der Nacht gefallen, und sie kam durchaus überraschend. Mark van Bommel, der zu Magaths wichtigsten Spielern gehörte, beantwortete die Trainerfrage noch drei Stunden bevor der Wechsel bekannt wurde, so: "Das ist keine Frage für uns. Wir spielen auch nicht für den Trainer. Wir spielen mit dem Trainer." Van Bommel hatte am Vorabend gegen Bochum eine große Chance freistehend vor dem Torwart vergeben. Nun sagte er: "Ich habe mich geärgert und schlecht geschlafen. Wenn der reingeht, gewinnen wir das Spiel locker." Und der Trainer darf bleiben. Van Bommel haderte mit "solchen Kleinigkeiten", an denen ein Spiel, Erfolg oder Misserfolg hängen.

Am Ende waren es aber gerade nicht Kleinigkeiten, sondern das große Ganze, das den Bayern-Verantwortlichen missfiel. Von Ottmar Hitzfeld hatte sich der FC Bayern 2004 aus ähnlichen Gründen getrennt wie nun von Magath: Der Trainer erreichte die Mannschaft nach vielen Erfolgen nicht mehr. Mit Hitzfeld gewannen die Münchner vier Deutsche Meisterschaften und zum einzigen Mal die Champions League. Mit Magath gewannen sie als erste deutsche Mannschaft zweimal in Folge das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal. Solche Erfolge schmücken zwar für immer den Briefkopf, sind aber in Wahrheit so vergänglich wie eine Schnittblume ohne Wasser.

Im Fall von Magath galten sie nichts mehr, als die Gefahr wuchs, das Mindestziel der Saison zu verpassen. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ließ staatsmännisch mitteilen: "Die Sorge um die Qualifikation für die Uefa-Champions-League in der kommenden Saison hat uns zur heutigen Entscheidung veranlasst." Es war nicht die Tatsache, dass der FC Bayern in zwei Rückrundenspielen nur einen Punkt geholt hatte. Es war die Tatsache, dass nichts besser zu werden schien, obwohl nach dem weihnachtlichen Trainingslager in Dubai alles besser werden solte.

Das hatte der Coach selbst schnell erkannt. Während des Spiels in Dortmund gab der sonst scheinbar unbeteiligt auf der Bank sitzende Magath Hasan Salihamidzic schimpfend und fuchtelnd Anweisungen. Der Trainer wirkte erschrocken, der Spieler auch. Es war der Beginn von Magaths Ende. Er hatte nach der Vorbereitung gesagt: "Wir haben eine schwächere Vorrunde gespielt, das wissen wir. Aber jetzt – es läuft ganz anders, wir haben eine gute Verfassung"“ In Dortmund wurde klar, dass er sich getäuscht hatte. Der sonst so kontrollierte Trainer drohte die Kontrolle zu verlieren. Auch über sich selbst.

Die Bayern hatten ihn verändert. Er war am Ende nicht einmal mehr "Quälix", als der er immer gegolten hatte: der harte Hund, der zuerst die Kondition und erst dann die Ballbehandlung trainieren ließ. Stürmer Roy Makaay beschrieb das Trainingslager in Dubai so: "Bei fast allen Übungen, sogar beim Zirkeltraining, war der Fußball im Einsatz – das gefällt uns Spielern natürlich besser, als wenn wir die Kugel nur aus der Ferne sehen."

Einmal sagte Magath, der bei anderen Vereinen den Spielern gerne Tipps gab: Er könne jemandem wie Oliver Kahn keine Ratschläge geben. Er hatte sich - zumindest in dieser Hinsicht - dem FC Bayern gebeugt. Nur machte er keinen Unterschied zwischen einem alten Star wie Kahn und einem jungen Star wie Lukas Podolski. Der 21-Jährige, der sich bislang in München nicht durchsetzen konnte, beklagte in einem Interview, der Trainer rede nicht besonders viel mit ihm. Am Ende wurde Magath diese Distanz – zu sich selbst, seinem eigenen Stil und zur Mannschaft – als Führungsschwäche ausgelegt.

Bayern-Coach Hitzfeld: Optimale Ausgangslage
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Bayern-Coach Hitzfeld: Optimale Ausgangslage

Jetzt kommt ausgerechnet Hitzfeld zurück. Ob der viel mit Podolski reden wird? Zuletzt hatte er für den Fernsehsender Premiere gearbeitet, hatte ein Angebot aus Dortmund mit der Begründung abgelehnt, er wolle sich auf seine Arbeit beim Fernsehen konzentrieren. Dem bloßen Gerücht, er sei als Trainer in Hamburg im Gespräch, ließ er die Antwort folgen lassen, er sei nicht interessiert. Dass während seiner Auszeit zwischen 2004 und 2007 der Kontakt zum FC Bayern nie abriss, ist bekannt.

Und Bayern hat gegenüber Dortmund und Hamburg einen großen Vorteil. Bayern liegt gerade am Boden, kann aber noch aufgerichtet werden. Hitzfeld ist nur bis Saisonende Trainer, und er kann kaum etwas verlieren. Holt er einen Titel, ist es sein Verdienst. Holt er keinen, war halt nichts mehr zu retten. Es ist für ihn ein perfekter Moment, um wieder als Trainer zu arbeiten. Vielleicht lächelt er einen Moment lang über diese eigenartige Fügung.



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