Transfer-Wirrwarr Alles im Fluss

Hektik bei den Clubs, gestern um 24 Uhr endete die Transferperiode. Von wegen das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss. Das der Fußballer zumindest entspricht einem reißenden Strom. Zuweilen werden Spieler mitgerissen und an fernen Gestaden angespült.

Von Ulf Geyersbach


Tagelang ging es hin und her. Wohin wechselt der beim FC Schalke 04 nicht mehr wohlgelittene Mesut Özil? Zieht es das 19-Jährige Mittelfeldtalent an die Leine (Hannover 96), den Neckar (VfB Stuttgart) oder die Weser (Werder Bremen)? Inzwischen ist es klar: Özil wird künftig für den Club von der Weser auflaufen. Eine erstklassige Adresse für den jungen Kicker. Denn im Fußballdeutschen entgehen nicht einmal die Flüsse dem Schicksal, in Flüsse erster und zweiter Klasse eingeteilt zu werden. Die Weser ist in aller Munde, auch die Spree ("Schweizer Meistertrainer wechselt an die Spree"), gelegentlich die Isar oder die Leine, aber Emscher (Dortmund) und Rhein-Herne-Kanal (Schalke) werden, man muss es drastisch formulieren: totgeschwiegen. Oder haben Sie je den schönen Satz gehört: "Stürmer Kevin Kuranyi wechselt an den Rhein-Herne-Kanal." Oder etwa: "Mesut Özil verlässt den Club vom Rhein-Herne-Kanal"? Eben.

Wer die Fußballpresse verfolgt, wird in Geografie nicht zu schlagen sein - von der Spree über die Isar bis an die Weser. Wobei man sich gelegentlich fragt, warum der von Bremen eingekaufte Angreifer Boubacar Sanogo "an die Weser" wechselt, der rumänische Nationalstürmer Ciprian Marica womöglich "an den Neckar", hingegen nie ein Talent "an den Rhein" gezogen wurde. Oder ist.

Dabei steht der Rhein zweifelsfrei an erster Stelle dieser Flüsseklassengesellschaft. Er ragt so flutlichtmasthoch hinaus aus den anderen Rinnsalen, dass er es sich leisten kann, nicht erwähnt zu werden. Was daran liegt, daß mit Leverkusen, Köln, Koblenz, Wehen Wiesbaden, Duisburg, Mainz und Karlsruhe derzeit acht Erst- oder Zweitligavereine am Rhein liegen, dass mithin der Satz: "Mittelfeldspieler Ricardo Faty unterschreibt am Rhein" zu recht lautet: "Mittelfeldspieler Ricardo Faty unterschreibt bei Bayer." Oder beim Werksclub – aber das ist ein anderes Thema.

Ein sehr prominenter Nebenfluss des Rheins ist bekanntlich der Main, ein vielfach besungenes Gewässer, das Offenbach und Frankfurt durchzieht, womit wir den wunderbaren Transfersatz bilden wollen: "Aaron Galindo, der 13-fache mexikanische Nationalspieler, wechselt von der Limat an den Main". Neben Rhein und Main mit mehreren Vereinen fußballflusstechnisch vertreten ist die Spree (Berlin und Cottbus), was übersieht, wer formuliert: "Brasilianer Ailton liebäugelt mit Engagement an der Spree". Richtiger wäre der Hinweis auf die Havel, denn wie viele andere Bundesligastädte ist Berlin bi-fluvial. Also zweiflüssig.

Nürnberg liegt nahe der Regnitz und an der Pegnitz (Greuther Fürth liegt da, wo Pegnitz und Rednitz die Regnitz bilden). Doch nie war zu lesen, dass der Slowake Marek Mintal "an die Pegnitz" gewechselt ist (damals von MŠK Žilina kommend). Bochum? Fehlanzeige! Dortmund, mit hundert zugedrückten Augen könnte man der Welt künden: "Der BVB holt Innenverteidiger Robert Kovac an die Emscher." Bielefeld, Fehlanzeige. Duisburg: die Ruhr (man verzichtet dankend).

Gesegnet in Sachen Wasser ist die niederrheinische Ballmetropole Mönchengladbach, die neben der Niers und der in Wegeberg entspringenden Schwalm über ein namensprägendes Wasser verfügt: den Gladbach – an welchen weder die früheren Nationalspieler Jupp Heynckes, noch Günther Netzer, noch Hans-Hubert Vogts wechseln durften. Ebenso namensprägend wie unterirdisch fließt die Lauter durch Kaiserslautern, ohne dass vermeldet wurde: "Schwede Björn Runström geht an die Lauter".

Neben Mönchengladbach kann sich Augsburg eines Dreiflüsse-Prestiges erfreuen, und mit sofortiger Wirkung wechselt demnach "Vaclav Drobny, der 27-jährige Abwehrspieler, vom tschechischen Double-Gewinner Sparta Prag an den Lech", wie der FC Augsburg vermeldet. Wohlgemerkt: an 'den' Lech, nicht an 'die' Lech. Und auch nicht an die Wertach oder Singold, die verschwiegenen Augsburger Zweit- und Drittflüsse. Ebenso stand nie zu lesen, ein Spieler wechsele an die Pader, ein nur vier Kilometer langer Fluss, der einem traditionsreichen Zweitligaverein seinen Namen leiht: Paderborn.

Noch weniger als von der Pader stand von der Hase zu lesen, einem Fluß, der Osnabrück durchzieht: "Abwehrspieler Uwe Ehlers wechselt mit sofortiger Wirkung von der Schwarzwasser an die Hase", schien keine passende Schlagzeile zu sein. Vielleicht fände eine Rückkehr Uwe Ehlers' nach Rostock Erwähnung, wo er fünf Jahre in der Bundesliga aktiv war. "Ehlers spielt wieder an der Warnow", könnte man lesen. Doch wahrscheinlicher wäre: "Ehlers kehrt zurück an die Ostsee."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.