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Transfermodelle im Profifußball Zum Leihen zu viel, zum Kaufen zu wenig

Am Dienstag schließt der Transfermarkt in der Bundesliga. Die Wechselgeschäfte werden immer komplizierter, viele Clubs überbrücken finanzielle Engpässe mit abenteuerlichen Finanzierungsmethoden. BVB-Geschäftsführer Watzke bezweifelt die Nachhaltigkeit solcher Modelle.
Von Benjamin Reister

Frank Arnesen ist angekommen in Hamburg. Zumindest tritt der dänische Sportdirektor des Hamburger SV meist hanseatisch gelassen auf. Um so mehr überraschte die Vehemenz, mit der Arnesen in der am Dienstag endenden Transferperiode Angebote für seinen Angreifer Gökhan Töre zurückwies. "Es gibt keine Schmerzgrenze", ließ Arnesen die Interessenten wissen. Soll heißen: Kein Angebot könnte die Hamburger reizen.

Arnesens harte Haltung im Fall Töre beruht nicht allein auf der guten sportlichen Entwicklung des 19 Jahre alten Tempodribblers, der sich in der Hinrunde mit sechs Torvorlagen zu einem Leistungsträger entwickelte. Vielmehr weiß der Däne, dass sich ein Verkauf des türkischen Nationalspielers, der vor Saisonbeginn für 1,3 Millionen Euro vom FC Chelsea gekommen war, für den HSV nicht rechnen würde. Zwar ist Töres Marktwert mittlerweile auf vier bis fünf Millionen Euro angestiegen, aber die Hamburger würden bei einer Abgabe des Stürmers von dessen Wertsteigerung nicht profitieren.

Der HSV hat seinen Großeinkauf beim FC Chelsea, von dem neben Töre auch Spieler wie Michael Mancienne, Jeffrey Bruma, und Slobodan Rajkovic kamen, nämlich nicht nur mit Geld, sondern zusätzlich über einige Zugeständnisse an die Londoner realisiert. Die "Blues" sind bis zum Vertragsende 2014 zu 50 Prozent an einem möglichen Transfererlös Töres beteiligt, bestätigte Arnesen. Die Verkaufsbeteiligung im Fall Töre ist nur eine von vielen zusätzlichen Klauseln wie Rückholoptionen oder Erfolgsprämien, die mittlerweile bei Transfergeschäften insbesondere im Fußball eine Rolle spielen.

Kompromisse statt Schnäppchen

Diese Entwicklung zeigt, dass das früher "so einfache Modell Ablösesumme gegen Spieler immer mehr von viel komplexeren Konstruktionen abgelöst wird", sagt Wolf Werner, Manager von Zweitliga-Tabellenführer Fortuna Düsseldorf, SPIEGEL ONLINE. Bei genauerem Hinsehen werden vermeintliche Schnäppchen auf dem Transfermarkt oft als große Kompromisse entlarvt, bei denen die Grenze zwischen Leih- und Kaufgeschäften zunehmend verschwimmt.

Nach Einschätzung von Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke liegt der Grund für diese Entwicklung auch in der Misswirtschaft einiger seiner Kollegen: "Immer mehr Clubs sind aus wirtschaftlichen Gründen nicht in der Lage, Transfers komplett selbst zu finanzieren und müssen sich deshalb auf solche Dinge einlassen." Nur so könnten sie auf dem hart umkämpften internationalen Transfermarkt überhaupt wettbewerbsfähig bleiben. Misswirtschaft war auch in Dortmund lange an der Tagesordnung. Mittlerweile kann sich der Club allerdings wieder Topstars - wie zuletzt den Gladbacher Marco Reus - leisten.

Mit einem kleinen Unterschied: Reus hatte eine festgeschriebene Ablöse. Bei den neuen Modellen geht es dagegen meist darum, dass der abgebende Verein weiterhin Rechte an dem Spieler hält. "Es werden neue Möglichkeiten gesucht, nach dem Verkauf eines Spielers aus dessen Entwicklung noch Ablösesummen generieren zu können", sagt Werner.

Vor allem der HSV, mit einem Minus von 4,87 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2010/2011, hat diese Möglichkeiten für sich entdeckt. So auch im Fall des Abwehrspielers Rajkovic, der vor dieser Saison für zwei Millionen Euro zum HSV gewechselt war, und für die gleiche Summe vom FC Chelsea wieder zurück transferiert werden kann. Der HSV minimiert durch die eingeräumte Rückholoption das Risiko, beim Kauf des erst 22-jährigen Serben mehrere Millionen Euro in den Sand zu setzen.

Eine Lehre, die der Bundesligist auch aus der Verpflichtung des 10-Millionen-Euro-Flops Markus Berg gezogen haben dürfte. Zumal Deals wie mit dem Investor Klaus-Michael Kühne, der nach wie vor an einigen HSV-Stars beteiligt ist, nicht beliebig oft wiederholbar sind.

BVB vermeidet Zugeständnisse

Vor allem die Risikominimierung zeige, dass derartige Kompromisse "nicht von Grund auf schlecht sein müssen", sagt Watzke. Zunächst einmal ist es ein Geschäft, das sich für alle Beteiligten lohnen kann. So habe beispielsweise der 1. FSV Mainz erst durch die Ausleihe von Lewis Holtby und die starke vergangene Saison des Mittelfeldspielers die Möglichkeit bekommen, weitere Einnahmen aus dem internationalen Wettbewerb zu generieren. Vereine mit begrenzten finanziellen Mitteln können sich durch kreative Vertragsmodelle von Konkurrenten abheben und für gewisse Zeit Spieler an sich binden, die man im finanziellen Wettbieten mit anderen Clubs nicht bekommen hätte.

Vor allem Ablösesummen können durch diese Art der Gegengeschäfte deutlich gedrückt werden. Dazu dient insbesondere auch das Modell der Erfolgsprämien, das beispielsweise im Fall Manuel Neuer verwendet wird. So soll der FC Bayern München nach übereinstimmenden Medienberichten für die Dienste des Nationaltorwartes eine Grundsumme von 18 Millionen Euro an den FC Schalke 04 bezahlt haben, die sich jedoch bei Erfolgen in Meisterschaft und Champions League um weitere sieben Millionen Euro erhöhen könnte.

Erfolgsabhängige Nachzahlungen sind mittlerweile eine "gängige Variante" im Transfergeschäft, bei denen es neben Titeln noch zahlreiche weitere Variablen wie Länderspieleinsätze und Torerfolge gäbe, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV). Auch dieses Modell dient der Risikostreuung, da sportliche Erfolge höhere Ablösesummen später amortisieren könnten.

Beim Transfer vom Marco Reus von Borussia Mönchengladbach zum BVB beschränkte sich das Geschäft noch recht altmodisch auf eine festgeschriebene Ablösesumme von 17,1 Millionen Euro. Doch auch abseits dessen hält BVB-Geschäftsführer Watzke nicht viel von Zugeständnissen in Transfergeschäften. Zwar gäbe es Situation, in denen ein Verein an derartigen Kompromissen nicht vorbeikomme, empfehlenswert seien sie jedoch nicht. "Wir wollen langfristig mit jungen Spielern zusammenarbeiten und eines Tages auch die Früchte unserer Arbeit vollumfänglich ernten", so Watzke. Diese Einstellung unterscheidet ihn deutlich von seinem Kollegen Frank Arnesen.

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