Transferstreit "EU-Vorschlag ist abwegig"

Der Hamburger Sportrecht-Experte Stefan Engelhardt äußert sich im Interview mit SPIEGEL ONLINE über die arbeitsrechtlichen Hintergründe des Konflikts zwischen der EU und den europäischen Fußballclubs.

Von Clemens Gerlach


Im Fußballgeschäft geht es um Millionen
DER SPIEGEL

Im Fußballgeschäft geht es um Millionen

SPIEGEL ONLINE:

Die EU erwägt, Fußballprofis ein einseitiges Kündigungsrecht einzuräumen. Was halten Sie als Jurist davon?

Stefan Engelhardt: Den jetzigen Vorschlag der EU-Kommission mit befristeten Verträgen, die der Spieler kündigen kann, halte ich für abwegig. Es kann nicht sein, dass ein Spieler trotz eines Vertrages, der ihn an einen Verein bindet, wechseln darf, wie es ihm gefällt.

SPIEGEL ONLINE: Vereinsvertreter wie Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern München haben schon angekündigt, im Zweifelsfall klagen zu wollen.

Engelhardt: Aus Sicht der Vereine kann ich das verstehen, die wollen Planungssicherheit. Andererseits wäre es auch an der Zeit, einmal genau zu klären, welchen Status Spieler haben sollen. Erst der Bosman-Fall hat ja einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass Fußballer Arbeitnehmer sind, die Rechte haben, die auch durchgeboxt werden können.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht absurd, eine Fleischereifachverkäuferin und einen Fußballmillionär in einen Topf zu werfen?

Engelhardt: Nach geltendem Recht ist ein Fußballprofi definitiv Arbeitnehmer, weil er beispielsweise weisungsgebunden ist. Wenn Anthony Yeboah am Sonnabend um 15.30 Uhr im Volksparkstadion am Mittelkreis stehen muss, kann er nicht sagen: Ich sehe mich als freier Mitarbeiter und trete jetzt lieber im Weserstadion an. Arbeitnehmer ist Arbeitnehmer - und für den gilt das Kündigungsschutzgesetz und in Deutschland das Bürgerliche Gesetzbuch. Klar, da passt vieles nicht mehr, was den heutigen Profifußball angeht.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie konkret?

Engelhardt: Nach der bestehenden Rechtssprechung ist ein Fußballer ein Arbeitnehmer, der mehr Rechte hat als Pflichten. Der Verein hat kaum Sanktionsmöglichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch Geldstrafen, etwa wenn ein Spieler verspätet aus dem Urlaub kommt.

Engelhardt: Die kratzen Spieler nicht, sie verdienen genug. Eine Abmahnung bringt dem Verein auch nichts, es sei denn, er will den Spieler loswerden. Wenn man jemandem zwei, drei Abmahnungen erteilt, muss auch mal die Kündigung kommen, sonst macht man sich lächerlich. Mit der fristlosen Kündigung ist das Arbeitsverhältnis jedoch beendet - und der Spieler kann ablösefrei gehen.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor, um aus dem Dilemma rauszukommen?

Engelhardt: Fußballer als freischaffende Unternehmer zu sehen ist der richtigere Ansatz. Es muss eine Art besonderes Arbeitsrecht für Profifußballer geben. Am besten wäre ein Sportgesetzbuch, das das Verhältnis des Sportlers zu Verband und Verein regelt. Die EU muss eine Regelung verabschieden, aber wie das geschehen soll, ist mir noch ein Rätsel. Klar ist nur eines: Einen deutschen Sonderweg kann es nicht geben, da steht das EU-Recht drüber.

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