Trauerfeier in Hannover Zehntausende Fans nehmen Abschied von Enke

Es ist eine der größten Trauerfeiern der deutschen Nachkriegsgeschichte. Fans und Freunde wollen am Vormittag in Hannover vom verstorbenen Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke Abschied nehmen. Unter den Gästen sind auch die komplette DFB-Elf, Delegationen aller 18 Bundesliga-Clubs und ehemalige Fußballgrößen.


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Trauerfeier von Robert Enke: Aufgebahrt in der Arena
Hannover - Rudi Völler kommt, Franz Beckenbauer, Jürgen Klinsmann, Jogi Löw und auch sein komplettes Team, die Mannschaft von Hannover 96, Vertreter der Vereine Barcelona und Benfica und Tausende treuer Fans von Robert Enke.

Sein Verein Hannover 96 hat "trotz einer inneren Lähmung" mit Unterstützung der Polizei innerhalb von vier Tagen eine in der deutschen Sport-Historie einmalige Trauerfeier organisiert. Die Zeremonie wird um 11 Uhr beginnen. Das Stadion hat bereits um 8.30 Uhr seine Tore geöffnet, der Eintritt ist frei. Die trauernden Menschen, die teilweise zwei Stunden auf den Einlass gewartet hatten, nahmen zügig, aber ohne Hektik und in angemessener Form ihre Plätze ein.

Um die Wartezeit zu überbrücken, ertönte aus Lautsprechern rund um das Stadion Musik. Unter anderem wurden die Lieder "Time to say Goodbye" und "Candle in the Wind" gespielt. Wer keinen Platz mehr findet - die Kapazität im Stadion ist auf 45.000 Besucher begrenzt - kann die Zeremonie zum Andenken an den beliebten Torwart von Hannover 96 und der Nationalmannschaft auf einer 50 Quadratmeter großen Leinwand vor der AWD-Arena verfolgen.

"Es war der Wunsch von Teresa Enke, dass sich die vielen Fans in einem adäquaten Rahmen von Robert verabschieden können. Das wäre auf einem kleinen Friedhof nicht möglich gewesen. Mit so einem großen Echo hatten wir allerdings nicht gerechnet. Wir hoffen, dass der Rahmen dennoch würdig bleibt", erklärte 96-Pressechef Andreas Kuhnt . Wer nicht vor Ort sein kann, wird die Zeremonie im Fernsehen verfolgen können. ARD, NDR, DSF, N24 und n-tv wollen live übertragen. Enkes Sarg wird im Stadion aufgebahrt.

Der katholische Pfarrer Heinrich Plochg spricht während der Trauerfeier die Andacht. Er hatte die Familie Enke bereits nach dem Tod ihrer Tochter Lara betreut. Trauerredner sind unter anderen der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, DFB-Präsident Theo Zwanziger und 96-Präsident Martin Kind. Auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff, DFL-Präsident Reinhard Rauball und ehemalige Nationalspieler wie Jens Lehmann oder Christoph Metzelder haben ihr Erscheinen angekündigt. Der deutsche Meister VfL Wolfsburg reist mit dem Bus ins benachbarte Hannover. Aus dem Ausland haben sich Vertreter von Enkes früheren Clubs Benfica Lissabon und FC Barcelona angesagt. Auch Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière und der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder stehen auf der Gästeliste.

Nach der Trauerfeier soll der Torhüter auf den Friedhof im Neustädter Ortsteil Empede im engsten Familienkreis neben seiner Tochter Lara beigesetzt werden. Sie war 2006 im Alter von zwei Jahren wegen eines angeborenen Herzfehlers gestorben.

Hannover 96 rief die Fans auf, nicht dem Trauerzug nach Neustadt zu folgen. Die private Beisetzung sei Teresa Enkes ausdrücklicher Wunsch gewesen. "Bei aller verständlichen Trauer appellieren wir an die Fans, diesen Wunsch zu respektieren", hieß es.

Angebotene Gespräche verweigert

Enke hatte sich am Dienstag vor einen Zug geworfen. Ängste haben nach Ansicht von Robert Enkes Vater die Depression ausgelöst. "Ich bin der Meinung, dass das keine von innen entstandene, angelegte Krankheit gewesen sein kann, sondern eine, die aus den Lebensumständen heraus entstanden ist", sagte Dirk Enke, selbst promovierter Psychotherapeut aus Jena, dem SPIEGEL. "Eine ganz große Rolle hat die Angst gespielt." Enke litt nach Worten seines Vaters bereits seit dem Jugendalter unter Versagensängsten. "Er war in den eigenen Ansprüchen gefangen", sagte Dirk Enke.

Nach den Worten des Vaters hat die Depression die Arbeit des Sohnes als Profifußballer stark beeinträchtigt: "In kritischen Phasen hatte Robert Angst, dass ein Ball auf sein Tor geschossen würde. Er hatte Anfälle, wollte nicht zum Training, konnte sich nicht vorstellen, im Tor zu stehen." Der Sohn sei so verzweifelt gewesen, einmal habe er gefragt: "Sag mal, Papa, nimmst du mir das übel, wenn ich mit dem Fußball aufhöre? Ich sagte: Robert, das ist doch nicht das Wichtigste, um Gottes willen."

Noch eineinhalb Wochen vor dem Selbstmord kam Dirk Enke nach eigenen Worten in Hannover vorbei, um über den Zustand seines Sohnes zu reden, doch erneut habe dieser das Gespräch verweigert. Auch der Vater habe sich für eine stationäre Behandlung seines Sohnes ausgesprochen. "Er war immer mal wieder kurz vor diesem Schritt, sich einweisen zu lassen, dann sagte er wieder: Wenn ich in der psychiatrischen Klinik behandelt werde, dann ist es aus mit meinem Fußball. Das ist das Einzige, was ich kann und will und gerne mache."

Der Tod der herzkranken Tochter Lara habe den Sohn noch stärker belastet, als bislang zu erkennen sei, berichtete der Vater: "Nach der Gehöroperation kam Robert vom Spiel, fuhr in die Klinik, schläft abends neben der Kleinen alleine ein." Am nächsten Morgen sei er von den Krankenschwestern wachgeworden, die das Kleinkind hätten wiederbeleben wollen. "Was ihm zuerst durch den Kopf ging, war: Ich hab das nicht mitgekriegt, ich bin daran schuld."

Lienen: "Eine sympathische und starke Persönlichkeit"

Laut Jörg Neblung, langjähriger Freund und Berater von Robert Enke, sei der achtmalige Nationalspieler "vor acht Wochen bei der Nationalmannschaft wieder in einen Strudel gekommen". Dies sei nach einem tollen ersten Halbjahr 2009 umso überraschender gewesen, erklärte Neblung im "Bild"-Interview. "Er hatte morgens wieder ähnliche Symptome wie in Barcelona: Angst vorm Aufstehen, Versagensängste, Panik - das potenzierte sich. Dann haben wir die Therapie wieder aufgenommen", berichtete Neblung. Aber auch die Behandlung durch den Kölner Arzt Valentin Markser konnte den Suizid nicht verhindern.

Der frühere 96-Trainer Ewald Lienen (derzeit 1860 München), der den Keeper 2004 nach Deutschland zurückgeholt hatte, erinnerte an Hannovers Sportidol. "Wir wussten, dass wir einen Sechser im Lotto gezogen hatten. Robert war nicht nur der beste Torwart, mit dem ich als Trainer jemals arbeiten durfte. Er war auch eine sympathische und starke Persönlichkeit. Das hat man in jedem Training und in jedem Gespräch gespürt", sagte Lienen der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Die "HAZ" und die "Neue Presse" aus Hannover erinnerten am Samstag in einer achtseitigen Sonderbeilage mit insgesamt 228 Todesanzeigen an Robert Enke. Mehr als 200 Fußballfans drückten in liebevollen und berührenden Kleinanzeigen ihre Trauer über den Tod des Profis aus. Größere Anzeigen schalteten unter anderem Hannover 96, der DFB, die DFL, Vereine wie Werder Bremen und die örtlichen Eishockey-Clubs Hannover Scorpions und Hannover Indians sowie mehrere Wirtschaftsunternehmen aus der Region Hannover.

rüd/dpa/AP/AFP

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boo79 11.11.2009
1.
R.I.P. Robert Enke
Gebetsmühle 11.11.2009
2.
Zitat von sysopEr war ein großartiger Fußballer und ein sensibler Charakter. Robert Enkes Karriere verlief extrem wechselhaft. Nun hat er sich das Leben genommen. Wie behalten Sie Robert Enke in Erinnerung? Wie sehen Sie seinen tragischen Tod?
man kann nur hoffen, dass er jetzt gefunden hat, was er suchte. in erinnerung werden vor allem seine glanztaten und erfolge bleiben.
peterlustig2 11.11.2009
3. ...
Menschlich bestimmt eine Tragödie! Gesellschaftlich vielleicht ein "Glücksfall". Es besteht nämlich die Chance, daß Depressionen und Angstzustände endlich als Krankheiten anerkannt werden, die jeden treffen können und die behandelt werden müssen und die auch nicht tabuisiert werden dürfen! Ganz besonders wichtig ist auch, daß die Krankenkassen endlich mehr Psychiater und Psychologen zulassen. Momentan sind Wartezeiten von drei Monaten und mehr die Regel, bzw. Kassenpatienten werden gleich ganz abgewiesen.
krafts 11.11.2009
4.
Zitat von sysopEr war ein großartiger Fußballer und ein sensibler Charakter. Robert Enkes Karriere verlief extrem wechselhaft. Nun hat er sich das Leben genommen. Wie behalten Sie Robert Enke in Erinnerung? Wie sehen Sie seinen tragischen Tod?
Ich behalte ihn in Erinnerung als hervorragenden Torhüter, der auf jeden Fall ein Kandidat für die Auswahl 2010 gewesen wäre, vielleicht sogar die erste Wahl, wenn er nicht ein bisschen Pech mit Verletzungen und Erkrankungen gehabt hatte. Ich kann mich auch an keine Eskapaden erinnern, war für einen Torhüter nach außen sehr ruhig und gelassen, was ihm von manchen auch den Vorwurf der Langeweile eingebracht hat. Wahrscheinlich ein sensibler Typ, der hauptsächlich durch Leistung auffallen wollte und aufgefallen ist.
daggiwolti 11.11.2009
5. Tod von Robert Enke
Wenn ein Mensch seinem Leben ein Ende setzt und sich seinen Mitmenschen entzieht dann fragen wir warum. Solange der Mensch da ist fragen wir meist nicht nach ihm. Plakatives ist von sensiblen Menschen schwer auszuhalten und die zunehmende Oberflächlichkeit unserer Ellenbogenesellschaft lässt viele zerbrechen. Fragen wir nicht nach dem warum sondern nach dem wozu und lernen für uns bei den Lebenden öfter mal nachzufragen.
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