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Traum-Kick gegen Niederlande Die gefühlten Europameister

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat gegen die Niederlande eine Galavorstellung abgeliefert, selbst das kritische Hamburger Publikum stimmte im Stadion Jubelgesänge an. Der Gegner ernannte das DFB-Team denn auch gleich zum Top-Favoriten für die Europameisterschaft im kommenden Jahr.

Die Hamburger Zuschauer gelten als das schwierigste Fußball-Publikum in Deutschland: überkritisch, schlecht gelaunt, schnell unzufrieden. Als die Nationalelf zuletzt 2009 in Hamburg gastierte (1:1 gegen Finnland), fingen die Leute bereits nach zehn Minuten an zu pfeifen. Es muss schon viel passieren, um dieses Publikum zu begeistern.

Nach 70 Minuten im Spiel der DFB-Elf gegen die Niederlande sang das gesamte Stadion "Oh, wie ist das schön", und man meinte zu beobachten, dass auch ein paar der niederländischen Zuschauer dazu die Lippen bewegten.

Das 3:0 der deutschen Nationalmannschaft über den über Jahre so bewunderten Zweiten der Fifa-Weltrangliste  ließ keinen Platz mehr für Kritik, für Skepsis und Übellaunigkeit. Es war wieder einmal ein Fußballfest, das die Elf von Bundestrainer Joachim Löw feierte. Mit jeder neuen Gala dieser Mannschaft wächst die Vorfreude auf die Europameisterschaft im kommenden Jahr.

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Testspiel-Erfolg: DFB-Gala gegen die Niederlande

Foto: FABIAN BIMMER/ REUTERS

Die Euphorie um die Fähigkeiten dieses Teams erfasst dann selbst jene, die am Dienstag darunter leiden mussten. "Die Deutschen haben zurzeit viel mehr Potential als wir", musste Oranje-Trainer Bert van Marwijk mehr oder weniger achselzuckend zugeben und kürte die Löw-Elf noch am Abend zu "einem der Top-Favoriten für die EM".

Dass das deutsche Team seine Qualitäten darin habe, schnell von der Abwehr in den Angriff umzuschalten, das habe man ja immer schon gewusst, so der unterlegene Trainer: "Aber jetzt können sie auch noch Fußball spielen."

Tatsächlich fehlten den Niederländern einige ihrer besten Offensivkräfte mit Arjen Robben, Rafael van der Vaart und Robin van Persie, um die Partie zu einem echten Härtetest mit Signalcharakter für die EM aufzuwerten. Aber auch Deutschland spielte ohne den verletzten Bastian Schweinsteiger und den pausierenden Kapitän Philipp Lahm. Torjäger Mario Gomez saß zudem 90 Minuten nur auf der Bank und durfte sich ausruhen. Aber auch ohne diese drei Leistungsträger "hatten wir die Partie zumindest in der zweiten Hälfte locker im Griff", wie Thomas Müller, der Torschütze zur Führung, feststellte, ohne dabei auch nur eine Spur überheblich zu wirken.

Müller war wie der offenbar ewig junge Miroslav Klose an allen drei deutschen Toren beteiligt. Das erste schoss er nach einem klugen Ableger von Klose selbst, danach teilte er sich die Vorarbeit mit dem Angreifer von Lazio Rom und dem dritten überragenden Offensivspieler auf dem Feld, Mesut Özil. Gegen dieses Trio fand die niederländische Defensive zu keiner Zeit ein Mittel - "die Holländer waren hinten überfordert", stellte Löw lakonisch fest.

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DFB-Einzelkritik: Ein überragendes Quintett

Foto: Getty Images

Von einer deutschen Mannschaft überforderte Niederländer - wann hatte es das zuletzt gegeben? Nicht einmal von den zwei großen Siegen der Vergangenheit, beim WM-Endspielerfolg 1974 und beim WM-Achtelfinaltriumph 1990 hätte man so etwas behaupten können. "Holland hat uns jahrelang fußballerisch dominiert", sagt Löw, jetzt ist es anders herum. Alle drei Treffer waren "überragend herausgespielt" (Löw), und Müller wusste anschließend "gar nicht mehr zu sagen, welches Tor am Ende das schönste war". Produkte fließender Kombinationen, zentimetergenauen Passspiels und eines geradezu blinden Verständnisses.

Nur die Abwehr zeigt noch ein paar Schwächen

Sicherlich: Das Spiel hätte anders laufen können, wenn der niederländische Torjäger Klaas-Jan Huntelaar nach vier Minuten einen Fehler von Abwehrchef Per Mertesacker ausgenutzt hätte. Aber der Schalker schoss den Ball am langen Eck vorbei. Es blieb die einzige klare Torgelegenheit des Oranje-Teams im gesamten Spiel.

Ein wie zuletzt schon mehrfach unsicher wirkender Mertesacker, zwei Außenverteidiger, Dennis Aogo und Jérôme Boateng, die keine übermäßige Strahlkraft nach vorn besitzen - wenn man partout etwas zu kritisieren suchte, wäre man in der Abwehrformation noch fündig geworden. Aber man müsste dafür schon die Lupe hervorholen. "Wir haben auch defensiv diszipliniert und konzentriert gestanden", auch dies, so Löw, sei ein Schlüssel zum Erfolg gewesen.

3:0 gegen die Niederlande, immerhin den Vizeweltmeister, die Nummer zwei der Fifa-Weltrangliste; zuvor hat die Mannschaft den WM-Vierten Uruguay geschlagen und den Rekordweltmeister Brasilien besiegt, sie hat alle EM-Qualifikationsspiele gewonnen, egal, ob in der Türkei oder in Österreich. Das Jahreszeugnis der Mannschaft fällt exzellent aus. Oder wie Müller es ausdrückt: "Ja, das Team hat überragend gespielt. Aber das ist ja nicht mehr allzu überraschend."

Die Nationalmannschaft hat derzeit nur noch ein ganz großes Problem: Dass es bis zur Europameisterschaft noch lange sechs Monate dauert. Wenn es nach Löw ginge, könnte die EM morgen beginnen.

Deutschland - Niederlande 3:0 (2:0)
1:0 Müller (15.)
2:0 Klose (26.)
3:0 Özil (66.)
Deutschland: Neuer - Boateng (ab 65. Höwedes), Mertesacker, Badstuber (ab 46. Hummels), Aogo - Kroos (ab 82. Rolfes), Khedira (ab 88. Lars Bender) - Müller, Özil, Podolski (ab 65. Götze) - Klose (ab 81. Reus)
Niederlande: Stekelenburg - van der Wiel, Heitinga, Mathijsen, Braafheid - van Bommel, Strootman (ab 64. Nigel de Jong) - Kuijt (ab 87. Wijnaldum), Sneijder (ab 87. Luuk de Jong), Babel - Huntelaar (ab 76. Beerens)
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Gelbe Karten: Klose - Sneijder
Zuschauer:
51.500 (ausverkauft)