Traum vom Europacup Warum immer mehr Deutsche in Luxemburg kicken

Von Johannes Scharnbeck

2. Teil: Warum es so schwer ist, ein Luxemburger zu werden


Später schaut auch noch Trainer Claude Osweiler im Haus des Präsidenten vorbei. Seit Saisonbeginn betreut er das Team und ist damit seit langem mal wieder ein luxemburgischer Coach bei Grevenmacher. Auch Osweiler lobt die Kicker von jenseits der Grenze: "Sie haben die Verbissenheit, die Franzosen und Luxemburgern fehlt. Außerdem sind sie taktisch gut geschult und man muss nicht ständig mit ihnen diskutieren." Trotz der warmen Worte, ein Einbürgerungsangebot hat bislang keiner der Legionäre erhalten. Luxemburger zu werden ist kompliziert, man muss erst fünf Jahre dort wohnen, um überhaupt eine Chance zu bekommen.

Die Chance auf den Europapokal

Und trotzdem: "Es gibt hier in der Region kaum eine Fußballadresse, die so attraktiv ist", findet der 25-jährige Stürmer Fatih Sözen. Seit Eintracht Trier vor zwei Jahren in die Oberliga abgestiegen ist, reizt nicht mal mehr der ehemalige Zweitligist. Den deutschen Gastarbeitern, die alle in Trier und Umgebung wohnen, fallen daher viele gute Gründe ein, für den CSG aufzulaufen. "Mit dem Auto ist man in 15 Minuten beim Vereinsgelände", sagt Kapitän Volker Schmitt, der noch unter Paul Linz bei der Eintracht gespielt hat, "und auch zu Auswärtsspielen sind wir nicht lange unterwegs. In Luxemburg erreicht man doch alles in einer halben Stunde."

Der beste Grund für ein Engagement in Grevenmacher (neben der kleinen Aufwandsentschädigung) ist laut Abwehrchef Christian Albrecht aber "natürlich die Chance auf den Europapokal". Der 34-Jährige spielt seit acht Jahren für den Verein und ist damit der dienstälteste Deutsche im Kader. Er war beim größten Erfolg der Clubgeschichte dabei, dem Gewinn des Doubles 2003, und kann seinen Mitspielern von insgesamt sechs Europacup-Reisen vorschwärmen: "Wenn sich einmal im Jahr der ganze Tross für vier Tage aufmacht, ist das schon ein besonderes Erlebnis."

Ob das den Spielern auch im nächsten Jahr vergönnt sein wird, ist jedoch fraglich. Etwas mehr als 500 Zuschauer sehen die vorentscheidende Partie gegen Ettelbrück. CSG-Anhänger mit einem Fanschal in den blauen Vereinsfarben kann man an einer Hand abzählen. Zwei kleine Jungs tragen Trikots, allerdings von Bayern München. Für viele Zuschauer scheint das Fußballspiel sowieso nur ein willkommener Anlass zu sein, sich mal wieder im Ort zu zeigen. Mütter schieben ihre Kinderwagen um den Platz, edle Hunde stolzieren samt Herrchen an der Tribüne vorbei, ein Junge buddelt in der Kugelstoßgrube hinter dem Tor.

"Die Saison ist für uns gelaufen"

Stadionsprecher und Vizepräsident Guy Fusenig wünscht allen "ein flottes Match". Beim Gegner aus Ettelbrück steht für luxemburgische Verhältnisse ein Fußballheld auf dem Platz: Alphonse Leweck. Im Großherzogtum ist der Mittelfeldspieler ein Star, seit er beim letzten Sieg der Nationalmannschaft im Herbst 2007 gegen Weißrussland das entscheidende 1:0 schoss – in der 94. Minute. Das bescherte Luxemburg einen historischen Erfolg: Bis zu diesem Tag musste das stolze Land eine zwölfjährige Leidenszeit ohne einen einzigen Sieg ertragen.

Gegen Grevenmacher fällt Leweck aber nur durch seine orange leuchtenden Schuhe auf. Auch die Mannschaft des CSG erfüllt so gar nicht die Vorgaben ihres Trainers. Claude Osweiler läuft zeternd die Seitenlinie rauf und runter, ein Großteil des Publikums regt sich dagegen selbst über den plötzlichen 0:1-Rückstand nicht auf.

Die Aufholjagd von Osweilers Mannschaft bleibt erfolglos. Der CSG verliert 0:1 und damit den Anschluss an die internationalen Plätze. Auf der Tribüne steht wie versteinert Jacques Plumer. "Die Saison ist für uns gelaufen", murmelt der enttäuschte Vereinspräsident. "Diese Leistung ist nicht akzeptabel, das wird Konsequenzen haben", sagt er dann noch. Was immer diese Konsequenzen sein mögen, die deutschen Grenzgänger werden sie wohl kaum betreffen.



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