Traumtrainer für München Bayern kauft sich die Klinsmann-Revolution

Erfolgsbesessen, zielstrebig, machtbewusst: Jürgen Klinsmann ist nicht nur eine Überraschung, sondern auch der mächtigste Bayern-Coach, den es je gab. Der Ex-Bundestrainer krempelte schon den DFB um und wird auch den Münchner Club verändern - mehr als dieser ihn.

Jürgen Klinsmann galt schon beim DFB als kompromissloser Reformierer. Da überrascht es nicht, dass er auch als Bald-Bayern-Trainer gleich die ersten Opfer fordert: Alle Unverbesserlichen, alle Freunde des Testosteron-Titans mussten die Hoffnung endgültig begraben, dass Oliver Kahn seinen 40. Geburtstag doch noch als Torwart der Münchner feiern könnte.

Klinsmann bei Bayern-Pressekonferenz: Keine Kompromisse

Klinsmann bei Bayern-Pressekonferenz: Keine Kompromisse

Foto: DPA

"Mich tangiert das nicht mehr", ließ der Bayern-Keeper verlauten, nachdem feststand, wer da in München anheuert. Er und der Mann, der ihn des WM-Stammplatzes beraubt hatte, in einem Team?

Das sprengte dann doch jede Vorstellungskraft. Kahn, 38, geht definitiv. Dessen Vertrag endet am 30. Juni dieses Jahres.

Einen Tag später beginnt Jürgen Klinsmann offiziell seinen Job beim FC Bayern. In den kommenden Monaten wird sich deshalb ein seltsames Schauspiel ereignen: Egal, ob die Münchner die Meisterschaft gewinnen, den Uefa-Cup, den DFB-Pokal oder alles oder gar nichts - es wird keine Rolle spielen.

So groß ist der Coup der Klinsmann-Verpflichtung, dass das Jetzt keine Bedeutung mehr hat. Noch-Trainer Ottmar Hitzfeld könnte beichten, er sei von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge mit heißem Kerzenwachs gefoltert worden - ja und?

Es zählt nur noch das Bald mit Klinsmann.

Dass jetzt alles überraschend schnell ging mit der Eheschließung Klinsmann/Bayern, obwohl die Münchner doch eigentlich in Ruhe "im stillen Kämmerlein" beraten wollten, spricht dafür, dass der ehemalige Bundestrainer eine Art Blankovertrag zur Unterschrift bekam und nur noch seine Forderungen einzutragen brauchte. Der Mann bekommt, was er will. Man frage nach beim DFB. Oder bei Uli Hoeneß. Legendär waren die Vertragsverhandlungen mit dem Spieler Klinsmann. Der abgezockte Bayern-Manager zürnte wegen der Unverfrorenheit des Stürmers - und erfüllte dennoch alle Forderungen.

Das Bewerbungsschreiben für den Job in München hatte Klinsmann schon vor mehr als einem Jahr in der "Zeit" abgegeben. Trotz gelegentlicher Differenzen mit Bayern-Manager Hoeneß könne es "durchaus eine gemeinsame Basis, sogar eine gemeinsame Zukunft geben, irgendwo, irgendwann", sagte der 43-Jährige. Damals schien das ungefähr so wahrscheinlich wie eine Rückkehr Otto Rehhagels nach München, Hoeneß und Klinsmann konnte man sich höchstens gemeinsam bei einem Managerkurs in den USA vorstellen.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Die früher so sparsamen Bayern geben nun Millionen für neue Spieler wie Miroslav Klose oder Luca Toni aus und betreiben glaubhaft einen Angriff auf die europäische Spitze. Sie sind damit (und durch die Ankündigung, weiter ins Team zu investieren) schneller für den ehrgeizigen Klinsmann interessant geworden, als der es selbst glaubte. Der Schwabe, der künftig wieder in Deutschland und nicht mehr in Kalifornien leben wird, strebt neben guter Bezahlung und umfassendem Einfluss vor allem nach Erfolg.

Das war schon der Grund, warum er 1995 als Spieler nach München ging. Er wollte unbedingt Deutscher Meister werden, etwas, das er beim VfB Stuttgart zwischen 1984 und 1989 nicht geschafft hatte. Und er verließ München 1997 tatsächlich mit der Meisterschale.

Der Erfolgsmensch gab als Neu-Bundestrainer als Ziel nichts Geringeres als den WM-Titel aus. Auch in München kommen forsche Töne gut an - unter der Vorgabe, stets Erster zu sein, macht man es in München nicht.

Die Champions League ist das Ziel. Auch für Klinsmann.

Nun kann eingewendet werden, dass der neue Bayern-Coach doch noch kein Vereinsteam trainiert habe, und natürlich wäre das ein schwerwiegendes Argument - wenn Klinsmann die Bayern denn trainieren würde. Doch der neue Angestellte wird jenen Arbeitsstil pflegen, mit dem schon der DFB gute Erfahrungen gemacht hat: Klinsmann wird eine Art sportlicher Supervisor sein, ein Manager im Trainingsanzug. Die Arbeit auf dem Platz macht sein Trainerstab.

Als sportlicher Manager hat sich Klinsmann beim DFB einen herausragenden Ruf erworben, doch die Grundlagen seines Tuns eignete er sich schon früher an. In England, als Stürmer bei Tottenham, lernte er das System des Teammanagers kennen und schätzen. Aus den US-Profiligen übernahm Klinsmann die Rundumbetreuung der Profis durch verschiedene Coaches.

Er setzte diese Ideen um, auch weil diese ihm als Spieler immer gefehlt hatten. In München freuen sie sich auf den Reformer Klinsmann, ein Revolutionär ist er freilich nicht.

Bleibt die nicht unwichtige Frage nach dem sogenannten Umfeld in München. "Bild", die "tz", die "Abendzeitung" - die Boulevardmedien der bayerischen Landeshauptstadt sind berüchtigt. Die Bayern-Granden Hoeneß, Rummenigge und Beckenbauer werden sich weiter in deren Lieblingsmedien äußern. Doch diese sollten sich hüten, Klinsmann öffentlich Ratschläge zu erteilen wie unlängst Hitzfeld. Während seiner Zeit beim DFB hat Klinsmann gezeigt, dass er interne Kritik akzeptieren kann und sich dem Rat von Fachleuten nie verweigert.

Die Münchner wollten eine "große Lösung" und einen "starken Mann". Nun haben sie beides. Klinsmann wird die Bayern verändern. Mehr jedenfalls, als die Bayern Klinsmann verändern werden. Das verdeutlicht vielleicht am besten, wie stark der Mann ist, den sich die Münchner geholt haben.