Trendiger Torjubel Showorchester Ungelenk

Früher umarmten sich Profis nach Toren, heute werden Wappen geküsst, Schuhe geputzt, Raketenwerfer geschultert und mit den Händen Friedenstauben geformt. Da fragt sich der Fan und "11 FREUNDE"-Autor Philipp Köster: Sind wir noch beim Fußball oder schon in der Theater-AG?


Der moderne Fußball hat viele Abscheulichkeiten hervorgebracht. Den Schalensitz, die Knappenkarte, den Videowürfel. Eine der widerwärtigsten Errungenschaften der neuen Zeit ist jedoch der Torjubel. Nein, nicht jene herzhafte Umarmung von einst, bei der sich gestandene Männer ungelenk beschmusten, ihre Schnauzbärte aneinander rieben und triumphierend die Fäuste in die Luft streckten. Wenn im modernen Fußball ein Tor fällt, flackert die Videowand, dröhnt ein Schlager aus den übersteuerten Boxen, und auf dem Rasen beginnt die Zeit der Wappenzeiger, Babyschaukler, Schuhputzer, Eckfahnentänzer, Hemdhochreißer, Eheringküsser, Zaunkönige, Rasenrutscher, Saltoschläger, Breakdancer, Salutierer, Jesus-Freaks, Pistoleros, Segelflieger, Ohrenschrauber, Abklatscher, Toreros, Trainerkuschler und Schattenboxer.

Kaum ein Spieler, der sich noch unspektakulär von seinen Mitspielern feiern lässt. Stattdessen halten sich selbst jene Kicker für Burgschauspieler, die damals in der Weihnachtsaufführung der Grundschule nicht einmal den Esel spielen durften, weil die Klassenlehrerin Angst um ihre Reputation hatte. Also sehen wir Samstag für Samstag groteske Pantomimen, die dem Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen vor Scham körperliche Schmerzen bereiten. Wenn sich ein gestandener Mann wie Lucio den Ball unters Trikot stopft und debil am Daumen nuckelt. Wenn Schalkes Rafinha so gierig die Eckfahne bespringt, dass sicher auch auf "Youporn" ausreichend Klicks zusammenkämen. Und wenn Franck Ribéry sich mit klebrigem Pathos ans Bayern-Wappen greift, während Stürmerkollege Luca Toni eine eingebildete Glühbirne im Ohr verschraubt, in der vergeblichen Hoffnung, dass es im Kopf ein wenig heller werde.

Wie konnte es soweit kommen, dass jedes Wochenende aufs Neue das Showorchester Ungelenk Premiere feiert? Nun, wer mit dem ganzen Mist angefangen hat, ist zweifelsfrei dokumentiert. Roger Milla feierte seine Tore bei der WM 1990 in Italien mit einem Makossa-Tanz an der Eckfahne. Was damals noch als afrikanische Folklore durchgehen mochte, hatte fatale Folgen. Fortan hampelten nämlich auch dutzendweise Mitteleuropäer so hüftsteif an der Eckfahne herum, dass im deutschen Tanzlehrerverband eine Krisensitzung die nächste jagte.

Die nächste Stufe des Grauens zündete dann der Brasilianer Bebeto, der bei der WM 1994 nach Toren eine imaginäre Babywiege schaukelte, um die bevorstehende Niederkunft seiner Gattin anzukündigen. In der Folge hielten es auch hierzulande Hinz & Kuntz für angebracht, die Anhänger mit ihren privaten Nichtigkeiten zu belästigen. Seither kann in europäischen Profiligen keine Spielerfrau mehr schwanger werden, ohne dass sich sofort eine mannschaftsinterne Theater-AG bildet, die bis zum nächsten Wochenende eine passende "Baby-an-Bord"-Choreographie ausarbeitet.

Heute machen sich viele Spieler offenbar deutlich mehr Gedanken über die eigene Performance nach dem Tor als vor dem Tor. Im Training müssen wertvolle Übungen am Kopfballpendel und Laktatmessungen verschoben werden, weil sich Mittelfeld und Sturm erst einmal umständlich auf den passenden Torjubel fürs nächste Wochenende verständigen müssen. Nicht dass Kuranyis Raketenwerfer aus Versehen Bordons Babywiege wegballert. Und vor dem Spiel muss immer häufiger die Ansprache des Trainers wegfallen, weil die Spieler ein letztes Mal die komplexe Schrittfolge des Ringelreihens an der Eckfahne durchgehen.

Ohnehin artet die angestrengte Jubelei immer häufiger in Stress für alle Beteiligten aus. Anstatt sich nämlich selig in die Arme der Mitspieler fallen lassen zu können, müssen sich die Torschützen ihre Mannschaftskollegen erst einmal mit allen Mitteln vom Leibe halten, um die geplante Darbietung kameragerecht umsetzen zu können. Also rennen sie nach dem Treffer los wie die schnellste Maus von Mexiko und reißen sich gar unwirsch los, wenn vorwitzige Mitspieler den Laufweg erahnt haben.

Vielleicht ist diese Flucht vor dem eigenen Team sogar das Widerwärtigste am neuzeitlichen Spektakel, liegt ihr doch die egozentrische Annahme zugrunde, der Torjubel gehöre dem Schützen allein. Dabei ist ganz im Gegenteil der Jubel nach einem Treffer der Moment, der ausschließlich der Mannschaft gehören sollte. Sie hat schließlich das Tor durch ihr Zusammenspiel ermöglicht, jeder anständige Spieler würde ihr im Moment des Erfolges seine Reverenz erweisen. Moderne Stürmer aber denken gar nicht daran; lieber deuten sie selbst nach simplen Abstaubern eitel auf ihre Rückennummern oder recken die Zeigefinger bedeutungsschwanger in Richtung Himmel. Ganz so, als habe der liebe Gott gerade partout nichts Besseres zu tun, als beim Montagsspiel der Zweiten Liga reinzuschauen.

Und so wird es wohl das ewige Geheimnis des Nürnbergers Ivica Banovic bleiben, was er sich wohl dabei gedacht haben mag, als er vor Jahresfrist in der Nachspielzeit der Bundesliga-Partie gegen Werder Bremen per Elfmeter den nicht mehr allzu wichtigen 1:2-Ehrentreffer erzielte. Anschließend gab der Kroate nämlich nochmal alles, deutete vielsagend auf die Tribüne, zückte ein imaginäres Telefon, klopfte sich pathetisch aufs Vereinswappen und warf ausgiebig Kusshände ins Publikum. Was Coach Hans Meyer einigermaßen fassungslos kommentierte: "Ich dachte, er hätte gerade das Siegtor erzielt. Entweder hat er die Journalisten gegrüßt oder die ganze Verwandtschaft dagehabt."



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