Trendsportart Futsal Schöne Tore, große Show

Tempo, Tricks und tolle Dribblings: Das ist Futsal, die Fußball-Schwester aus Lateinamerika. Weltweit schwärmen schon zehn Millionen Aktive für den raffinierten Trendsport, in Brasilien hat jetzt die sechste WM begonnen. Deutschland ist noch nicht dabei - will aber bald eine Bundesliga gründen.

Von Daniel Wiemann


Der Spieler führt den Ball eng am Fuß, läuft auf den Torwart zu, und lupft die Kugel über seinen Kopf und den Torhüter. Er guckt sich einmal um, und bevor ein Gegner in die Nähe des Balles kommt, schießt er ihn direkt aus der Luft ins Tor.

Falcão hat wieder einmal getroffen.

Es ist bereits das 7:0 für Brasilien gegen die überforderten Thailänder, fünf Minuten vor dem Ende. Schöne Tore, tolle Dribblings - Futsal ist eine große Show. Trotzdem steht auch hier der Erfolg über allem.

Schönheit und Erfolg - sind nur schwer zu vereinbaren, meinen viele Fußballtrainer. So werden Tricks häufig als brotlose Kunst abgestempelt und den Spielern indirekt ausgeredet. Nicht so beim Futsal. Hier werden gerade diese Eigenschaften gefordert. Bei der an diesem Dienstag beginnenden sechsten Fifa Futsal-Weltmeisterschaft in Brasilien wollen die Superstars der Szene wie der Brasilianer Falcão oder der Portugiese Ricardinho die Fans wieder mit ihren Tricks verzaubern. Dazu wird ein sprungreduziertes und kleineres Spielgerät als beim Fußball verwendet. "O Esporte da Bola Pessada", die Sportart des schweren Balls, wird Futsal auch genannt.

Die herausragenden Spieler zeichnet aus, dass sie sich die kleinsten Lücken auf dem Feld mit Kabinettstückchen und Finten erarbeiten. Die Tugenden beim Futsal heißen Technik, Finesse und Beweglichkeit. Allerdings ist Futsal keineswegs eine Sportart, in der die Mannschaft zweitrangig ist. Auch schnelle Kombinationen sind bei dieser Variante des Fußballs ein wichtiger Erfolgsbaustein.

Die Betonung beim Futsal liegt auf dem größtenteils körperlosen, technischen Spiel - Fouls werden restriktiv geahndet, Tacklings am Mann und Rempeln sind komplett verboten und werden mit Gelb bestraft. Zwei gleichberechtigte Schiedsrichter passen genau auf, dass diese Regeln eingehalten werden. Auch darauf, dass es nach sechs Fouls einer Mannschaft für den Gegner einen Strafstoß aus zehn Metern Entfernung gibt.

Eines der wichtigsten Motive des Futsals war es, mehrere populäre Sportarten zu einer einzigen zu vereinen. So bildet der Fußball die Grundlage, es lassen sich aber auch Elemente aus dem Handball und vor allem dem Basketball erkennen. An Handball erinnern nicht nur die Größe der Tore und des Spielfelds, sondern auch die Auszeiten-Regelung. Aus dem Basketball wurde das körperlose Spiel übernommen und die Regel, dass es nach einer bestimmten Anzahl von Fouls Freiwürfe beziehungsweise einen Strafstoß für die gegnerische Mannschaft gibt.

In der Welt schon groß, in Deutschland noch ganz klein

Immer mehr Fußballer scheint diese Spielform zu faszinieren. Die Popularität des Futsals steigt, mittlerweile gibt es weltweit über zehn Millionen Aktive - Tendenz steigend. Die erste Fifa Futsal-Weltmeisterschaft fand bereits 1989 in den Niederlanden statt und ist damit das viertälteste Fifa-Turnier. Brasilien gewann die Austragung. Neben den südamerikanischen und asiatischen Ländern ist Futsal vor allem in Süd- und Osteuropa beliebt. Auch Ronaldinho begann als kleiner Junge mit dem Futsal.

Hierzulande spielt Futsal jedoch noch keine Rolle. Eine positive Entwicklung ist dennoch zu sehen - es gibt Bemühungen von Seiten des DFB, eine bundesweite Liga und, in noch nicht absehbarer Zeit, eine Nationalmannschaft zu gründen. Allerdings hat der DFB viel Nachholbedarf. "Es gibt bereits 90 Nationalverbände auf der Welt, in denen Futsal gespielt wird", sagt der Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes Dirk Fischer: "In Deutschland hat sich der DFB klar zu einem Ausbau der Organisationsstruktur bekannt, so dass wir mit der rasanten Entwicklung des Futsal hoffentlich bald mithalten können." Von der Professionalisierung der Sportart wie in Spanien, wo es sogar eine eigene Profi-Liga gibt, ist man allerdings noch weit entfernt.

Mit der "FutsalLiga Hamburg" begann am Wochenende bereits die siebte offizielle Futsal-Liga eines Fußballverbandes in Deutschland, weitere sind geplant. Auf Landesebene wird seit 2006 beim DFB Futsal-Cup, einem zweitägigen Turnier, der Deutsche Meister ausgespielt. Diesen Titel konnte sich der UFC Münster bereits zweimal sichern.

Der Fokus ist in den kommenden Wochen aber ohne Zweifel auf die Weltmeisterschaft in Brasilien gerichtet. Dort will der Gastgeber nach 1989, 1992 und 1996 zum vierten Mal den Titel an den Zuckerhut holen. Größter Konkurrent dürfte dabei Weltmeister Spanien sein. Die Iberer gewannen die beiden vergangenen Turniere und besiegten die Brasilianer dabei 2000 im Finale und 2004 im Halbfinale. Die Seleçao blickt jetzt schon auf den 19. Oktober, den Tag des Endspiels. Das Erreichen sollte für die Edeltechniker Formsache sein und der Gegner in Rio de Janeiro nach Möglichkeit Spanien heißen.

Bereits in den Spielen zuvor wird Falcão vermutlich wieder zaubern. Der als am trickreichsten geltende Akteur wurde bei der vergangenen Weltmeisterschaft 2004 in Taiwan als Spieler des Turniers und später als Erster zum weltweit besten Futsal-Spieler gekürt. Das Einzige, was ihm noch fehlt, ist der WM-Titel. "Mein größter Wunsch besteht jetzt darin, bei der WM im eigenen Land nicht nur das Finale zu bestreiten", sagte der 30-Jährige auf Fifa.com, "sondern dort auch Tore zu erzielen, um meiner Mannschaft so zum WM-Titel zu verhelfen."

Bei der diesjährigen Weltmeisterschaft sind 20 Teams dabei, vier mehr als bei der vergangenen WM, und dennoch sieht Falcao die Favoritenrollen klar verteilt: "Natürlich wir und die Spanier, ganz klar. Allerdings dürfen wir auch Russland, Italien, Portugal und Argentinien nicht unterschätzen, denn auch diese Mannschaften haben sich in letzter Zeit enorm verbessert." Die Fans freuen sich in jedem Fall wieder auf tolle Tricks und schöne Tore - solche wie die von Falcão.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.